Ein Kampf gegen Krankheit und Kasse

Von: Heiner Schepp
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Sogar Bundesgesundheitsminiter Daniel Bahr (FDP) hat Marina Hamel persönlich geschrieben, doch auch der war der jungen Frau keine große Hilfe: Seine Antwort war ein vierseitiges Schreiben, warum er nicht zuständig ist... Foto: Heiner Schepp

Rurberg. Marina Hamel ist glücklich. Fast drei Jahre lang hat sie darum gekämpft, dass ihre Krankenkasse die Kosten einer Operation übernimmt, die ihr die Schmerzen genommen und neue Lebensqualität zurück gegeben hat.

„Lipödem“ heißt die sehr schmerzhafte Stoffwechselerkrankung, „Liposuktion“ der Eingriff, der bei der jungen Frau in einer Darmstädter Klinik vorgenommen wurde und eigentlich noch nicht in der Liste der erstattungsfähigen Behandlungen deutscher Krankenkassen auftaucht. Die Techniker Krankenkasse aber zeigte sich kulant und übernahm die OP-Kosten – knapp 14.000 Euro –, weil der Eingriff der Patientin offensichtlich geholfen hat und Marina Hamel nun zumindest für die nächsten Jahre die (nicht minder kostenträchtigen) fast wöchentliche herkömmlichen Behandlungen erspart bleiben.

Hätten wir gerne geschrieben – stimmt aber leider nicht.

Denn die TK zieht sich hinter die – rechtlich selbstverständlich wasserdichten – altbewährten Absage-Formulierungen und gefällten Urteile zurück und verweigert eine Kostenübernahme.

Aber der Reihe nach.

Mit 13 erstmals aufgetreten

Marina Hamels Krankheitsgeschichte begann in der Pubertät. Die normale Hormonumstellung bei jungen Mädchen in diesem Alter löste bei Marina schon im Alter von 13 Jahren das sogenannte Lipödem aus, eine schmerzhafte Störung der Fettverteilung in Armen und Beinen.

„Ich habe versucht, durch weniger essen und mehr Sport der Gewichtszunahme entgegenzuwirken und damit etwas dagegen zu tun, dass ich immer dicker wurde. Das alles half ein wenig am Körper und Gesicht, nicht jedoch gegen die immer weiter anschwellenden Beine“, erinnert sich die heute 31-Jährige, die in den Folgejahren nicht nur die körperlichen Schmerzen der Erkrankung zu spüren bekam, sondern auch die seelischen. „Ich bin nur 1,62 Meter groß, deshalb fiel die Krankheit bei mir umso mehr auf“, berichtet Marina Hamel, die in einer Kinder- und Jugendarzt-Praxis arbeitet. „Im Beruf wie im Alltag werden täglich unschöne Bemerkungen über meine Figur gemacht, wobei ‚Fette Sau‘ noch eine der harmlosesten Beleidigungen ist“, berichtet die gebürtige Konzenerin, deren Lebensqualität mit der Zeit immer mehr litt: „Ich traute mich gar nicht mehr zu Veranstaltungen, wo viele Leute waren, aus Angst, weitere Beschimpfungen oder Bemerkungen über mich ergehen lassen zu müssen, von den Blicken ganz abgesehen. „Mach mal Sport oder iss weniger Süßes“, bekam Marina mehr als einmal zu hören von Menschen, auch aus ihrem Umfeld, die nichts oder nur wenig über die Krankheit wissen. Denn das Lipödem lässt sich mit keiner Diät aufhalten oder bekämpfen, und Sport ist leider nicht nur wirkungslos gegen die falsche Fettverteilung, sondern schmerzt auch noch bei jedem Schritt.

2009 dann verschlimmerte sich Marinas Krankheitsbild weiter: In Folge einer Drei-Monats-Spritze (hormonelles Verhütungsmittel) begannen nun auch die Arme, immer dicker zu werden und schmerzten ebenso wie die Beine. Diese Schmerzen waren es schließlich auch, die Marina Hamel verschiedene Ärzte aufsuchen ließen. Die Medizin kannte damals – und kennt bis heute – aber nur die Lymphdrainage als Therapie, und das bis zu dreimal wöchentlich eine Stunde. Und nur diese Gegenmaßnahme wird von den gesetzlichen Krankenkassen anerkannt und erstattet.

