Roetgen - Eine Weltreise in der Roetgener Wanderstation

Eine Weltreise in der Roetgener Wanderstation

Von: pp
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Die Autorin und Journalistin Katharina Finke las in der Wanderstation Roetgen aus ihrem autobiografischen Buch „Loslassen“. Etwa 30 Zuschauer verfolgten gebannt die Ausführungen der Neu-Berlinerin. Foto: Thomas Schmitz/Agentur ProfiPress

Roetgen. Das Leben heutzutage besteht aus viel Stress. Man setzt sich selbst unter Druck, weil man alles und jedem gerecht werden und am liebsten auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen will. Um dem zu entgehen, hilft eigentlich nur eines: Loslassen! So heißt auch das Buch der Journalistin Katharina Finke, aus dem sie jüngst im Rahmen der Lit.Eifel in der Wanderstation in Roetgen vortrug.

Finke, Jahrgang 1985, hat losgelassen und jahrelang nur aus zwei Koffern gelebt. Sie hat sich von ihrem Hab und Gut getrennt und ist um die Welt gereist. Dabei hat sie auch einen neuen Lebensstil für sich entdeckt: den Minimalismus.

Den zu erlangen, kostet einiges an Überwindung und setzt ein Umdenken voraus. „Dazu muss man sein Gehirn trainieren, das ist auch Stress“, berichtete die Autorin in der mit rund 30 Leuten vollbesetzten Wanderstation und gab gleich zu Beginn einen kleinen Exkurs: „Loslassen ist ein Prozess. Doch wenn man mit weniger zufrieden ist, dann hat man auch weniger Angst und ist genügsamer.“

Zum ersten Mal losgelassen hat Katharina Finke, die von Roetgens Bürgermeister Jorma Klauss begrüßt wurde, nach dem Abitur an einem Frankfurter Gymnasium, als sie im englischen Bristol in einer Einrichtung für geistig und körperlich behinderte Kinder arbeitete. Das Fernweh blieb auch nach der Rückkehr, Rettung nahte in Form des Fernsehens. Denn als Journalistin reiste sie um die ganze Welt – von New York nach Ozeanien nach Vancouver nach Melbourne nach Los Angeles – und das alles in kürzester Zeit. Sie besuchte im australischen Outback den Ort Coober Pedy, die Opal-Hauptstadt, in dem die Menschen unterirdisch in Wohnhöhlen leben oder berichtete darüber, welchen Einfluss die Dreharbeiten der Spielfilmreihen „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ auf Neuseeland hatten. In Portugal kam sie ein wenig zur Ruhe.„Kleidung, Laptop, Handy – mehr brauche ich nicht“, sagte Finke.

Sie lebte dort aus dem Koffer und empfand es als Privileg, ihr Hab und Gut los zu sein: „Man hat viel mehr Freiheiten.“ Erst als ein Freund starb, sei sie an die Grenzen ihrer Losgelöstheit geraten. Denn wenn man keinen Rückzugsort hat, kann man nur schwer alleine trauern. Als sie später einen Mann kennenlernte, stellte sie sich die Frage: Soll sie nicht doch mal festhalten anstatt loszulassen?

Nach der Lesung bot die Autorin noch die Möglichkeit, ihr Fragen zu stellen – und das wurde ausgiebig genutzt und war mindestens so spannend und erkenntnisreich wie ihre Reiseerlebnisse. In der Runde zeigte sie sich offen und ehrlich und gab beinahe noch mehr von sich preis als im Buch. So seien ihre Reisen eigentlich selten spontan, meist habe sie ein klares journalistisches Ziel vor Augen. Im Land selbst setze sie auf exzessive Recherche vor Ort. Außerdem frage sie immer bei Zeitungen, Magazinen und Fernsehsendern an, ob Bedarf an Geschichten aus dem jeweiligen Land bestehe. Es sei auch kein Widerspruch in ihrem Minimalismus-Gedanken, dass sie eben Notebook und Smartphone habe, wie es ein Zuschauer meinte: „Das eine brauche ich zum Arbeiten, mit dem anderen halte ich Kontakt zu meinen Freunden.“

Minimalismus bedeutet für Finke nicht die totale Askese. „Ich fliege noch viel zu viel und tue manchmal auch böse Dinge“, erzählte sie im Hinblick auf ihre Laptopmarke. Natürlich wollten einige Gäste wissen: Wie erlange ich denn meine absolute Freiheit? Da hat Finke nur einen Tipp übrig: Einfach machen, und gucken, was passiert.

Die Lesung in Roetgen war übrigens eine Familienveranstaltung: Eltern und weitere Verwandte waren in die Eifel gekommen. Der Vater sagte: „Unsere Tochter ist schon immer mutig gewesen, und das bewundere ich.“

Vielleicht wird Katharina Finke zumindest ein bisschen sesshaft. Zum ersten Mal seit Jahren befindet sie sich in einem Mietverhältnis. Mit ihrem Lebensgefährten wohnt sie in Berlin. In zwei Monaten erwarten die beiden Nachwuchs. Allerdings will sie auch nach der Geburt so weiterleben wie bisher: minimalistisch und auf Reisen.

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