Nordeifel - Die Landwirte in der Eifel kämpfen ums Überleben

Die Landwirte in der Eifel kämpfen ums Überleben

Von: Andreas Gabbert
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Die Landwirte in der Eifel haben kaum Alternativen zur Viehwirtschaft: Einige setzen auf den Tourismus als zusätzliche Einnahmequelle und bieten Ferienwohnungen an. Foto: A. Gabbert

Nordeifel. Die Landwirte in der Eifel haben schon viele Krisen durchgestanden. Doch jetzt sehen sie zunehmend ihre Existenz bedroht, weil der Milchpreis einen neuen Tiefstand erreicht hat. Viele Landwirte erhalten zurzeit so wenig Geld für ihre Milch wie nie zuvor.

 Die Politik diskutiert nun über Abschlachtprämien und eine Mengenreduzierung auf freiwilliger Basis mit finanziellen Anreizen. Für den 30. Mai hat Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt zum Milchgipfel geladen. Dazu haben die rheinischen Landwirte einen Forderungskatalog aufgestellt (siehe Box).

Vor wenigen Jahren lieferten nahezu alle Landwirte aus der Nordeifel ihre Milch an die Milchunion Hocheifel (MUH). Nach der Fusion mit der schwedisch-dänischen Molkereigenossenschaft Arla, konnten die Landwirte ein Sonderkündigungsrecht in Anspruch nehmen. Seitdem wird die Eifelmilch an unterschiedliche Molkereien verkauft.

Bruno Horrichs aus Mützenich liefert seine Milch an die Berliner Milchgesellschaft (BMG). Ein Teil von rund 30 Prozent der produzierten Milch geht auch an die Molkerei Sternenfair, die mit Blick auf die Produktionsbedingungen besondere Anforderungen stellt. „Das kommt uns zugute. Da bekommen wir noch 40 Cent pro Liter“, sagt Horrichs.

Außerdem zahle die BMG ab 1. Juni einen Zuschlag für Weidemilch. Nichtsdestotrotz ist Horrichs nicht glücklich mit dem Milchpreis. „Bei der Standardverwertung werden Preise von 20 Cent oder weniger gezahlt. Nur Premiumprodukte verkaufen sich noch gut.“ Die Frage sei, wie man die rückläufigen Einnahmen auffangen könne, ohne den Markt durch eine höhere Produktion „noch weiter kaputt zu machen“.

Ein Ausstieg aus der konventionellen Milchwirtschaft komme aufgrund hoher Investitionen in Stallungen, Geräte etc. und damit verbundenen Bankverbindlichkeiten für viele Landwirte auch nicht in Frage. Die EU und die Bundesregierung würden im Rahmen von Soforthilfeprogrammen zwar günstige Kredite bereitstellen, „aber auch die müssen ja zurückgezahlt werden“, sagt Horrichs.

Er würde sich eine stärkere Förderung von Premiumprodukten wünschen und ein Einfrieren der Stallbauförderung bis sich der Markt erholt hat. Durch die Höhenlage sei in der Eifel nur die Bewirtschaftung von Grünland möglich, was zu weiteren Wettbewerbsnachteilen führe. „Wenn hier am 27. April 15 Zentimeter Schnee liegen und am Niederrhein der erste Schnitt eingefahren wird, werden wir auf Dauer den Kampf auf dem freien Markt verlieren“, erklärt Horrichs.

„Die Lage ist nicht rosig“, sagt auch Elmar Victor aus Mützenich. Er ist Genosse der Molkerei Hochwald, von der er im Mai 21 Cent pro Liter erhalten hat. Das reiche nicht aus, die Produktionskosten lägen viel höher. Freien Lieferanten habe die Molkerei schon gekündigt. „Die haben es jetzt noch schwerer“, sagt Victor. Vielleicht müsse man sich als Landwirt aber auch an die eigene Nase fassen und weniger produzieren.

„Dann müssen aber europaweit alle mitziehen. Es reicht nicht, wenn das nur die Eifeler Landwirte oder einzelne Molkereien machen. Dann bringt das alles nichts“, sagt Victor. Sicherlich sei hier auch der Staat gefragt, auf der anderen Seite könne man aber nicht nur nach dem Staat rufen. „Einerseits wollten wir Weg von der Milchquote und freie Marktwirtschaft haben, wo Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen, andererseits kann man eine Kuh nicht einfach abschalten“, erläutert Victor das Dilemma.

Er hat sich vor rund 16 Jahren mit Ferienwohnungen ein zweites Standbein geschaffen. Er ist froh, diesen Schritt gegangen zu sein. „Das kann aber nicht jeder und das ist auch kein Allheilmittel“, sagt er. Das Einzige, was wirklich helfe sei nur ein Anstieg des Preises. Da helfe es auch nicht, über die Molkereien zu schimpfen, die stünden auch unter dem Druck der Discounter. Er würde sich wünschen, dass Lebensmittel generell mehr geschätzt werden.

„Das Problem ist, dass der Handel die Preise diktiert“, sagt Dieter Esser aus Mützenich. Er produziert für die Molkerei Arla Weidemilch. Dort liege der Grundpreis zurzeit bei 23 Cent pro Liter, mit Zuschlägen seien bis zu 26 Cent möglich und für die Weidemilch gebe es noch mal einen halben Cent mehr, erklärt er.

