Die packende Geschichte der Dada-Künstlerin Angelika Hoerle

Von: pp
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Bedankten sich für den lang anhaltenden Schlussapplaus: Franz Tiedtke, Kurator der Dauerausstellung zur Künstlergruppe „Kalltalgemeinschaft“, Autorin Ute Bales und Laudatorin Angie Littlefield. Foto: Claudia Hoffmann/pp/Agentur Profi Press

Simonskall. „Es ist toll, wie Sie in Ihrem Werk den persönliche Kontext und ein wichtiges Stück Zeit- und Kunstgeschichte miteinander verwoben haben“, lobte Radio-Journalistin Nicole de Bock. „Es war als wäre die Zeit wieder lebendig geworden“, ergänzte Irmgard Reinarz, die sich - ähnlich wie die Protagonistin im Roman „Die Welt zerschlagen!“ an die vielen Gespräche mit ihrem Großvater über die revolutionäre Kraft der Kunst erinnerte. Das waren zwei von vielen Komplimenten, die bei der Lit.Eifel-Lesung in Simonskall der Autorin Ute Bales zu Teil wurden.

Begeistert lauschten mehr als 60 Zuhörer im stimmungsvollen Ambiente der Marienkapelle der bewegenden und zugleich tragischen Geschichte der Angelika Hoerle.

Eine junge Künstlerin, die inmitten der frechen, subversiven und radikalen Welt der Akteure des Dadaismus, die sich um die 1920er Jahre anschickten, mit Lust und Verve die Kunstwelt umzukrempeln, eine ganz besondere, aber beinahe in Vergessenheit geratene Rolle einnimmt. Denn bei näherem Hinsehen ist Angelika Hoerle mit ihren feinen, oft skurrilen Zeichnungen eine bedeutende Wegbereiterin des Surrealismus.

„Max Ernst hat diese Idee aufgenommen, verbreitet und ist damit berühmt geworden“, erzählte Bales, die bei ihren Recherchen auf fundiertes Quellenmaterial zurückgegriffen hat.

Im September 2014 hatte sich die Freiburger Schriftstellerin in einem Brief unter anderem an Angie Littlefield, die Großnichte von Angelika Hoerle, gewandt und angekündigt, dass sie einen Roman über das Leben ihrer Großtante schreiben wolle, sowie um Informationen gebeten. Ein Jahr später schon, im Oktober 2015, konnte Ute Bales ihren Roman auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren.

Nun zur Lit.Eifel-Lesung war Angie Littlefield eigens aus Toronto angereist und hielt mit sympathischem, Eifel-kanadischem Sprachmix eine schöne, sehr persönliche Einführungsrede. Der Roman beginnt und endet mit dem Moment, in dem Willy seine schwer an Tuberkulose erkrankte Schwester Angelika durch die Straßen Kölns schleppt.

Einige Jahre zuvor hatte sie den Künstler Heinrich Hoerle geheiratet, einen Taugenichts und Bohemien aus Sicht ihres Vaters, der sie fortan aus dem elterlichen Haus verbannt hatte. Hustend, fiebrig, erschöpft und auf 40 Kilo abgemagert, ist die junge Frau zu diesem Zeitpunkt von der Krankheit bereits schwer gezeichnet. Die Menschen betrachten sie misstrauisch und weichen ihr aus.

Kunstvoll und mit wenigen „Federstrichen“ zeichnet Autorin Bales die Szenerie und lässt ihre Leser eintauchen in das Köln der Jahrhundertwende: „Eine Bäckerei atmet ihren fettigen Dampf auf die Gassen. Aus einem beschädigten Kinderwagen dringt Weinen. Zwei Wandermusikanten mit geschulterten Blechinstrumenten kommen die Straße herauf. Sie sind von einem Geschäft verjagt worden und beziehen jetzt Position an einem Brunnen, von wo aus sich ihre Blechtöne über der ganzen Straße entladen“, skizziert der Roman.

Die Novemberrevolution ist gescheitert und die verheerenden Folgen des Ersten Weltkriegs sind augenfällig. Es herrschen Hunger und Not, Kriegsversehrte dominieren das Straßenbild. Der Anblick der dem Tode geweihten Schwester, ruft in Willy „mit beinahe abstruser Zärtlichkeit“ Erinnerungen an gemeinsame, unbeschwerte Kindertage hervor.

Erinnerungen an die Zeit, in der alles anfing und in der Angelikas Bilder noch bunt waren. An der Hand ihres vier Jahre älteren Bruders, der neben seiner Schreinerlehre an der Kunstgewerbeschule Abendkurse in Zeichnen und Malen besuchte, entdeckte Angelika die Kunst. Von Willys Begeisterung angesteckt, beginnt sie mit den ersten Zeichnungen, studiert seine Mappen, beobachtet, wie er seine Striche setzt und träumt davon, eines Tages selbst Künstlerin zu werden.

Während des Krieges verliebt sie sich in den Künstler Heinrich Hoerle, heiratet ihn und bricht mit ihrem Elternhaus. Die Kölner Künstlerin Marta Hegemann wird zu einer engen Vertrauten.

Im intellektuellen Salonkreis von Carl und Käthe Jatho in der Kölner Moltkestraße erfährt Angelika, „wie tief man sich in Kunst versenken kann“ und wie erhebend es sei, der Kunst mit Gleichgesinnten eine gesellschaftsverändernde Kraft zuzutrauen, berichtet die Ute Bales in einer ihrer kurzweiligen Überleitungen zwischen den Romanpassagen.

Auf der Suche nach dem wahren und einfachen Leben etablierte das Ehepaar Jatho im heutigen Simonskaller „Junkerhaus“ eine Art Landkommune, die sich regen Zuspruchs der Künstlerfreunde aus Köln erfreute.

Je mehr Angelika Hoerle für ihre Ideen und Arbeiten jedoch gelobt wird, desto gehässiger reagiert Ehemann Heinrich, der die beiden mit seiner Kunst kaum über Wasser halten kann. Als Angelika an Tuberkulose erkrankt und elend dahin vegetiert, lässt er sie mit vier dünnen Worten im Stich: „Ich gehe jetzt. Adieu“. Zu „Tata“, seiner Neuen. Angelika Hoerle bleibt einsam und mittellos zurück. Sie stirbt mit 23 Jahren.

Rund 35 Werke hat sie hinterlassen, die über Jahrzehnte als verschollen galten. Bis ihre Großnichte Angie Littlefield die Zeichnungen und Skizzen 1967 in einem Schrebergartenhaus in Köln-Vogelsang entdeckte, wo Angelikas Bruder Willy sie vor den Nazis versteckt hatte, weil sie als „entartete Kunst“ gewiss vernichtet worden wären.

Nicht nur zur Freude des Publikums in der voll besetzen Marienkapelle und des künstlerischen Leiters der kleinen, aber fein kuratierten Dauerausstellung zur Künstlergruppe „Kalltalgemeinschaft“ im Junkerhaus, Franz Tiedtke, hat Autorin Ute Bales mit ihrem Roman über Leben und Werk der Angelika Hoerle dafür Sorge getragen, dass der Name einer jungen Frau, der die Zeit nicht reichte, ihre Kunst noch weiter zu entfalten, nicht verblasst. Eine Künstlerin, die die avantgardistische Bewegung zwischen Revolte und Utopie geformt und geprägt hat - und dabei damals schon viele ihrer männlichen Kollegen überholt hat.

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