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Ein Stück Alt-Imgenbroich verschwindet

Von: Heiner Schepp
Letzte Aktualisierung:
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Ein Trümmergrundstück im Herzen von Imgenbroich erwarb August Ritter 1948 und erbaute hier den „Kaisersaal“ mit der bis heute weitgehend unveränderten Bruchsteinfassade. 1966 übernahm sein Sohn Artur Ritter mit seiner Frau Mena Saal, Gaststätte und Hotel, 1985 dann deren Tochter Edith Becker mit Ehemann Norbert. Bald wird das Gebäude abgerissen.
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Einfahrt nach Imgenbroich in den 1930er-Jahren: Das weiße Gebäude rechts ist der „Kaisersaal“, der 1944 im Krieg beschossen wurde, niederbrannte und 1948 in der heutigen äußeren Form neu aufgebaut wurde.
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Seit 1906 hieß die Schankwirtschaft an der Trierer Straße 257 in Imgenbroich „Kaisersaal“. Fotos (3): Heiner Schepp

Imgenbroich. Wenn man aus dem Monschauer Tal über die Trierer Straße nach Imgenbroich kommt und sich dem Ortskern nähert, dann fällt der erste Blick unweigerlich auf das große Haus mit der markanten Bruchsteinfassade. Das liegt nicht nur daran, dass das alte Gebäude rechts genau in der ersten Kurve im Ort liegt und recht nah an die Hauptverkehrsader heranreicht.

 Der Schriftzug „Kaisersaal“ mit zehn neonbeleuchteten Versalien, die Reklameschilder, der mit großen weißen Steinen eingefasste Eingang und die Geranienkästen – all das ist seit Jahrzehnten ein vertrautes und auch kaum verändertes Bild.

Doch der gewohnte Blick auf das Haus Trierer Straße 257 wird bald aus dem Ortsbild verschwinden – und ebenso Imgenbroichs letzte Gaststätte der alten Art. Denn der „Kaisersaal“, der vor 127 Jahren erstmals in den Geschichtsbüchern des früheren Tuchmacherdorfs erwähnt wird und mindestens seit 1906 diesen Namen trägt, feiert am kommenden Samstag, 20. Mai, ab 18 Uhr seinen Abschied – und das Gebäude wird voraussichtlich noch in diesem Jahr abgerissen.

„Ein bisschen Wehmut ist schon dabei“, bekennen Edith und Norbert Becker, „aber die Zeit bleibt halt nicht stehen, und wir haben ein Alter erreicht, in dem man sagen muss: Es ist genug“, so das Ehepaar, das den „Kaisersaal“ in dritter Generation der Familie Ritter/Becker geführt hat.

Das Haus wurde, damals noch als Gaststätte Offermann, erstmals am 15. Februar 1890 erwähnt, wie es in der Chronik der Gastwirtschaft heißt. Allerdings ist dem Buch „Wirtshauswesen-Kleinhandel-Trinkgewohnheiten im 19. Jahrhundert“ von Hans Gerd Lauscher zu entnehmen, dass es schon in den 1860er-Jahren „Reichensteiner Branntweinlieferungen für die Schankwirtschaft von Heinrich Welter in Imgenbroich“ gab, die später von Gerhard Offermann weiter geführt wurde.

Als Nachfolger der Familie Offermann übernahm Josef Theißen Grund und Gebäude und führte es als Restauration „Kaisersaal“ ab 1906 bis zur Zerstörung im Jahre 1944 weiter. Der „Kaisersaal“ wurde durch Artilleriebeschuss im Zweiten Weltkrieg so stark zerstört, dass er bis auf die Grundmauern abbrannte. Den übriggebliebenen Schutt benutzten amerikanische Soldaten, um die zerstörte Straße des Ortes Imgenbroich wieder befahrbar zu machen.

Das Trümmergrundstück im Herzen von Imgenbroich wurde dann 1948 von August Ritter erworben. Nach Aufräumungs- und Bebauungszeit wurde der heutige „Kaisersaal“ am 6. Juni 1951 wiedereröffnet.

August Ritter führte den Betrieb hauptsächlich als Schankwirtschaft. Als dann sein Sohn Arthur Ritter am 1. Juni 1966 die beliebte Imgenbroicher Kneipe übernahm, ging man dazu über, auch einfache Gerichte anzubieten. Die Auswahl wuchs von Jahr zu Jahr.

Man baute zusätzlich ein Speiserestaurant und erweiterte und modernisierte durch einen Neubau die Übernachtungsmöglichkeiten. Im Laufe der nächsten Jahre nahm die Beliebtheit des Hotel-Restaurants „Kaisersaal“ ständig zu, es wurde eine Anlaufstelle für viele familiäre und andere Feste.

Am 17. Januar 1985 übernahm dann die dritte Generation der Familie, Arthur Ritters Tochter Edith Becker, das Hotel-Restaurant.

Auch sie schaffte wieder neue Akzente, indem sie und ihr Mann Norbert Becker die schon üppige Speisekarte um neue und anspruchsvollere Gerichte erweiterten.

Und auch sie führten den nach dem Krieg über der Scheune gebauten Saal weiter, der weit über die Dorf- und Stadtgrenzen hinaus zu einem beliebten Feier-, Tagungs- und Versammlungsort wurde, was natürlich auch der zentralen Lage Imgenbroichs geschuldet war. Briefmarkenfreunde und Fußballkreis, musizierende und anderweitig künstlerisch tätige Vereinigungen, Parteien jedweder Coleur, Kinderkommunion und Hochzeit, Taufe und Begräbniskaffee – es gab damals nichts, was nicht schon einmal im „Kaisersaal“ buchstäblich über die Bühne gegangen wäre.

Wegen hoher Bewirtschaftungskosten und um den Raum für den Hotelbetrieb nutzen zu können, wurde der Saalbetrieb vor einigen Jahren aufgegeben. Mit großem Fleiß führte Familie Becker, unterstützt von Mena Ritter und einem zuletzt fünfköpfigen „tollen Mitarbeiterteam“ (Edith Becker) Hotel, Gaststätte und das Restaurant weiter, das für seine erstklassige gutbürgerliche Küche einen ausgezeichneten Ruf genoss.

Doch das Alter, in dem man an den Ruhestand denkt, rückte auch für Edith und Norbert Becker näher, und als sich eher zufällig die Gelegenheit bot, das Gebäude zu verkaufen (s. Box), fällte man die Entscheidung, die Gaststätte nicht weiter zu verpachten. „Dann hätten wir es irgendwie doch noch immer am Bein gehabt, aber wir wollten einen sauberen Schnitt“, gibt Edith Becker zu.

Und wenn auch gerade in den letzten Wochen und Monaten, wie beispielsweise am letzten offiziellen Öffnungstag am 7. Mai, viele Emotionen hochkochten, so sind die Eheleute Becker dennoch überzeugt, richtig entschieden zu haben.

Für kommenden Samstag, 20. Mai, haben die Noch-Besitzer alle Freunde eingeladen, „das letzte Bier mit uns zu trinken und sich vom Kaisersaal zu verabschieden“, sagt Edith Becker, die sich auf viele Gäste und auch auf den künftigen Besitzer Dr. Schmittkamp freut. Um 18 Uhr geht‘s los, wenn es dunkel ist, wird es sogar ein Feuerwerk geben. Ab Donnerstag (Himmelfahrt) wird dann das restliche Inventar unters Volk gebracht.

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