„Im Moment bin ich froh, bei einer starken Molkerei zu sein, die zumindest nicht die niedrigsten Preise zahlt. Man bekommt in guten Zeiten nie den höchsten Preis, in schlechten Zeiten aber auch nie den niedrigsten Preis“, erklärt Esser. Wenige Einkäufer würden gewaltige Mengen einkaufen, da könnten die Molkereien nicht nein sagen. „Der Handel ist sich einig, die Molkereien nicht, sonst sähe es anders aus. Der Handel missbraucht Lebensmittel als Lockmittel“, sagt Esser.

Das Dilemma sei, dass man weiter produzieren müsse, was dem Markt aber nicht gut tue. „Mir wurde seit der Ausbildung immer geraten, mich zu spezialisieren. Wer sich auf Milch spezialisiert hat, der hat jetzt ein Problem“, sagt Esser. In der Eifel habe man als Landwirt aber nicht viele Alternativen. Getreidewirtschaft sei nicht möglich, da bleibe nur die Viehhaltung. Die reizvolle Landschaft der Eifel sei aber gut für den Tourismus.

Daher habe er sich vor acht Jahren ganz bewusst entschieden, ein Ferienhaus zu eröffnen. Zurzeit baut er noch zwei Ferienwohnungen und zwei Ferienzimmer. „Wir wollen den Menschen so auch die Landwirtschaft wieder näher bringen. Es ist vergessen, worden die Bürger bei der Entwicklung der Landwirtschaft mitzunehmen“, sagt Esser. Von staatlicher Förderung hält er nichts. Überall wo sich der Staat einmische, blieben gewachsene Strukturen auf der Strecke.

Hubert Frohn aus Kesternich blickt mit Besorgnis auf die Situation. „Wir Biobauern unterliegen den gleichen Marktbedingungen wie die konventionellen Kollegen. Unser Glück ist aber das bei der Bio-Milch noch mehr nachgefragt als produziert wird. Deshalb bekommen wir etwas bessere und konstantere Preise. Man fällt nicht in so ein Tief, in guten Zeiten hat man aber auch nicht solche Preisspitzen“, sagt er.

Frohn ist Mitglied bei EKO-Holland, einer Erzeugergemeinschaft mit rund 130 Biobetrieben, die an sechs Molkereien liefert. Er erhält zurzeit 48 Cent pro Liter für die Bio-Milch. „Das ist aber auch nicht kostendeckend“, sagt er. Dafür fehlten immer noch 7 bis 8 Cent. Um diese Lücke zu schließen, seien Subventionen aus Brüssel und Berlin wichtig für alle landwirtschaftlichen Betriebe. Darlehen seien aber unangebracht.

Ein Betrieb mit 60 Kühen mache ein Minus von 100 bis 150 Euro am Tag. Da die Betriebe überschuldet seien, würden die Gelder teilweise nicht abgerufen. Frohn wünscht sich, „dass die Politik aktive Verantwortung übernimmt, eine exportorientierte Produktion bringe den Landwirten keinen Verdienst. Er spricht sich für eine flexible Mengenregulierung auf europäische Ebene aus. „Anders funktioniert das nicht.“

Er ist sich sicher, dass die Molkereien die Landwirte gegeneinander ausspielen. „Das Einzige, was gegen die Knebelverträge der Molkereien hilft, sind starke Erzeugergemeinschaften, die auf Augenhöhe verhandeln.“ Die Discounter seien nicht die Feinde der Landwirte. „Die machen nur das, was der Markt vorgibt.“ Außerdem sieht er die Gefahr, dass große Investoren Bauernhöfe aufkaufen werden.

„Wenn die Bauern nicht mehr können, verkaufen sie Land. Wir halten so lange durch, bis ein anderer die Tür zu macht“, sagt Frohn. Er wünscht sich allgemein verbindliche Lösungen für alle Landwirte. Auch Frohn setzt seit zwei Jahren auf eine Ferienwohnung als zweites Standbein. „Ich bin froh, das gemacht zu haben“, sagt er.

Helmut Schreiber hat im Juli 2015 einen Milchautomat aufgestellt. „Das bot sich wegen der günstigen Lage an der Bundesstraße an“, sagt er. So verkauft er jetzt fünf Prozent der täglichen Milchmenge zum Preis von 1 Euro pro Liter. Der Rest der Weidemilch geht an die Molkerei Arla. Zunächst hatte er Zweifel, ob sich der Automat wegen der Nähe zu den großen Geschäften in Imgenbroich rechnen würde.

„Unsere Erfahrungen sind besser als gedacht. Den Verlust fängt das aber auch nicht auf“, sagt Schreiber. Anfangs war er froh, dass die Milchquote wegfiel. Inzwischen hat er Zweifel, ob das so gut war. Andererseits habe aber auch die Quote Höhen und Tiefen beim Milchpreis nicht verhindert. Auch Schreiber überlegt, eine Ferienwohnung als zweites Standbein einzurichten. „Man will ja nicht reich werden, sondern lediglich vernünftig leben, seine Rechnungen bezahlen können, und dass es den Tieren gut geht.“

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