Die Eifel vor zweihundert Jahren: Ohne Sommer und die Folgen

Von: Günter Krings
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Einige Wetterkapriolen gab es auch im Jahr 2016, das insgesamt zu mild war: An einem Spätwintertag Ende April bedeckt über den Dächern von Monschau für wenige Stunden eine feine Schneeschicht die Kirschblüte.

Nordeifel. Im zu Ende gehenden Jahr 2016 herrschte auch im Monschauer Land ein einmalig mildes Wetter. Kaum Schnee, kaum Frost. Die Klimakatastrophenmelder predigten bereits den Weltuntergang, wenn das so weitergehe.

Wie hätten sich aber die Menschen im Jahre 1816 gefreut, wenn sie so einen milden Winter und so einen warmen Sommer wie 2015 gehabt hätten? Aber es war damals in ganz Mittel- und Nordeuropa und auch in Nordamerika völlig anders. 1816 war das Jahr ohne Sommer.

Im Buch „Schnee von gestern“ führt der Verfasser Wetterchroniken der Stadt Monschau an, wo über dieses miserable Wetter berichtet wird. „1816 herrschte eine ungewöhnlich anhaltende regnerische und neblige Witterung, welche den Pflanzenwuchs so hinderte, dass fast kein Getreide gedieh und die wenigen Feldfrüchte, die noch aufgekommen waren, nicht zur Reife kommen ließ, weshalb die meisten auch in den Winter hinein und sogar bis zum darauffolgenden Frühjahr im Feld auf dem Halm stehen blieben, da vor dem Einheuern Schnee und Frost einsetzten.

Hieraus entstand das große Mangeljahr 1817, welches eine allgemeine Hungersnot herbeiführte. Man versuchte Brot aus einem Teil Roggen oder Hafer und zwei Teilen Kartoffeln zu backen. Anstatt Gemüse sammelte man Kräuter….. Zur Steuerung der Not ließ der preußische König Ostsee-Roggen aufkaufen und ins Rheinland schaffen.“

„Fast immer Regen“

Auch in den Tagebuchaufzeichnungen des Mathias Huppertz aus Konzen wird von einem nassen, regnerischen, kalten und schlechten Jahr berichtet. „Der Frühling, Sommer, Herbst fast immer Regen, wenig Gartengewächse, zwar viel Heu und Hafer, aber es konnte nur mit Mühe und schlecht eingescheuert werden. Viel Hafer und Erdäpfel sind im Feld geblieben“. Hafer wurde mit dem Schlitten eingefahren, was nicht überall gelang, so dass der Hafer auf dem Felde blieb und verfaulte. Folge dieser Missernten war ein Preisanstieg für Brot und Getreide. Huppertz wundert sich, dass im folgenden Jahr 1817 niemand verhungert ist wegen des Nahrungsmangels im Kreis Monschau.

Auch in den Eintragungen der Pfarrer in die Sterbebücher ist nicht zu erkennen, dass 1816 und 1817 mehr Menschen gestorben wären als in den Jahren davor oder danach. Im „Gedenkbüchlein für Lammersdorf“, das 1845 erschien und im „Eremit am Hohen Venn“ Nr. 5, 1928 veröffentlicht wurde steht: „Beim Frühjahr 1817 wurde Gras, Brennnessel, Klee und sonstige Futterkräuter anstatt fürs Vieh, für hungernde Familien gesammelt, und zu Mus gekocht.“

Gott sei Dank konnte man im Spätsommer und Herbst des Jahres 1817 wieder vernünftige Ernten einbringen. Für das Frühjahr 1817 fehlte nach der Missernte 1816 auch Saatgut für Getreide und Kartoffeln. Aus der Gemeindechronik von Kalterherberg erfahren wir, dass Landrat Böcking in Zusammenarbeit mit allen Bürgermeistereien Saatgut auswärts kaufte, wo die Ernte besser gewesen war.

Der Mangel an Lebensmittel wäre noch größer gewesen, „wenn nicht des Königs Majestät aus ihrer angeborenen Liebe und väterlicher Vorsorge für ihre Untertanen zur Abhilfe der großen Not Ostsee-Roggen hätte ankaufen und unter die Gemeinden verteilen lassen“. Die Armen in der Gemeinde Kalterherberg erhielten Getreide gratis. Durch diese staatlichen Maßnahmen wurde der Brotmangel behoben und der Teuerung Grenzen gesetzt und minderbemittelten Einwohnern konnte das Brot zu einem mäßigen Preise überlassen werden.

Für die Austeilung der Saatfrüchte wurde im Frühjahr 1817 eigens eine Kommission gebildet, der der Pfarrer, der Kaplan, der Bürgermeister, der beigeordnete Bürgermeister und zwei weitere Mitglieder angehörten. Die Chronik, die von Kurt Mertens herausgegeben wurde, berichtet auch, dass „Zu eben dieser Zeit der Not sich die bemittelten Einwohner sehr wohltätig gegen die Armen bezeigten, in dem sie Nahrungsmittel aller Art sowie Saatfrüchte meistens unentgeltlich...verabreichten.“

Wenn es Wetteranomalien gibt, suchen Menschen seit eh und je nach den Ursachen für die nachteiligen Wetterveränderungen. Bei den Ägyptern machte man den Pharao für schlechtes Wetter verantwortlich, im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit waren Missernten wegen schlechten Wetters eine Strafe Gottes für die sündhafte Menschheit. In der frühen Neuzeit wurden so genannten Hexen für Hagelschläge und andere Wetteranomalien verantwortlich gemacht und grausam hingerichtet.

Erst 150 Jahre nach dem „Jahr ohne Sommer“ war man sich im Klaren darüber, was dieses schlechte Wetter damals hervorgerufen hatte. In Indonesien, weit weg von uns, war im Jahre 1815 der Vulkan Tambora explodiert. Durch diese Explosion waren über hundert Kubikkilometer Asche und andere Mineralien in ungeheuere Höhe geschleudert worden, so dass die ganzen nördliche Hemisphäre durch Temperaturabfall darunter zu leiden hatte. Asche und Schwefeldämpfe verteilten sich über die ganze Welt und ließen die Durchschnittstemperaturen um drei Grad sinken.

In Europa macht sich die Wetterkatastrophe weniger durch Schnee und Winterkälte bemerkbar, vielmehr verdunkeln im Sommer 1816 unauflösliche Regenwolken den Himmel. Der Winter brach viel zu früh ein. Historiker sehen allerdings diese Hungerzeit 1816/1817 als die letzte große Hungersnot in Mitteleuropa.

Zu dem wenigen Guten, das der düstere Sommer 1816 mit sich bringt, gehören die einmaligen Sonnenuntergänge nach 1817, die durch Staubpartikel verschiedenster Zusammensetzung hervorgerufen werden und Dichter und Maler der Romantik zu überschwänglichen Naturgedichten und Landschaftsmalereien inspirieren.

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