Der Mann, der tonnenschweren Stahl in Form brachte

Von: Peter Stollenwerk
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Im Rahmen der Aktion Umwelt-Akzente entstand im Jahr 1970 in Monschau auf dem Platz vor dem Festhaus Wiesenthal, dem heutigen Carat-Hotel, die Skulptur „Verformung“. Örtliche Handwerker unterstützten den Stahlbildhauer Alf Lechner (auf dem kleinen Bild an seinem 85. Geburtstag) bei der Arbeit. Foto: Katalog/dpa
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Im Jahr 2011 kehrte die mächtige Lechner-Stahlskulptur nach Monschau zurück. Ihren Standort fand sie im „Patere Höffje“ am Aukloster. Foto: Archiv/P. Stollenwerk
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Im Rahmen der Aktion Umwelt-Akzente entstand im Jahr 1970 in Monschau auf dem Platz vor dem Festhaus Wiesenthal, dem heutigen Carat-Hotel, die Skulptur „Verformung“. Örtliche Handwerker unterstützten den Stahlbildhauer Alf Lechner (auf dem kleinen Bild an seinem 85. Geburtstag) bei der Arbeit. Foto: Katalog/dpa

Monschau. Die Bronzestatue als naturgetreues Abbild des Monschauer Originals „Maaßens Päulche“ an der evangelischen Brücke in Monschau ist wahrscheinlich das von Touristen am häufigsten fotografierte Objekt handwerklicher Kunst. Das mit Abstand bedeutendste Kunstwerk im Außenraum der historischen Monschauer Altstadt aber ist mit Sicherheit die „Verformung“.

Die mächtige abstrakte Stahlskulptur hat seit gut fünf Jahren ihren Platz im „Patere Höffje“ am Aukloster gefunden, und kaum ein Sommertag vergeht, an dem nicht Kinder das Kunstwerk als Spielobjekt erobern. Die „Verformung“ ist ein Frühwerk des international anerkannten Stahlbildhauers Alf Lechner, der am 25. Februar 2017 im Alter von 91 Jahren im oberbayrischen Dollnstein gestorben ist.

Eine Mischung aus Ergriffenheit und Nostalgie herrschte, als die Skulptur Mitte August 2011 nach über 40-jähriger Abwesenheit nach Monschau nach 600 Kilometer langer Fahrt aus Bayern zurückkehrte und sanft vom Arm eines Krans auf das Kopfsteinpflaster im „Patere Höffje“ gesetzt wurde. In Monschau hat die Arbeit ihren Ursprung und dort ist sie auch entstanden.

Gegenüber dem Kunst- und Kulturzentrum hat die knapp zwei Tonnen schwere Dauerleihgabe ihren endgültigen Platz gefunden, wenn nicht gerade Weihnachtsmarkt ist, dann wird sie für vier Wochen zum Resi-Schuhmacher-Platz an die Laufenstraße gewuchtet.

Die aus vier geknickten Vierkant-Stahlelementen bestehende Plastik, wovon ein Träger aufgrund einer „Verformung” steiler in den Himmel ragt, war im August 2011 auch das am meisten beachtete Werk der Ausstellung Umwelt-Akzente II in Monschau.

Diese Ausstellung war als Retrospektive der Ausstellung „Umwelt-Akzente – Die Expansion der Kunst“ angelegt, die vom 9. Mai bis 21. Juni 1970 in Monschau für Furore und heftige Kontroversen in der Bevölkerung sorgte, gleichzeitig aber die bisher bedeutendste Phase für Monschau als Ort für zeitgenössische Kunst im Außenraum einleitete (ein Jahr später folgte das Christo-Projekt mit der Verhüllung von Burg und Haller).

Es war der Wunsch des Künstlers, der zu den bedeutendsten Stahlbildhauern in Europa gehört, dass seine Skulptur wieder nach Monschau zurückkehrt. Bisher stand die „Verformung“, die bei den Umwelt-Akzenten so bezeichnet wurde, in Freiburg als Leihgabe.

Freiburg wollte kaufen

Lechner war von der Monschauer Retrospektive und der Idee, das Kunstwerk zu verlagern, gleich begeistert. Selbst ein Angebot der Stadt Freiburg, die die Skulptur für eine Million Euro erwerben wollte, schlug der Künstler aus. „Die Rückkehr nach Monschau war für Professor Lechner eine Herzensangelegenheit”, berichtete damals Helmut Lanio von der Monschau-Festival GmbH als Mitiniatior der Retrospektive. Die besondere Beziehung zu Monschau hing auch damit zusammen, dass mit den Umwelt-Akzenten für viele damals beteiligte Künstler (insgesamt waren es 39 an der Zahl) ihre kreative Schaffensperiode begonnen hatte.

So kam das Kunstwerk frisch gesandstrahlt und frisch gestrichen wieder nach Monschau und fand seinen Platz direkt unter dem Wohnungsfenster von Kaspar Vallot, dem damaligen Ausstellungsleiter der Umwelt-Akzente und Motor des Kunstkreises Monschau. Vallot konnte sich noch detailgenau an die überwiegend ablehnende Haltung in der Bevölkerung erinnern, als die Umwelt-Akzente die braven Bürger Monschaus mit frecher, spontaner und provozierender Kunst im Außenraum konfrontierten.

Die zeitgenössische Kunst im Straßenraum sorgte damals für Ratlosigkeit, Empörung, Irritation und Kopfschütteln in der Bevölkerung. Ein Monschauer Wirt legte sich mit den Künstlern an und erteilte ihnen sogar Hausverbot. Immerhin hätten die Bürger damals eingeräumt, dass Lechner sehr wohl in der Lage sei, tüchtig zu arbeiten, als er die Stahlskulptur gemeinsam mit Schmiedemeister Josef Hermanns tagelang auf dem Platz vor dem Festhaus Wiesenthal, dem heutigen Carat-Hotel herrichtete, erinnerte sich Kaspar Vallot.

Die „Verformung“ war in der damaligen Ausstellung das größte Objekt, das einzige Kunstwerk, das verkauft wurde und nicht zuletzt das einzige, das heute noch existiert, denn viele Aktionen bei den Umwelt-Akzenten waren für den Moment bestimmt.

Nach dem Tod des Künstlers dürfte die Skulptur nun noch einmal an Bedeutung gewinnen, und die Monschauer haben sich inzwischen längst mit dem Kunstwerk arrangiert.

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