Die Modeschöpferin: Von Silberscheidt über Paris nach Dehli

Von: Max Stollenwerk
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Kreativität als Quell der Freude: Die aus Silberscheidt stammende Maria Keischgens ist seit zehn Jahren an einer privaten Universität für Mode und Design in der indischen Hauptstadt Neu-Dehli beschäftigt. Foto: Max Stollenwerk/privat
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Zu Besuch in Silberscheidt: Maria Keischgens wohnt und arbeitet inzwischen in Neu-Delhi. Den Bezug zur Heimat hat sie jedoch nicht verloren, auch wenn sie hier nur noch selten zu Gast ist.
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Erholsame Momente findet Maria Keischgens in einem historischen Resort im indischen Rajasthan.

Rollesbroich/Silberscheidt. Silberscheidt – eine maximal kleine Siedlung. Lediglich zwei Häuser befinden sich hier, gelegen am Rande des Kalltals und circa zwei Kilometer außerhalb von Rollesbroich. An diesem doch sehr beschaulichen Ort hat die lange Reise von Maria Keischgens begonnen. Hinaus in die große, weite Welt.

,,Ich wollte schon immer die Welt der Künste entdecken, neue Kulturen kennenlernen und das auf meiner eigenen Haut spüren”, beschreibt sie treffend ihren Blick auf die Welt. ,,Mein Leben war immer eine Entdeckung, ist eine Entdeckung und wird immer eine Entdeckung bleiben”, sagt Maria Keischgens über ihren bisherigen Lebensweg. Sie war immer schon unterwegs. Heute lebt und arbeitet sie in Indien.

Erste Anzeichen für einen ungewöhnlichen Lebenslauf gab es bereits mit gerade einmal fünf Jahren. ,,Seit meinem fünften Lebensjahr interessiere ich mich bereits dafür, meine eigene Kleidung herzustellen, kreativ alle möglichen Materialien zu erforschen, bis hin zum Entwerfen von Kostümen”, erzählt die heute 57-Jährige.

Lehre als Damenschneiderin

Nach ihrem Schulabschluss hatte sie sich zunächst dazu entschlossen, eine dreijährige Ausbildung zur Damenschneiderin in Aachen zu absolvieren, die sie mit ihrer Gesellenprüfung auch erfolgreich abgeschlossen hat. ,,Danach haben mir die Schule und die Gemeinschaft gefehlt“, erzählt Keischgens. Und so entschied sie sich dafür, ihr Wissen mit dem Fachabitur in Gestaltung in Aachen zu erweitern. ,,Parallel zur Schule war ich ebenfalls am Stadttheater Aachen tätig, als Kostümiere hinter der Bühne, und so konnte ich mir auch Gastvorstellungen ansehen.“

,,Mit der Zeit habe ich mich dann immer mehr für Pantomime und Gestikulationstheater interessiert“, so Maria Keischgens. Sie habe dazu mehrere Kurse besucht, unter anderem in der Schweiz.

,,Nach dem Abitur habe ich dann noch für zwei Jahre ganztags in der Werkstatt des Stadttheaters gearbeitet und in der Zeit Marcel Marceau kennengelernt“, erzählt sie noch heute begeistert. Marceau war ein berühmter französischer Pantomime, der in Paris eine eigene Schule für diese Ausdruckskunst betrieb. ,,Ich habe ihn damals in Aachen, als er sein Gastspiel hielt, einfach gefragt, ob es eine Möglichkeit gibt, an seiner Schule zu studieren.“ Sie habe sich umgehend beworben und nach zweijähriger Wartezeit, Anfang der 1980er-Jahre, auch einen Platz bekommen.

Nach einem Semester war es mit diesem Abenteuer nicht genug, und so hatte sie sich auch noch an der staatlichen Universität der feinen Künste, der „Beaux-Arts”, beworben und sich auf Ölmalerei und Bleiverglasung spezialisiert.

,,Ich habe in diesen ersten vier Jahren in Paris und Aix-en-Provence viele Kurse belegt, habe viele neue Leute kennengelernt, die zum Teil heute noch zu meinen Freunden zählen”, berichtet sie von ihrer spannenden Zeit in Frankreich.

Modeschöpferin in Paris

Im Anschluss folgte ein kurzes Intermezzo, denn es ging ab nach Deutschland. „Hier sollte ich mit meinen 25 Jahren in Düsseldorf den Meisterlehrgang und die anschließende Meisterprüfung im Damenschneider-Handwerk ablegen“, weiß sie noch genau.

Im Anschluss zog es sie wieder nach Frankreich, in ihre neue Wahlheimat, wo sie 18 Jahre lang als Modeschöpferin arbeitete und auch eine Familie mit zwei Kindern gründete.

,,Irgendwann wollte ich aber noch einmal etwas Neues sehen“, sehnte Maria Keischgens sich nach neuen Herausforderungen. ,,Ich habe mir Kanada und Indien genauer angeguckt und mich dann letztendlich für Indien entschieden“, erzählt sie.

,,Dort ist einfach alles anders. Die Kulturen, die Religionen, das Klima. Ich wollte mich noch einmal mit neuen Extremen messen“, so Keischgens. Daher ist sie 2005, gemeinsam mit Tochter und Sohn, die zu dieser Zeit acht und neun Jahre alt waren, nach Indien gezogen. ,,Für die Kinder was es seine sehr positive Erfahrung, von vielen weltoffenen Menschen umgeben zu sein“, zeigt sich Maria Keischgens angetan. Zu Hause spreche sie mit den Kindern hauptsächlich Französisch und mit den Indern funktioniere die Kommunikation auch in englischer Sprache, ,,aber die Kinder können auch Deutsch“, sagt sie lachend.

,,Anfangs wollte ich, genau wie in Paris, nur zwei bis drei Jahre in Neu-Delhi verbringen“, erzählt sie von ihrem ursprünglichen Plan. ,,Ich habe mich schon lange für die faszinierenden Berge in Indien interessiert, und so sind wir eine Zeit lang durch ganz Indien und natürlich auch zum Himalaya gereist“, schwärmt sie. Besonders fasziniert war sie während ihrer langen Reise von Ladakh, einem Gebiet im Hochgebirge des Bundesstaates Jammu und Kashmir. ,,Dort sieht es aus wie auf einer Mondlandschaft, so beeindruckend“, sagt sie.

4500 Studenten

Doch irgendwann sei zwangsläufig das Geld zur Neige gegangen. ,,Ich wollte dann wieder zurück nach Frankreich, aber meine Kinder wollten lieber in Neu-Delhi bleiben“, erzählt Keischgens. Daher habe sie sich in Indien nach einer Arbeit umgesehen und sei auf die Pearl Academy aufmerksam geworden. Diese ist mit ihren insgesamt über 4500 Studenten an vier Standorten die bekannteste private Universität Indiens in den Bereichen Design, Mode, Medien und Wirtschaft. Dort hat sie sich beworben, ein Arbeitsvisum erhalten und ist mittlerweile seit zehn Jahren als Associate-Professorin tätig. Sie ist beschäftigt am Lehrstuhl, entwickelt Schnitttechniken und unterrichtet in der Neugestaltung der Welt der Stoffe.

,,Alles was ich in meinem Leben gelernt habe, kann ich hier wieder in irgendeiner Weise anbringen und weitergeben“, erzählt sie zufrieden. Alle Studiengänge werden auf English abgehalten. ,,Für mich ist mein Beruf gleichzeitig mein großes Hobby – und das, was ich machen wollte, wollte ich auch gut machen“, sagt Maria Keischgens, die seit ihrer Zeit in Frankreich auch gerne ,,Maya“ genannt wird.

Weltoffene Lebensweise

Eine weitere Sache, die ihr sehr am Herzen liegt, ist ein Projekt in der Nähe von Kathmandu. Dort engagiert sie sich in einer sogenannten NGO, einer privaten Organisation, mit dem Ziel, durch ihre Aktivitäten den Lebensstand der Familien zu verbessern, die Interessen der Ärmeren in der Öffentlichkeit zu stärken und die Umwelt zu schützen. „Wir stellen beispielsweise Einlagen für Brustkrebspatienten her, auch Schulterpolster und Kinder-Hausschuhe aus Wolle.

Dies alles sind Naturprodukte, die direkt aus dem Himalaya stammen“, erklärt Keischgens. So sei ein Ziel, synthetische Produkte durch natürliche zu ersetzen, bessere Verdienste für die Einheimischen zu ermöglichen und auch gegen die Landflucht anzukämpfen. Daher biete sie zu diesem Projekt zusätzlich Workshops an.

Als äußerst positiv empfindet sie die Lebenseinstellung der Einheimischen. Inzwischen leben gut 1,2 Milliarden Menschen in Indien, China wird vermutlich bald überflügelt. Auch wenn in Indien viele reiche Menschen wohnen, gibt es doch umso mehr Arme, die täglich um ihre Existenz kämpfen müssen. ,,Die Inder folgen ihren Traditionen, sind aber dennoch weltoffen, aufgeschlossen, neugierig, vielfältig und sie lieben ihr Land“, beschreibt Maria Keischgens. „Es herrscht ein buntes Treiben und deren vielfältige Handwerkskunst inspiriert jede kreative Ader“, so Keischgens.

Ob sie sich mit der Entscheidung, nach Indien zu gehen, einen Traum erfüllt hat? „Ein Traum war es nicht, es war mein Plan, auf andere Menschen zugehen zu können, dem Neuen gegenüberzutreten, sich selbst zu entdecken und sich für das zu entscheiden, was am besten gelingt“, beschreibt sie ihre vor zwölf Jahren getroffene Entscheidung.

Fragt man Maria Keischgens nach ihren Plänen im Rentenalter, scheinen diese noch nicht endgültig festzustehen. „Ich werde immer mit einem Bein in Indien sein. Aber im Alter würde ich wahrscheinlich einen warmen Ort in Südeuropa bevorzugen“, sagt sie schmunzelnd.

Doch ihre Wurzeln in Silberscheidt hat sie nie vergessen: „Meine Heimat ist immer noch die Eifel, die wie eine Wurzel für mich ist“, sagt Maria Keischgens, bevor es wieder für eine längere Zeit zurück nach Neu-Delhi geht, über 6000 Kilometer Luftlinie entfernt vom heimischen Silberscheidt.

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