Imgenbroich - Der Dorfbäcker ist von Bistros umzingelt

Der Dorfbäcker ist von Bistros umzingelt

Von: Peter Stollenwerk
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Hat sich als Traditionsbetrieb im Konkurrenzkampf der in Imgenbroich ansässigen Bäckerei-Filialen gut behauptet: Bäckermeister Andreas Neuß und Ehefrau Alexandra wollten keine kleinen Brötchen backen, sondern passten das Konzept des Familienbetriebs an die neuen Gesetze des Marktes an. Foto: P. Stollenwerk

Imgenbroich. Handwerk hat goldenen Boden: Auf diese bekannte Redewendung hat sich auch Andreas Neuß verlassen, als er sich vor rund zwei Jahrzehnten dazu entschloss, den elterlichen Bäckereibetrieb am Heidbüchel in Imgenbroich in die nächste Generation zu führen.

Der heute 46-jährige Bäckermeister bereut seine Entscheidung nicht, gemeinsam mit Ehefrau Alexandra (47), die inzwischen seit 95 Jahren bestehende Familientradition fortzuführen, aber das Geschäft ist härter und umkämpfter geworden.„Manchmal ist der Konkurrenzkampf schon ein wenig ermüdend“, sagt Andreas Neuß, denn die Rahmenbedingungen in Imgenbroich, wo das wirtschaftliche Herz der Stadt Monschau schlägt, haben sich dramatisch verändert.

In den 1980ern konkurrenzlos

In den 1980er Jahren war die Bäckerei Neuß in Imgenbroich praktisch konkurrenzlos, heute ist der Dorfbäcker von Bistros und Herstellern von Backwaren regelrecht umzingelt. Die Dichte des Angebotes ist inzwischen so hoch, dass vor einigen Wochen in Imgenbroich beim kleinen Umzug am Karnevalssonntag die örtliche Feuerwehr sogar einen Motivwagen baute zwecks Unterstützung des traditionellen Bäckerhandwerks in Imgenbroich.

Inzwischen gibt es nicht weniger als elf Verkaufsstellen für Backwaren im Ort. Dass in Kürze ein weiterer Großbäcker aus Aachen im Ortskern das Dutzend voll machen soll, erwies sich als Gerücht. Weder bei der Stadtverwaltung Monschau noch beim im Rede stehenden Vermieter sind solche Bestrebungen bisher bekannt.

Aber auch mit elf Konkurrenten, findet Andreas Neuß, sei inzwischen bereits eine Übersättigung erreicht. Es sei für alle schwierig, ein solches Angebot aufrecht zu erhalten.

Hinzu kommen bei den Discountern dann noch regelmäßig gezielte Lockangebote, die den kleinen Bäckereien das Leben schwer machen. Wenn Brötchen für weniger als zehn Cent angeboten würden, dann diene ein solches Angebot allein dazu, Kunden zu gewinnen, ergänzt Alexandra Neuß, denn solch extreme Niedrigpreise deckten nicht einmal die Produktionskosten. Auch die Großbäckereien hätten inzwischen erkannt, dass sie bei diesem Preiskampf an ihre Grenzen stoßen würden.

Seinerseits an die Grenzen stieß der Imgenbroicher Bäckermeister im vorigen Jahr bei seinen Anstrengungen, die Genehmigung eines Bäckerei-Bistros am Baumarkt an der Linde zu verhindern. Zunächst hatte der Monschauer Bauausschuss das Vorhaben abgelehnt, weil es nicht die Ansiedlungsvoraussetzungen erfüllte. Das Bistro wurde nicht als Handwerksbetrieb eingestuft, da die Teigrohlinge angeliefert werden sollten und somit die Produktion nicht vor Ort stattgefunden hätte, lautete die Begründung. Anderthalb Jahre später teilte die Stadtverwaltung aber mit, dass der Antragsteller seine Pläne dahingehend geändert habe, dass nun auch die Herstellung der Backwaren vor Ort erfolge.

Nach den Feststellungen von Andreas Neuß habe es aber keine erkennbaren Veränderungen gegeben. Den Gesetzmäßigkeiten der freien Marktwirtschaft wolle er sich gerne stellen, „aber das war ein Bauerntrick“. Bei dieser Einschätzung musste es der Imgenbroicher Bäckermeister bewenden lassen.

Weil er nicht in direkter Nachbarschaft des neuen Unternehmens produziert, sind ihm auch die juristischen Einwirkungsmöglichkeiten versagt.

„Wir können nur mit Qualität, Service und dem Angebot, individuell auf Kundenwünsche einzugehen, punkten“, weiß Andreas Neuß. Dies werde auch von der Kundschaft honoriert. Aber auch sein Betrieb habe sich längst auf die seit Jahren expandierende Welle von Bistros und Cafés eingestellt. Der Kostendruck sei allerdings immer schwieriger zu kalkulieren, da man auch als kleines Unternehmen die Schwankungen auf dem Weltmarkt spüre, wenn beispielsweise durch Ernteausfälle oder klimatische Einwirkungen die Rohstoffpreise in Turbulenzen gerieten.

Vor dem Krieg noch fünf Bäcker

Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es noch fünf selbstständige Bäcker in Imgenbroich, zwei Betriebe wurden im Krieg zerstört. Von den drei anderen Bäckereien ist das Familienunternehmen Neuß seit etwa 1980 allein vor Ort. Zwar sei die Einwohnerzahl in Imgenbroich in den zurückliegenden Jahrzehnten gewachsen, aber allein von der Ortsbevölkerung könne der Betrieb längst nicht mehr existieren, weiß Andreas Neuß.

Als Chef eines mittelständischen Betriebs freut sich Andreas Neuß aber auch über einen beginnenden Bewusstseinswandel in der Gesellschaft, der jetzt wieder eine verstärkte Tendenz in der Kundschaft zu mehr Qualität erkennen lasse. Die viel zitierte „Geiz-ist-geil-Mentalität“ sei wieder auf dem Rückzug. Gerade das Qualitätsbewusstsein bei Lebensmitteln sei bei den Kunden wieder ausgeprägter.

Dennoch hält er angesichts des hoch verdichteten Angebots in Imgenbroich fest: „Für uns ist es schon ein Riesenaufwand geworden, in diesem Konkurrenzkampf zu bestehen. Ich werde von den Kunden auch dauernd auf diese Situation angesprochen.“

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