Aachen - Das Urteil lautet: „Gemeingefährlich”

Das Urteil lautet: „Gemeingefährlich”

Von: Gerald Eimer
Letzte Aktualisierung:
treppe_bu
Stein des Antoßes: Die jüngst fertiggestellte Treppe zwischen Aureliusstraße und Borngasse findet insbesondere bei Seh- und Gehbehinderten keinen Beifall. OB Philipp gibt sich gesprächsbereit. Foto: Harald Krömer

Aachen. Eigentlich plante die Stadt ein schönes Eröffnungsfest, doch nun muss sie sich zunächst harter Kritik erwehren: Die neue Freitreppe zwischen Aureliusstraße und Borngasse stelle wegen „ihrer architektonischen Finesse und der Farbgestaltung eine große Gefahr für jedermann, insbesondere aber für geh- und sehbehinderte Personen” dar, sagt Dietlind Schudoma-Wollgarten, Landessprecherin der Selbsthilfegruppe „Pro Retina”.

Im Praxistest seien harte Worte gefallen, sagt Schudoma-Wollgarten, die jüngst eine Gruppe blinder und sehbehinderter Gäste durch Aachen führte und dabei auch die Treppe am Neubau der Aachen-Münchener nutzte. „Gemeingefährlich” sei das harmloseste Urteil gewesen.

Die serpentinenartig geführte Rampe, die unterschiedlichen Tritthöhen und nicht zuletzt die vielfarbigen Platten würden zur vollständigen Verwirrung führen, schimpft Schudoma-Wollgarten. Der Farbwechsel auf den Stufen habe keine Signalwirkung, sondern sei „rein willkürlich” und „irritierend”. Am Ende der Treppe würden Sehbehinderte nicht mal erkennen, dass sie sich inzwischen auf der Fahrbahn befinden. Die Belange sehbehinderter Menschen seien - mal wieder - nicht berücksichtigt worden.

Nicht eingebunden

Für Schudoma-Wollgarten ist der Ärger mit der Stadt nichts Neues. Sie und andere Vertreter von Selbsthilfegruppen und Behindertenverbänden werfen der Stadt in schöner Regelmäßigkeit Fehlplanungen vor. Selbst Vertreter der Kommission „Barriefreies Bauen” beklagen, dass sie häufig zu spät gehört werden. „Man kommt sich wirklich blöd vor, immer hinterher zu meckern”, sagt Schudoma-Wollgarten.

Die in der Landesbauordnung vorgeschriebene „barrierefreie Gestaltung” werde in Aachen oft nur mangelhaft umgesetzt. Kritik gab es zuletzt auch an den Umbaumaßnahmen am Hauptbahnhof, am Bahnhof Rothe Erde, in der neuen Fußgängerzone Ursulinerstraße und am Boxgraben.

Meist seien die Fehlplanungen keine Böswilligkeit, sondern reine Ahnungslosigkeit, sagt Helmut Huntgeburth, Vorsitzender des Sozialverbands VdK. „Wer gestaltet, sollte die Fachleute einbinden”, fordert er. Nur so könnten Probleme frühzeitig erkannt werden. Die Stadt müsse verstärkt das Gespräch suchen. „Man lernt immer dazu.”

Tatsächlich gesteht die Stadt zu, dass das Thema „barrierefreies Bauen” zum Zeitpunkt der Treppenplanung im Jahr 2007 „noch nicht so aktuell” war. Bei der Planung habe die Gestaltungsfrage eine große Rolle gespielt, sagt der städtische Pressesprecher Hans Poth. Weil dies aber zuweilen mit den praktischen Anforderungen kollidiert, sind nun Nachbesserungen nötig.

Poth betont, dass derzeit „mit vereinten Kräften” nach Lösungen gesucht wird. Stolperfallen sollen entschärft und ein Geländer vervollständigt werden. Nach Einschätzung der Stadt sei die Treppe zumindest am Rand „unproblematisch” zu begehen. „Dort kann man sicher zu Fuß runterkommen”, so Poth.

Unterdessen setzt Schudoma-Wollgarten nach und kritisiert auch die tastbaren Leitstreifen an der Aureliusstraße: Blinde die sich mit dem Stock an den Rillenplatten entlangtasten, landen in der Bepflanzung einer Baumscheibe. „Wer plant so etwas? Wer setzt das so um? Was denken die Verantwortlichen sich dabei?”, fragt sie.

Eröffnung am Montag

Antworten erhält sie vielleicht am kommenden Montag. Mit einem Festakt wollen Oberbürgermeister Marcel Philipp und Baudezernentin Gisela Nacken das neue Verbindungsstück zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt offiziell freigeben.

Möglich wurde dies durch den Neubau der Aachen-Münchener (AM), die die Treppe in den Verantwortungsbereich der Stadt übergibt. Als Bauherrin erklärte die AM: „Wir sind der Überzeugung, dass auch die neue Treppe für Aachen eine erhebliche Verbesserung darstellt. Uns liegt deshalb viel daran, dass die Treppe von allen Bürgerinnen und Bürgern gerne genutzt wird. Soweit Optimierungen erforderlich sind, unterstützen wir die Stadt dabei sehr gerne und mit voller Kraft.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert