Diskussionsrunde der Heimat-AG: Zwangsarbeit im Monschauer Land

Von: ef
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Simmerath. Die Heimat-AG hatte ihre Mitglieder und die Bevölkerung zur zweiten Diskussionsrunde eingeladen. Das Thema: „Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Monschauer Land in den Jahren 1939 bis 1945“. Der Leiter der Heimat-AG, Jürgen Siebertz aus Lammersdorf, begrüßte im Hotel „Zur Post“ in Simmerath rund 20 Zuhörer. Unter den Gästen war auch Buchautorin Angelika Lehndorff-Felsko aus Köln.

Nach Köln verschleppt

Die Autorin war auf Vermittlung von Erwin Finken aus der Domstadt Köln in die Eifel gereist. Sie ist Mitglied der Projektgruppe Messelager am NS-Dokumentationszentrum in Köln zur Betreuung ehemaliger Zwangsarbeiter, deren Schicksale sie in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Uns verschleppten sie nach Köln“ niedergeschrieben hat. Sie verlas einige Passagen aus ihren über 500 Interviews mit ehemaligen Zwangsarbeitern.

Die teils sehr umfangreichen Interviews handeln von den Vorgeschichten, der Leidenszeit und der Rückkehr der Zwangsarbeiter, von denen die meisten aus osteuropäischen Ländern stammten und ab 1939 von den deutschen Besatzern ins Elend geführt wurden. Die Transporte durch Deutschland dauerten meist drei bis vier Wochen – in vergitterten Zügen, ohne ausreichend Essen und unter menschenunwürdigen hygienischen Verhältnissen.

Die erste Leseprobe zum Beispiel erzählt die entwürdigende Geschichte von zehn Mädchen und Jungen, die in einer Badeanstalt zusammengetrieben wurden und sich alle nackt ausziehen mussten. Deutsche Soldaten brachten graue Seife in Eimern und befahlen den Jungen, die Mädchen damit zu waschen. Nach dieser Erniedrigung wurden alle, lediglich mit einem Bettlaken bekleidet, in einen großen Saal getrieben, wo Ärzte nach einer Schnelluntersuchung die Tauglichkeit der Zwangsarbeiter feststellten. Personen mit Läusen wurden die Haare rücksichtslos abgeschnitten.

Im Versammlungsraum in Simmerath herrschten während der Lesung Ruhe und Betroffenheit. Siebertz bedankte sich bei Angelika Lehndorff-Felsko für die nachdenklich stimmenden Geschichten der zwangsdeportierten Eltern, Jugendlichen und Kinder.

Zwangsarbeit in Monschau

Von solch grausamen Geschehnissen sei seinerzeit im Monschauer Land nur wenig bekannt geworden. Seine Frage in die Runde lautete entsprechend: „Wo, wann und wie viele Zwangsarbeiter sind von 1939 bis 1945 im Monschauer Land zu Zwangsarbeiten ohne Lohn verpflichtet worden?“

Dazu meldeten sich einige Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft und berichteten, dass nach zuverlässigen Mitteilungen auch in der Region eine beachtliche Zahl von Zwangsarbeitern in heimischen Betrieben, der Landwirtschaft oder aber in kinderreichen Familien tätig gewesen sei. In Köln-Deutz seien die Zwangsarbeiter seinerzeit regelrecht zum Verkauf angeboten worden. Den „Erlös“ habe die Stadtverwaltung eingesackt.

Das Leben für die Zwangsarbeiter sei grausam gewesen: Der Kontakt der männlichen Zwangsarbeiter zu deutschen Frauen war unter Todesstrafe verboten. Die meisten Opfer mussten isoliert schlafen. Viele starben unter unmenschlichen Verhältnissen, die Überlebenden haben nie eine Entschädigung erhalten.

Wegen der Masse an Menschen wurden viele Zwangsarbeiter in ehemaligen RAD-Lagern (Reichsarbeitsdienst-Lagern) untergebracht. Solche Lager wurden auch im Monschauer Land unterhalten, zum Beispiel im Buhlert, in Strauch oder in Monschau an der „Flora“. Die Verstorbenen wurden würdelos auf dem Russenfriedhof Kesternich/Rurberg beerdigt und offiziell als „verschwunden“ ausgewiesen.

Siebertz war erstaunt über die zahlreichen Informations-Fragmente und schlug vor, eine Sammlung von Recherchen anzufertigen, um so ein kompletteres Bild der Geschichten zu gewinnen. Als Termin dafür wurde die nächste Diskussionsrunde im Herbst 2015 festgelegt.

Krieg im Hürtgenwald

Auch dem zweiten Gast, Mario Cremer, hörten die Versammelten aufmerksam zu. Cremer ist Oberstleutnant beim Zentralen Führungskommando der Streitkräftebasis des Bundes-Verteidigungsministeriums auf der Hardthöhe in Bonn. Seit über 30 Jahren beschäftigen ihn die grausamen Kampfhandlungen im Hürtgenwald. Er berichtet auch über zwei ehemalige RAD-Lager im Buhlert zwischen Strauch und Schmidt, die 1940 zu sogenannten Wehrertüchtigungslagern umgewandelt wurden. Die Fundamentreste sind heute noch im Buhlert zu finden – wenn auch überwuchert.

In einem abschließenden Resümee stellte Jürgen Siebertz fest, dass dieser Informationsaustausch viele Facetten gezeigt habe. Dennoch seien weitere Recherchen notwendig. Er bedankte sich auch für das Erscheinen und die zahlreichen aufschlussreichen Beiträge der Gäste und Mitglieder. „Wir haben heute alle etwas dazu gelernt“, findet der Initiator der Arbeitsgemeinschaft.

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