Baesweiler - Detlef Malinkewitz: Der lange Weg zurück ins Rampenlicht

Detlef Malinkewitz: Der lange Weg zurück ins Rampenlicht

Von: Thomas Thelen
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Im Herbst soll ein Album erscheinen: Detlef Malinkewitz (51), der in den 90er Jahren internationale Chartserfolge feierte, plant sein Comeback als Sänger. Foto: Andreas Steindl
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Februar 1997: Detlef Malinkewitz posiert auf einer Harley. Foto: Siegfried Malinowski

Baesweiler. Dr. Malinkewitz steht auf dem Klingelschild, und für einen Moment ist man irritiert. Es muss an der Sachlichkeit liegen, also an der Kombination von Titel und Namen. Irgendwie fehlt da was, auch wenn auf dem Schild für mehr gar kein Platz wäre. Im Kopf ist aber unendlich viel Platz. Platz für Bilder. Und die wird man nicht los.

Show. Glamour. Glitzer. Detlef Malinkewitz alias „L-Viz“ im Elvis-Presley-Outfit, weißer Anzug, ein paar Glitzer-Verzierungen, tiefer Ausschnitt . . . so viele Bilder.

„Hallöchen“, ertönt die Stimme in der Gegensprechanlage. „Zweite Etage bitte.“

Da sitzt er auf dem hellen Ledersofa und hat gut reden. Sagt, dass er seinen Frieden gemacht hat mit der Vergangenheit. Also auch mit Elvis, dem großen Elvis Presley, den er immer noch für den genialsten Sänger und Entertainer aller Zeiten hält. Den er interpretiert und dessen Songs er gecovert hat und so selbst zum Star für eine kurze Zeit wurde. „Natürlich wollte ich so sein wie er, klar. Aber irgendwann habe ich begriffen, dass ich mit meiner Stimme mein eigenes Ding machen kann“, sagt Detlef Malinkewitz und rutscht weiter vor Richtung Sofakante, so als wolle er dem, was er nun sagen wird, ein bisschen Nachdruck verleihen. Man solle das jetzt bitte nicht falsch verstehen, aber im Grunde sehe er in Elvis Presley heute eine Art Kollegen.

An der Kasse im Einkaufsmarkt

Zwei Stunden wird das Gespräch mit Malinkewitz dauern. Und obwohl man sich wirklich Mühe gibt, mag man nicht glauben, dass so gar nichts mehr übrig geblieben sein soll von Elvis Presley in Detlef Malinkewitz. Man traut dem Braten nicht. Zu sehr gehörte beides zusammen, und wann immer man ihm, also Malinkewitz, auf der Straße oder beim Einkaufen begegnete, immer war auch der King of Rock‘n‘Roll im Spiel. Zumindest schwirrten einem die entsprechenden Bilder durch den Kopf. War das nun Malinkewitz oder Presley, der da im Supermarkt einen Schokoriegel und ein Päckchen Butter aufs Band an der Kasse legte?

Natürlich war es Malinkewitz, schon klar, aber kurz blitzte eben auch das Bild des Elvis-Interpreten auf. Ein bisschen gemein war das schon. Aber was wollte man machen, er selbst hatte schließlich dafür gesorgt.

Hinten in einem kleineren Zimmer seiner Wohnung in Baesweiler hängt die Goldene Schallplatte an der Wand. Man wundert sich, dass das gerahmte Stück nicht vorne im Flur hängt, sofort sichtbar für jeden Besucher, der die Wohnung betritt. Es wirkt fast so, als wolle der 51-Jährige die Trophäe verstecken. Ist das die neue Bescheidenheit des Detlef Malinkewitz, dem mancher einen Hang zur Selbstüberschätzung nachsagt? „Ich selbst habe mich eigentlich nie so gesehen. Gut möglich, dass ich damals durchaus überzeugt von mir war. Möglicherweise haben sich diese Leute ja auch geirrt“, sagt Malinkewitz.

