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Ein Kriegskind auf der Suche nach seinem Vater

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Die Landung amerikanischer Soldaten in der Normandie: Unter ihnen war auch der Vater von Paul Schmitz aus Kalterherberg. Mehr als 60 Jahre nach dem Krieg konnte Schmitz die Identität seines Vaters klären.

Nordeifel. Mit seinem Buch „Kriegskind – Die Suche nach meinem amerikanischen Vater“ hat Paul Schmitz aus Kalterherberg viele Menschen bewegt. Einige haben sein Buch auch zum Anlass genommen, sich selbst auf die Suche zu machen. Unser Redakteur Andreas Gabbert hat mit ihm über die Recherchen und die Suche gesprochen.

Sie haben ein Buch über die Suche nach Ihrem Vater geschrieben, was ist der Hintergrund?

Schmitz: Während meiner intensiven und zähen Spurensuche stellte ich fest, dass ich mich mit einem sensiblen Thema beschäftigte. Man sprach nicht gerne über diese Zeit und die Recherchen erwiesen sich als sehr mühevoll manchmal schmerzhaft. Nach einiger Zeit stellte ich fest, dass meine Spurensuche für die Zeitdokumentation von Bedeutung ist. Meine interessanten Erfahrungen wollte ich weiter geben und so veröffentlichte ich meine Geschichte in einem Buch. Heutzutage haben viele Menschen, auch junge Leute, irgendwelche Identitätsprobleme. Die Frage „Wo komme ich her?“ bewegt alle Menschen und ist Teil der lebenslangen Frage „Wer bin ich?“. Mein Buch soll eine Botschaft an eine breite Öffentlichkeit vermitteln. Ich möchte jedem Betroffenen, aber auch jungen Leuten, die ihre Identität väterlicherseits nicht geklärt haben, Mut zur Suche nach ihren Wurzeln machen. Jeder Mensch hat das Recht, zu wissen, wer sein Vater ist. Das Buch versteht sich auch als Zeitdokument. Es beleuchtet bisher nicht behandelte Aspekte des Krieges.

Wie schwierig war es für Sie, ohne Ihren Vater aufzuwachsen?

Schmitz: Ein Leben mit dem Vater habe ich nicht gekannt und gelebt. Wenn man ohne Vater aufwächst, bleibt immer ein Verlustschmerz. Die Mehrheit der Kinder, die aus der Beziehung mit einem Besatzungssoldaten des Zweiten Weltkrieges zur Welt kam, wuchs als eine vaterlose Generation auf. Neben dem Aufwachsen ohne Vater trug man ein doppeltes Stigma: Sie waren von unehelicher Geburt und Kinder aus einer Beziehung mit dem „Feind“. Die Entwicklung eines Kindes wird sehr vom Vater geprägt. So hätte ich mir in manchen Fällen einen Vater an meiner Seite gewünscht. Durch den fehlenden Vater fühlte ich mich nicht komplett. Die Sehnsucht nach dem Vater ist sehr stark. Gerne hätte man ihn um Rat gefragt in allen Lebenssituationen.

Warum haben Sie die Suche erst so spät begonnen?

Schmitz: Es fehlten mir ganz einfach die Angaben und der Mut, nach meinem Vater zu suchen. Ich wurde als Kriegskind geboren. Meine Mutter hatte während der Evakuierung im benachbarten Belgien mit einem amerikanischen Soldaten eine Beziehung. Aus dieser Beziehung wurde ich unehelich geboren. So bin ich ohne Vater aufgewachsen. Erst spät habe ich erfahren, dass ich der Sohn eines amerikanischen Soldaten bin. Mehr als den Namen „John“ habe ich nicht erfahren. In der Nachkriegszeit wurde über dieses Thema geschwiegen. Die Mütter hüllten sich in Schweigen über die Identität ihres Kindes väterlicherseits. Die Kriegskinder galten als Kinder des Feindes. Es war sehr schmerzhaft, darüber zu reden. Die eine oder andere Gelegenheit bot sich mir, evtl. mit den Recherchen zu beginnen. Aber bei allem Vorsatz fehlte mir der Mut. Diesen fand ich erst bei den 60-jährigen Gedenkfeiern. Ja, es kam bei mir auch eine Sehnsucht danach auf, nach meiner Identität zu forschen.

Wie lange haben Ihre Recherchen gedauert?

