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Ein zweiter Anfang für das Projekt Vogelsang

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Vogelsang: Ab Mai wird die Idylle durch Bauarbeiten gestört. Foto: dpa

Schleiden. Schöne Erinnerungen, findet Günter Rosenke, seien so etwas wie „Wärmeflaschen fürs Herz”, und deswegen trägt Rosenke mindestens noch einige Tage lang ein gut gewärmtes Herz mit sich herum.

Am Dienstag nämlich haben sich der parteilose Euskirchener Landrat Rosenke und einige andere Politiker und Beamte gemeinsam daran erinnert, wie aus dem belgischen Truppenübungsplatz Vogelsang unter ihrer Führung der heutige Standort erwachsen ist, der einfach nur noch Vogelsang heißt. Vor relativ genau zehn Jahren fanden die ersten Gespräche statt. Rosenke und seine damaligen Mitstreiter finden, dass sich Vogelsang, das ja bis 1945 NS-Ordensburg war, toll entwickelt hat. Wenn auch „in kleinen Schritten”, wie Rosenke sagt.

Diese kleinen Schritte sind andererseits aber auch ein Problem; denn für Wanderer und andere Vogelsang-Besucher ist kaum ersichtlich, was sich dort eigentlich getan haben soll, seit es am 1. Januar 2006 für die Öffentlichkeit zugänglich wurde. Es gibt zwei Probleme bei der Umwandlung vom militärisch genutzten hin zum touristischen Vogelsang: Die öffentlichen Finanzen sind begrenzt, und die Bürokratie bremst dort mehr als anderswo, weil sich nicht nur Kommunen, Kreise, Land und Bund finanziell auf Vogelsang engagieren, sondern auch die EU. Ist ein Konsens mit allen Gesellschaftern erzielt, sind mehr Genehmigungsverfahren zu durchlaufen, als es auf der Welt überhaupt gibt, zumindest fühlt es sich so an.

Mitte Mai nun sollen endlich, endlich die Bagger auf Vogelsang anrollen und mit dem Bau des Forums begonnen werden, der zen-tralen Anlaufstelle des 100 Hektar großen Geländes. Das Forum Vogelsang ist das zentrale Bauvorhaben, kostet 35 Millionen Euro und sollte entsprechend der ursprünglichen Planung eigentlich schon 2011 fertig gewesen sein, na ja. Teurer als 35 Millionen darf es nicht werden, denn mehr Geld ist nicht da. Das Forum, also der Adlerhof und anliegende Gebäude, wird von Grund auf saniert und modernisiert. Ein neuer Seminarraum soll entstehen, eine neue Halle für die Gastronomie, der Aussichtsturm bekäme einen neuen Zugang und so weiter. Im Forum soll auch ein überfälliges NS-Dokumentationszentrum entstehen, in dem die Geschichte auch der früheren Ordensburg ausführlich dargestellt wird.

Seit Vogelsang 2006 erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich wurde, sind nach Angaben der Betreiber 1,1 Millionen Menschen dort gewesen, im Moment kommen etwa 200.000 pro Jahr. Geschäftsführer Albert Moritz glaubt, dass es „in fünf, sechs Jahren 400.000 im Jahr sein werden”. Und wenn man weiter in die Zukunft schaut, zehn bis 15 Jahre, dann „werden sich viele darüber wundern, was Vogelsang für ein lebendiger Ort sein wird”, sagt Moritz.

Dass die Bauarbeiten nun bald beginnen, wertet insbesondere die Standortentwicklungsgesellschaft Vogelsang als neuen Anfang für die Vermarktung der 54 denkmalgeschützten Vogelsang-Gebäude und der großen Freiflächen. Thomas Wondra von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben sagt: „Wir müssen die Vermarktung deutlich intensivieren, damit die beträchtlichen Unterhaltskosten refinanziert werden.” Überdies müsse die Infrastruktur des Geländes ausgebaut und verbessert werden, „sonst investiert dort niemand”. Und die Vermarkter wünschen sich doch so sehr ein Hotel für Vogelsang, für das bislang kein Investor gefunden werden konnte.

Das Wichtigste aber ist für viele Menschen, dass Vogelsang entgegen vieler Befürchtungen bislang kein Wallfahrtsort für Neonazis geworden ist. „Solange auf Vogelsang Leben ist”, sagt Günter Rosenke, „solange haben solche Menschen dort keine Chance.” Die Erinnerung daran, dass dies bisher so war, wird ihm sein Herz noch eine ganze Weile wärmen. Mit Recht.
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