Imgenbroich - Eine Endstation mit Blick in die Zukunft

Eine Endstation mit Blick in die Zukunft

Von: Mischa Wyboris
Letzte Aktualisierung:
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Anlaufstelle für Jung und Alt aus rund 30 Nationen: Das Caf International mit dem Team um Luise Kube (vorne links), Inge Theißen (vorne rechts), Gisela Bongard (hinten links) und Lotte Brune (hinten rechts). Foto: Mischa Wyboris

Imgenbroich. Die Stirnfalten als Ausdruck seiner Skepsis sind kaum zu erkennen. Zu tief sind die Furchen, die das raue Leben schon vor Jahren in sein Gesicht schrieb. Er hält ein Formular in der Hand, dessen Inhalt er nicht versteht.

Die Zahlen 112 kann er lesen, doch mit all den Buchstaben weiß der 77 Jahre alte Flüchtling aus Albanien gar nichts anzufangen. Er hat weite Wege hinter sich, und es scheint, als sei nun Endstation.

>Vor anderthalb Jahren ist er von Albanien nach Deutschland geflüchtet. Seitdem lebe er auf Langschoß, der Unterkunft für Obdachlose und Asylbewerber nahe der belgischen Grenze, erklärt Inge Theißen. Sie ist die Leiterin der Einrichtung „Café International” und sitzt dem 77-Jährigen gerade gegenüber. Er habe Verwandte in Kiel und sei auf seiner spontanen, fahrscheinlosen Reise vom Schaffner aus dem Zug geworfen worden, erzählt Theißen weiter. Endstation.

Zwischen Traum und Trauma

Theißen und ihre ständigen Mitarbeiterinnen vom Café International kennen Fälle wie diesen zuhauf. Seit 1994 betreiben die ehrenamtlichen Helferinnen die Begegnungsstätte, über 16 Jahre hinweg haben sie sich ein Netzwerk aufgebaut, von dem Hilfesuchende profitieren können. „Wir können vermitteln”, erklärt Mitarbeiterin Luise Kube, „wir kennen Hinz und Kunz.” Und die Probleme von Menschen, die zwar hier angelangt, aber nicht angekommen sind. Menschen, die auf der Suche nach einem besseren Leben auf den Ausgang ihres Asylbewerberverfahrens warten. Menschen zwischen Traum und Trauma. Um ihre Integration zu beschleunigen, bietet das Café International spezielle Deutschkurse in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule.

„Man verlangt von ihnen, dass sie sich integrieren, aber man gibt ihnen keine Perspektive”, beklagt Kube. Rund 30 Menschen aus fast ebenso vielen Nationen besuchen jeden Montag das Café, das einmal wöchentlich all diejenigen zusammenführen möchte, die ansonsten völlig isoliert leben. Auf Langschoß. Mitten im Wald. Wo früh am Morgen und spät am Abend einmal ein Bus hält. Kostenlose Kleider, Kaffee und Kuchen sind die eine Seite der Hilfe im Café International, Vermittlung zwischen Behörden, Beratung beim Ausfüllen von Formularen, Unterstützung durch Hausaufgabenbetreuung die andere.

Mit ihrem Montagsangebot leisten die Frauen, was sie können. Allerdings: „Die Kinder brauchen mehr als nur einmal wöchentlich Nachhilfe”, sagt die Mitarbeiterin und einstige Lehrerin Lotte Brune. Es fehle an Kontinuität, an Strukturen. Förderklassen zum Beispiel, die es auf dem Land nicht gibt.

Dennoch: Davon, dass die Arbeit der Ehrenamtlerinnen vom Café International ausgezeichnet ist, zeugen drei Urkunden, die die Wand schmücken. Preisverleihungen für integrative Arbeit gab es 2003, 2005 und 2009. Gerade erst waren die Café-Frauen wieder in Berlin, diesmal zum Jubiläum der Bundesauszeichnung „Botschafter für Toleranz”. Sie selbst sind Preisträgerinnen. Ihre Initiative erfährt Unterstützung unter anderem von den Pfarrgemeinden, Verbänden und Sozialämtern, mit denen sie im ständigen Kontakt stehen.

Luise Kube hat sich mittlerweile des Schreibens der Bahn angenommen. 112 Euro soll der 77 Jahre alte Albaner nachzahlen, der kein Wort Deutsch versteht. In seinen Augen spiegelt sich Ratlosigkeit, Resignation. Kube wird dem Albaner das Verfassen der Antwort abnehmen und die Bahn um Stundung des Betrags bitten. Mehr kann sie diesmal nicht tun. „Wir wissen, dass wir nicht für alles eine Lösung haben”, sagt Kube. „Wir sind eine Anlaufstelle für sämtliche Probleme.” Für einige Menschen eine Art Endstation, von der aus es irgendwie weitergehen muss.
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