Simmerath - Der Wunsch, ein „normales” Leben zu führen

Der Wunsch, ein „normales” Leben zu führen

Von: Julia Bäumler
Letzte Aktualisierung:
Einrichtungsleiter Stefan Kön
Einrichtungsleiter Stefan Könnicke, Assisten Dieter Hupertz und Praktikant Reiner Pohl (v.l.) freuen sich über die tolle Zusammenarbeit. Die Möglichkeit auf einen festen Arbeitsplatz besteht. Foto: Julia Bäumler

Simmerath. „Reiner Pohl hat uns als Praktikant ganz klar nicht belastet, sondern vielmehr entlastet.” Über diesen Eindruck von dem Einrichtungsleiter des „Alloheim”, der Seniorenresidenz in Simmerath, freut sich der schwer körperlich behinderte Reiner Pohl besonders.

Er begann vor acht Wochen gemeinsam mit seinen Assistenten Dieter und Helga Hupertz ein Praktikum in der Seniorenresidenz, um trotz seiner spastischen Lähmung ein „normales Leben” aufzubauen.

Schon seit seiner Geburt leidet der 28-jährige unter einer spastischen Lähmung, welche dadurch zustande kam, dass sich die Nabelschnur bei der Geburt um seinen Hals schlang.

Hierdurch bekam er zu wenig Sauerstoff, und folglich starben die Gehirnzellen, die für die Motorik zuständig sind, ab. Jedoch setzt sein Assistent Dieter Hupertz hier hinter ein ganz großes „Aber”, denn: die Gehirnzellen sind zwar abgestorben, dies heiße aber nicht, dass sein Gehirn nicht lernfähig sei.

Selbstverständlich ist Reiner Pohl immer auf die Hilfe anderer angewiesen und wohnt aus diesen Gründen auch direkt neben seinen Eltern, doch seit den zwei Jahren, in welchen Huppertz und seine Frau ihn schon begleiten, können sie jetzt schon deutliche Erfolge erkennen, wie Pohl lernt mit der Spastik umgehen zu können.

Er sei viel entspannter und vor diesen zwei Jahren sei es noch fast nicht vorstellbar gewesen ihn so ruhig im Rollstuhl sitzen zu sehen.

Rainer Pohls Entwicklungsweg begann mit einer über acht jährigen Schulausbildung in der Behindertenwerkstatt in Aachen im Vincentsheim, bis er schließlich sein 18. Lebensjahr vollendete.

Anschließend war er in der Behindertenwerkstatt in Imgenbroich tätig, sah für sich hier jedoch keine Zukunft und lernte schließlich seine beiden Assistenten Dieter und Helga Hupertz kennen.

Diese werden nun für die nächsten 6 Jahre Teil seines Lebens werden und ihm helfen eine Ausbildung mit Hilfe von verschiedener Praktika zu durchlaufen und am Ende der Reise einen Arbeitsplatz für Reiner Pohl zu finden.

Der Weg von Reiner Pohl ist zwar steiniger als manch anderer, hat aber trotzdem ein Ziel: eines Tages möchte auch er sein eigenes Geld verdienen, indem er entweder selbstständig wird und von Firmen Arbeitsaufträge einholt oder eine feste Stelle bei einem Unternehmen bekommt.

Ihm ist klar, dass er nicht ganztags arbeiten können wird, doch dies sei kein Problem um in das normale Arbeitsleben einzusteigen. Er spezialisiert sich auf die Arbeit mit Computern und durch die Hilfe seiner Assistenten macht er immer größere Lernfortschritte.

„Natürlich ist seine Lernfähigkeit ein bisschen heruntergesetzt, doch wichtig ist, dass es sich um eine rein körperliche Behinderung handelt, was bedeutet, dass das Lernen und Merken super funktioniert. Mittlerweile kennt sich Reiner schon mit den Programmen „Word” und „Outlook” aus, als nächstes steht nun das Erlernen des Umgangs mit dem Programm „Excel” an.”, erklärt Dieter Hupertz.

Nachdem Pohl schon ein Praktikum im Aachener Tierpark absolvierte, und auch zwei Wochen in dem lokal ansässigen Baumarkt „Extra” verweilen durfte, findet man ihn nun in der Seniorenresidenz in Simmerath wieder.

Insgesamt sechs Wochen lang konnte er hier in das Tagesgeschehen eines großen Unternehmens einblicken. Zu seinen Aufgaben zählten die Hauswirtschaft, die Pflege und verschiedene Aufgaben in der Küche. Doch auch in die Personaleinsatzplanung bis hin zum Rechnungswesen durfte Reiner Pohl „reinschnuppern”.

Bei einem Rückblick auf die vergangen sechs Wochen sind sowohl Assistent Dieter Hupertz, als auch Einrichtungsleiter Stefan Könnicke, begeistert über die Zusammenarbeit und den Erfolg, welchen dieses Praktikum hervorholte.

„Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich gemeinsam mit Reiner vor acht Wochen über den Platz vor dem Seniorenheim spazierte und ganz spontan nach einem Praktikumsplatz fragte. Natürlich waren wir vieles gewohnt, insbesondere was Absagen anging, aber hier schien alles anders zu sein.

Wir wurden mit offenen Armen empfangen und herzlichst in den Trubel des Seniorenheims integriert. Uns hat es hier von vorne bis hinten super gefallen und ich muss schon sagen: dieses Altenheim besticht alle!”, lobt Hupertz die Seniorenresidenz.

Doch tatsächlich wird Reiner Pohl wenn er mit seinem Rollstuhl über die Flure der Residenz fährt von allen Seiten freundlich begrüßt und auf die Schulter geklopft. Es scheint, als ob er hier schon viel länger als nur sechs Wochen Teil einer Gemeinschaft geworden sei.

„Zusammenfassend kann man wirklich sagen, dass die gemeinsame Arbeit mit Reiner Pohl uns bereichert hat. Wir, als Seniorenresidenz Simmerath probieren uns nach außen hin zu öffnen und somit spielt auch der integrative Gedanke bei uns eine zunehmend größer werdende Rolle.

Als Dieter Hupertz sich damals nach einem Praktikumsplatz für Reiner Pohl bei uns erkundigte, beschloss ich, dass es auf jeden Fall einen Versuch, eine Erfahrung Wert sei. Dadurch versuchen wir die Vielseitigkeit unserer Seniorenresidenz auszubauen und dies ist uns mit unserem Praktikanten Reiner Pohl auch gelungen.

Sogar bei den an Demenz erkrankten Leuten traten keinerlei Probleme auf, alles verlief bestens.”, berichtet Stefan Könnicke über die vergangenen sechs Wochen.

Nachdem Reiner Pohl nun seinen letzten Praktikumstag in der Seniorenresidenz verbrachte, ist es für ihn an der Zeit seine Suche nach Praktikumsplätzen fortzusetzen.

Gemeinsam mit seinen beiden Assistenten geht seine Reise in die Arbeitswelt weiter. Und vielleicht wird es ja sogar möglich sein, dass Reiner Pohl auch eines Tages in der Seniorenresidenz arbeitet, deutet Dieter Hupertz an, doch dies sei alles noch offen.

Besonders wichtig ist für Reiner Pohl nun hauptsächlich ein „normales” Leben zu führen, in welchem er trotz körperlicher Behinderung in die Arbeitswelt integriert werden kann.
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