Nicht im Leistungskatalog

In den letzten Jahren jedoch wird immer häufiger die sogenannte Liposuktion gegen das Lipödem eingesetzt, ein recht aufwendiger operativer Eingriff in fünf bis sechs Sitzungen, bei dem das überschüssige Fett abgesaugt und entfernt wird. Obwohl aus vielen Einzelfällen dieser Methode als schmerzlindernd und wirkungsvoll vermeldet wird, hat der gemeinsame Bundesausschuss die Liposuktion bislang nicht in den Leistungskatalog aufgenommen, das heißt: Die Krankenkassen bezahlen den Eingriff in der Regel nicht. „Nur in Einzelfällen haben die Patientinnen bislang Glück mit einer kulanten Kasse oder einer für sie positiven Rechtsprechung gehabt“, weiß Marina Hamel und findet es äußerst merkwürdig, dass beispielsweise auch öffentlich gemachte Fälle (zum Beispiel in der Fernsehsendung „Akte“) plötzlich eine ganz neue Wendung bekommen...

Marina Hamel hat die Operation vor wenigen Wochen machen lassen. Weil sie einfach schmerzfrei sein wollte und darüber hinaus mit ihrem Mann unbedingt Kinder haben möchte. „Es wäre aber zu befürchten, dass die Schwangerschaft eine weitere Verschlechterung meiner Lage auslösen könnte. Und deshalb wollte ich nicht auf die Krankenkasse warten“, begab sich die 31-Jährige in die erprobte Praxis des Darmstädter Experten Dr. Stefan Rapprich, der in fünf Sitzungen weite Teile des Ballasts, den Marina Hamel jahrelang mit sich herumschleppte, entfernte. „Seither bin ich ein neuer Mensch“, freut sich die junge Frau, die zwar noch lange Kompressionsbinden an Armen und Beinen trug, die jedoch auch äußerlich deutlich sichtbar ganz anders wirkte und sich seither besser bewegen kann.

Marina Hamel: „Ich weiß, dass auch die Liposuktion nicht die Krankheit ganz entfernen kann. Und ich weiß, dass Schwangerschaft, Wechseljahre und Alter wieder zu einer Verschlechterung führen können. Aber die OP hilft mir wahrscheinlich für zehn bis 20 Jahre – die Lymphdrainage dagegen immer nur für ein paar Wochen.

Brief an den Minister erfolglos

Im Kampf gegen die Krankheit hat die 31-Jährige aus Rurberg also einen Etappenerfolg errungen – im Kampf um eine Leistung ihrer Krankenkasse dagegen noch nicht. Seit 2010 kämpft sie in persönlichen Schreiben an die TK und deren Vorstand, in Online-Foren und Interessengruppen und zuletzt gar mit einem persönlichen Brief an Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr um Gerechtigkeit. „Denn die Liposuktion ist kein kosmetischer Eingriff, sondern eine wirksame Operation gegen Schmerzen und die Beeinträchtigung der Lebensqualität“, argumentiert sie, wie auch viele Leidensgenossinnen, gebetsmühlenartig. Was Marina Hamel bei alledem nicht versteht: Die Lymphdrainage kostet ihre Kasse jährlich rund 3300 Euro, in Marinas Fall schon seit drei Jahren. Hinzu kommen teure Kompressionsstrumpfhosen, die jährlich sogar 4000 Euro verschlingen. In zehn Jahren kommt die Kasse so auf Leistungen von rund 70.000 Euro – die Liposuktion hat nicht einmal 15.000 Euro gekostet, die sich Marina Hamel nun hat leihen müssen.

Auch Petition abgelehnt

Doch die junge Rurbergerin mag nicht aufgeben – auch wenn gerade in den vergangenen Wochen hintereinander erst ihr Widerspruchsbescheid abgelehnt wurde, dann ihre Einzelfallprüfung beim Verwaltungsrat der TK in Hamburg und vor wenigen Tagen auch eine Petition von vielen Lipödem-Erkrankten bundesweit an den Deutschen Bundestag.

Andrea Kleingärtner, Pressesprecherin der TK Hamburg, kann kann der Patienten im Moment auch nur wenig Hoffnung machen: „Wir müssen uns daran halten, was die Fallprüfung beim Verwaltungsrat ergeben hat.“

Die 31-Jährige wird nun Klage gegen die Ablehnung des Widerspruchsbescheids einreichen, letzte Woche traf sie sich erstmal mit ihrem Anwalt.

Marina Hamel aber ist nun endlich schmerzfrei, genießt eine neue Lebensqualität – und kann jetzt „in die Familienplanung einsteigen“, wie sie augenzwinkernd verrät. Von daher stimmt zumindest der erste Satz dieses Artikels...

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