Schmitz: Meine Recherchen dauerten ca. fünf Jahre. Sie waren nicht einfach. Manchmal war ich an einem Punkt angekommen, wo ich aufgeben wollte. Als ich jedoch mein Ziel erreicht hatte, war es für mich ein sehr emotionaler Moment.

Wo hat Sie die Suche überall hingeführt?

Schmitz: Angefangen in Kalterherberg, Lager Elsenborn, viele Interviews mit Zeitzeugen in Sourbrodt, Kontakte mit Veteranen in den USA, Teilnahme an diversen Gedenkfeiern, Schriftverkehr mit verschiedenen Militärarchiven in den USA, Personen, die sich mit der Historie des Zweiten Weltkrieges beschäftigen, sowohl in den USA als auch in Deutschland u.a..

An welches Erlebnis erinnern Sie sich in diesem Zusammenhang besonders gut?

Schmitz: An den Abend, als meine Schwester mir die erste E-Mail sandte und mir bestätigte dass sie die Tochter des John K.K. sei. Sie wollte daraufhin mein Anliegen wissen, warum ich meine Anfrage gestartet habe. Ab hier begann meine Hoffnung, die Suche mit einem erfolgreichen Ergebnis abzuschließen.

Welche Kontakte hat es noch gegeben?

Schmitz: Nachdem ich meine Identität väterlicherseits geklärt hatte, war für mich klar, dass ich nun meine neue Familie kennen lernen und das Grab meines Vaters auf dem Soldatenfriedhof besuchen wollte. Die Familienzusammenführung hat stattgefunden und ich habe das Grab meines Vaters besucht. Meine neue Familie hat mich freundlich empfangen. Es war ein ganz emotionaler Moment. Ich musste feststellen, dass Gefühle das Wichtigste sind, was wir haben, wenn sie auch manchmal schmerzlich sind. Ich stehe heute noch mit meiner Familie in einem freundschaftlichen Kontakt.

Sie haben inzwischen eine Reihe von Lesungen gehalten. Wie erleben Sie die Reaktion der Menschen auf Ihre Geschichte?

Schmitz: Die Besucher bei meinen Lesungen zeigen sich sehr interessiert und bewegt. Es kommen immer Teilnehmer nach meinen Lesungen auf mich zu, die das Gespräch suchen und mehr wissen wollen. Mein Buch, die Lesungen und die Presseberichte führen aber auch dazu, dass Kriegs-/Besatzungskinder den Mut finden, auch über ihre Geschichte zu reden. Sie bitten mich, ihnen bei der Suche nach dem amerikanischen Vater – der Klärung ihrer Identität – behilflich zu sein. Vielfach höre ich von Lesern und Besuchern bei den Lesungen: „So haben wir dies nicht gesehen.“ Dass meine Geschichte angekommen ist, besagt auch die Bezeichnung als „regionaler Bestseller“. Die Herkunft der Kriegskinder wurde in der Gesellschaft tabuisiert. Eine Aufarbeitung hat bisher nicht stattgefunden. Darum gelten die Kriegskinder auch als die vergessene Generation. Inzwischen beschäftigen sich die Medien mit diesem Tabuthema. Es sind nur wenige Kriegskinder, die ihr Schweigen brechen. Sie tun sich auch heute noch schwer damit, darüber zu reden. Die akribische Spurensuche soll die Situation der Nachkriegsgesellschaft –ein bis heute vielfach tabuisiertes Thema – der Öffentlichkeit zugänglich machen und eine Lücke in der Zeitgeschichtenforschung schließen. Deshalb betrachte ich mein Buch als wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung gesellschaftlich-zwischenmenschlichen Themas.

Würden Sie sich heute wieder auf die Suche begeben?

Schmitz: Heute will doch jeder wissen: „Wo führen meine Wurzeln hin?“ Meine Geschichte führte zur Klärung der Identität väterlicherseits. Nachdem ich diese klären konnte und dies auch innerlich spüre, muss ich sagen: Ja, mein innerer Wert ist ein anderer.

Haben Sie jetzt das Gefühl angekommen zu sein?

Schmitz: Durch die Klärung meiner Identität habe ich ein Gesicht gefunden. Meinen Stammbaum väterlicherseits konnte ich vervollständigen. Er ist nun komplett. Ich kann nun eine Antwort auf die Frage, wer ist dein Vater, geben.

Planen Sie in absehbarer Zeit eine weitere Veröffentlichung?

Schmitz: Ja, es gibt noch viel zu sagen!

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