Top Ten in den Singlecharts

500.000 Mal hatte sich seine Version von „In The Ghetto“ allein in Deutschland verkauft. Top Ten in den deutschen Singlecharts, zehn Millionen Exemplare gingen weltweit über die Ladentheken. Von heute auf morgen war der gelernte Industriekaufmann aus dem Baesweiler Stadtteil Setterich zum gefeierten Sänger geworden.

Wenn er an diese Zeit zurückdenkt, bleiben vor allem die schönen Momente, der unvergessene Videodreh zur Single in Las Vegas, überhaupt das aufregende Hotel- und Bühnenleben eines Popstars. „Das war schon verrückt, man kann sich das nicht vorstellen, plötzlich stehst du permanent im Rampenlicht und alle wollen etwas von dir“, sagt er. „Ein Leben wie im Rausch.“

Und dann erzählt er von diesem Rausch. Erzählt auch von der Einsamkeit nach den Auftritten vor Tausenden von Menschen. Und während er erzählt, weiß er sehr wohl, dass manches ein bisschen dick aufgetragen rüber kommt. Vielleicht liegt das aber auch an seiner Stimme, an der Art, wie er spricht, leicht gekünstelt. Aber so ist er, man nimmt es ihm nicht übel.

Und außerdem: Er hatte das ja nicht geträumt. Es war ja so! Westfalenhalle in Dortmund, 20.000 Menschen, die ihm zujubelten, europaweite Auftritte in unzähligen Fernsehshows, in einer dieser Shows rissen ihm die Fans fast die Klamotten vom Leib.

Und nach jedem Auftritt die Stille des Hotelzimmers. „Die Einsamkeit des Künstlers ist ja oft genug beschrieben worden. Das ist tatsächlich so. Und ich sage das nicht, weil es jeder Künstler so sagen muss. Nein, ich sage das, weil ich es genauso und nicht anders erlebt und empfunden habe. Es war eine grandiose Zeit, aber ich habe mich phasenweise auch einsam gefühlt.“

Die Bilderbuchkarriere war vorgezeichnet, alles lief nach Plan. Doch dann das musikalische Ende – aus dem Nichts. Malinkewitz selbst würde das Wort Absturz niemals in den Mund nehmen. Er sagt eher Sätze wie: „Das ist nicht optimal gelaufen.“ Und den Grund schiebt er gleich hinterher. Er ist sich jedenfalls sicher, den Grund zu kennen.

„Fever“ wird zum Flop

In der Tat bewiesen die Verantwortlichen bei der Plattenfirma Sony ein eher unglückliches Händchen, als sie sich entschieden, „Fever“ als zweite Single an den Start zu bringen. Ein grandioser Flop! „Ich habe nie verstanden, wie man sich für das Stück entscheiden konnte, das wollte nicht in meinen Kopf. Ich habe Sony nicht davon abbringen können“, sagt Malinke-witz und erzählt von den Mechanismen der Branche, vom knallharten Musikbusiness. Und schon hat man Bilder von eiskalten Plattenfirmenbossen und selbstgefälligen Labelmanagern vor Augen. Von gegängelten Künstlern, die zu funktionieren haben, Marionetten der Musikindustrie. „Die wollten, dass ich funktioniere. Und ich habe funktioniert. Aber das Beste, was ich als Sänger hätte geben können, konnte ich in diesem System nicht geben. Da wäre sehr viel mehr drin gewesen“, sagt er nachdenklich.

Ähnlich hört sich das an, wenn Malinkewitz über seine Karriere als Fußballspieler redet. Alle waren sich einig, dass er das Zeug zum ganz Großen hatte, doch nach seinem Wechsel vom SV 09 Baesweiler zu Alemannia Aachen sei er schlecht beraten worden. „Ich war 17 Jahre alt und hatte niemandem, der mir meine Grenzen aufgezeigt hätte. Genau das wäre aber wichtig für mich und meine Entwicklung gewesen.“

Reichlich Talent – ob als Fußballer oder Musiker. Aber kein Korrektiv? Es scheint, als ziehe sich das wie ein roter Faden durch sein Leben.

Der „Fever“-Flop leitete den An- fang vom Ende seiner kurzen steilen Sängerkarriere ein. „Das war nicht einfach. Eine Zeit lang bin ich deprimiert durch die Gegend gelaufen, doch mir war schnell bewusst, dass das nicht lange so weitergehen durfte. Du musst dich aufraffen, habe ich mir gesagt. Du hattest eine tolle Zeit, es war so, wie es war, du hattest Pech. Es war fantastisch, erinnere dich immer daran. Auch wenn der Schluss nicht so war, wie du dir das gewünscht hast. Du bist hingefallen. Jetzt steh wieder auf.“

Häufig redet Malinkewitz in der zweiten Person von sich. „Du bist hingefallen“, sagt er. Oder: „Du hattest Pech.“ Dieses Du verschafft ihm ein bisschen Distanz zu sich selbst, zu damals, zu seinem Künstlerdasein, seiner Elvis-Rolle. Und ein bisschen schiebt er mit diesem Du auch die Verantwortung von sich. Er lässt sich kritische Fragen gefallen, das durchaus. Doch er greift auch beherzt ein, wenn ihm kritische Fragen überzogen erscheinen. Einen ausgeprägten Hang zur Selbstkritik wird man ihm nicht attestieren können.

Kometenhafter Aufstieg

Und was ist geblieben außer der schönen Erinnerung? „Ist das jetzt die Anspielung auf meine finanzielle Situation?“, fragt Malinke-witz. „Dazu kann ich nur sagen, dass ich nicht schlecht gestellt bin, dass es mir gut geht. Mehr will ich dazu nicht sagen.“

Dem kometenhaften Aufstieg folgte der tiefe Fall. Selbst eine Anschuldigung wegen angeblicher Belästigung eines weiblichen Fans musste er über sich ergehen lassen. Es dauerte, bis Malinkewitz zurückfand in die Spur. Runter von der Bühne, ran an den Schreibtisch. Studium der Kommunikationswissenschaft, Politik und Philosophie an der RWTH Aachen, das er 2006 als bester Absolvent seines Jahrgangs mit Auszeichnung abschloss. „Ich habe mich voll reingekniet, hatte ein neues Ziel, das ich mit eiserner Disziplin verfolgt habe“, sagt Malinkewitz. Vier Jahre später wurde er von der Philosophischen Fakultät zum Dr. phil. promoviert. Seit 2009 ist Malinkewitz bei der Stadt Aachen angestellt, wo er bis 2015 als Referent von Oberbürgermeister Marcel Philipp tätig war, ehe man die Zusammenarbeit beendete. Seit 2015 arbeitet Malinkewitz als Kulturreferent für die Stadt. Über sein Verhältnis zum OB will er sich nicht äußern. „Ich schaue nach vorne.“ Und meint damit die Rückkehr auf die Bühne.

„Das neue Ding“

Er selbst redet von einem Comeback und sagt, dass „das neue Ding durch die Decke gehen könnte“. Seit Wochen postet er auf Facebook auf sein Comeback hin, erhält sehr viel Aufmunterung und Zuspruch von seinen Facebook-Freunden, unter ihnen, das zeigen die Kommentare, Fans von damals. Das Interesse ist groß, viele wollen wissen, was als Nächstes kommt. Doch Malinkewitz gibt nur kleine Häppchen preis, postet Fotos aus einem Tonstudio, in dem er gerade die Arbeiten an einem Album abgeschlossen hat. „In diesem legendären Studio zu singen und aufzunehmen, kann ich mit Worten nicht beschreiben. Das Ergebnis ist der Hammer“, schwärmt der Sänger. Seine kristallblauen Augen scheinen in diesem Moment noch kräftiger zu strahlen, als sie es eh tun. Am liebsten würde er die Katze aus dem Sack lassen, doch das wäre zu früh, sagt er, so ein Comeback will gut vorbereitet sein.

Ein Foto auf Facebook zeigt Ma-linkewitz im Studio an der Seite von Darcy Proper aus New York, die bereits drei Grammys gewonnen hat und als der beste Mastering-Engineer der Welt gilt. Unter anderem hat sie Musik von Frank Sinatra, Johnny Cash und Louis Armstrong gemastert. „Hier bin ich mit ihr in ihrem Mastering-Studio während der Arbeit. Spitzenklasse!“, kommentiert Malinkewitz das Facebook-Foto.

Junge aus Setterich

Mehrere Aufnahmesessions hat er in den berühmten Wisseloord Studios absolviert. Und tatsächlich ist dieses Studio im niederländischen Hilversum nicht irgendein Studio. Größen wie Elton John, die Scorpions, Orchestral Manoeuvres In The Dark, Def Leppard, Iron Maiden, Tina Turner und U2 haben hier Platten produziert. Und da fragt man sich dann schon, wie er das schafft, wie der Junge aus Setterich auch heute noch zu solchen Weltkonktaken kommt, wie es ihm gelungen ist, da überhaupt rein zu kommen. Und ohne Gage werden die Studiomusiker ja auch nicht gespielt haben.

Auch hier lässt sich Malinkewitz ungern in die Karten schauen. Nur so viel: „Ich habe das Geschäft kennengelernt, es gibt noch Kontakte, das kommt mir zugute. Wichtig ist für mich, dass ich die Dinge selbst in die Hand nehme. Damals war ich in den Klauen einer großen Plattenfirma, das wird mir nicht mehr passieren.“ Einen Künstlernamen mag er sich übrigens nicht mehr geben. „Authentizität ist mir wichtig. Ich bin Detlef Malinkewitz. Mir ist bewusst, dass das kein amerikanischer Künstlername ist. Ich brauche nicht Jimmy, Johnny oder wie auch immer zu heißen, um der zu sein, der ich bin. Die Stimme ist des Sängers Kapital und die sollte man sich mal anhören!“

Selbst komponierte Stücke wird es auf dem Album, das im Herbst erscheinen soll, nicht geben, und auch keine Elvis-Presley-Cover. Ein halbes Jahr hat er nach den passenden Songs gesucht, nach Songs, die, wie er sagt, seine stimmlichen Stärken betonen. Blues, Soul, Rock, ein bisschen Jazz. „Die Menschen werden es lieben.“ Auch Unerwartetes gibt es – etwa ein Cover des Radiohead-Songs „Creep“. Wie bitte, Malinkewitz interpretiert Radiohead?! „What the hell am I doin‘ here?“ (was zum Teufel mache ich da bloß?), heißt es im Refrain des Songs. Er selbst hat sich das offensichtlich nicht gefragt. „Die Leute werden sich wundern, was ich aus diesem Song gemacht habe.“

Auf der Kante des Ledersofas

Es ist ja nicht so, dass man ihm das nicht glaubt. Es ist einfach nur so, dass man sich tatsächlich nicht vorstellen kann, dass Detlef Malinkewitz einen Song von Radiohead covert. Eine Band, mit der Malinkewitz, so möchte man jedenfalls meinen, normalerweise überhaupt nichts am Hut hat. Da sind Zweifel erlaubt. Und Malinkewitz spürt das. „Soll ich mal ansingen?“, fragt er. Und während man nun selbst etwas nervös auf der Kante des Ledersofas herumrutscht, weil das doch eine ziemlich intime Situation ist, ist er längst aufgesprungen, steht mitten im Wohnzimmer und singt los. Singt einfach los, als ob nichts dabei wäre. Und plötzlich ist der Raum erfüllt von seiner Stimme. Man kann gar nicht anders, als das irgendwie beeindruckend zu finden. Und beginnt zu ahnen, wo der Kerl sein Selbstbewusstsein hernimmt.

Beim Verlassen des Wohnhauses fällt der Blick noch einmal auf das Klingelschild. Dr. Malinkewitz. Viel-leicht ist er ja doch ein anderer geworden.

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