Das Sterben als Teil des Lebens betrachten

Von: Peter Stollenwerk
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Im Dienst der Hospizarbeit: Roetgens evangelischer Pfarrer Wolfgang Köhne, der vor 20 Jahren den Ambulanten Hospizdienst Monschauer Land mit gründete, und die Koordinatorin des Dienstes, Dipl.-Sozialarbeiterin Margarete Steger. Foto: P. Stollenwerk
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Viel Einfühlungsvermögen ist erforderlich bei der ehrenamtlichen Hospizarbeit, und manchmal geht die Begleitung eines Sterbenden auch an die Substanz. Foto: Imago

Roetgen. Als Mitte der 1980er Jahre die in England gegründete Hospizbewegung auch nach Deutschland kam, da war Sterbebegleitung vielerorts noch ein Tabuthema, denn der Hospizgedanke rückt nicht das medizinisch Machbare in den Vordergrund, sondern der Wille des Kranken steht an erster Stelle. Hospize möchten unheilbar Kranke in ihrer letzten Lebensphase würdig begleiten.

 In Deutschland gibt es inzwischen fast 250 stationäre Hospize, über 304 Palliativstationen in Krankenhäusern sowie über 1500 ambulante Hospizdienste. Das erste stationäre Hospiz in Deutschland wurde übrigens 1986 in Aachen gegründet (Haus Hörn).

Im Herbst 1996 gründete die evangelische Kirchengemeinde Roetgen unter der Leitung von Pfarrer Wolfgang Köhne den „Ambulanten Hospizdienst Monschauer Land“. Dieser Dienst ist längst ein verlässliches und vertrautes Angebot in der Region geworden. Jetzt feiert die Einrichtung ihr 20-jähriges Bestehen. Sie ist damit einer der ältesten Hospizdienste in der Städteregion Aachen.

Am Anfang ein Netz geknüpft

„Der Anfang war nicht leicht“, sind sich Wolfgang Köhne und Dipl.-Sozialarbeiterin Margarete Steger als Koordinatorin des ambulanten Hospizdienstes einig, galt es doch, ein Kontaktnetz zu knüpfen zwischen allen, die schwerstkranke Menschen begleiten, wie Hausärzte, Pflegedienste, Krankenhäuser und Altenheime, um das Projekt der hospizlichen Begleitung Schwerstkranker und Sterbender im Monschauer Land auch den Bürgern bekannt zu machen.

Viele Ärzte, erinnert sich der Roetgener Pfarrer, seien damals der Bewegung gegenüber noch eher distanziert gewesen. Ziel des Hospizdienstes ist, Menschen mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung ein würdevolles und selbstbestimmtes Leben bis zum Tod zu ermöglichen, die Angehörigen in der Begleitung zu unterstützen und das Thema Sterben als Teil des Lebens aus der Tabuzone zu holen. Diese Auffassung stand und steht aber häufig noch im Widerspruch zum Anspruch des Schulmediziners, Leben zu retten und einen Patienten nicht aufzugeben, doch Sterben, erläutert Köhne den Hospizgedanken, „gehört zum Leben“. Erst nachdem 2002 das Anrecht auf hospizliche und palliative Versorgung gesetzlich verankert wurde, änderten sich auch die Rahmenbedingungen für die Arbeit ambulanter Hospizdienste spürbar.

Während bis dahin die Arbeit ausschließlich ehrenamtlich geleistet wurde, es keine Kontrollen über die Qualität der geleisteten Arbeit gab und die Deckung der Kosten ausschließlich beim Träger lag, war jetzt für Hospizdienste, die durch die gesetzlichen Krankenkassen anerkannt waren, eine finanzielle Förderung durch die gesetzlichen Krankenkassen möglich. Ziel des Gesetzgebers war es, die Dienste zu professionalisieren, die Finanzierung auf sicherere Beine zu stellen und langfristig die palliative und hospizliche Versorgung in Deutschland flächendeckend möglich zu machen.

Der Ambulante Hospizdienst Monschauer Land erhielt die Anerkennung als professioneller Hospizdienst, weil er die nötigen Voraussetzungen erfüllte: Mit Margarete Steger übernahm vor gut zehn Jahren eine hauptamtliche Fachkraft die Leitung des Dienstes, man konnte mindestens 15 ausgebildete ehrenamtliche Mitarbeiter vorweisen, und auch die Gewährleistung kontinuierlicher fachlicher Begleitung der ehrenamtlichen Mitarbeiter durch Fortbildung und Supervision war vorhanden. Die Krankenkassen werfen ein wachsames Auge auf die Qualität. Steger: „Damit entwickelte sich die Hospizarbeit vom reinen Ehrenamt und bürgerlichem Engagement hin zur professionellen Arbeit unter Leitung einer Fachkraft.“ In einem einjährigen Kurs wurden engagierte Menschen als ehrenamtliche Sterbebegleiter/innen ausgebildet.

80 Prozent der Menschen, erläutert Wolfgang Köhne, wollten eigentlich zu Hause sterben, „aber die Realität sieht anders aus“. Ein Pflegedienst versorge die Menschen „solange es geht“, ehe am Ende der Weg ins Pflegeheim stehe, wo laut Statistik 80 Prozent der Menschen innerhalb eines Jahres sterben. Köhne: „Wir können nicht heilen, aber Betroffene und Angehörige begleiten.“

Gründliche Schulungen

Diese Arbeit bedarf einer fundierten Vorbereitung, daher geht der Tätigkeit auch ein einjähriger Kurs voraus. Regelmäßige Fortbildung und sechsmal im Jahr eine Supervision gehören auch zum Paket. Das erste halbe Jahr eines Kurses diene den Teilnehmern in der Regel als Selbsterfahrung. Margarete Steger: „Da geht es ans Eingemachte.“ Hospizliche Begleitung sei eine „große Aufgabe“, ergänzt Wolfgang Köhne, denn zur Hospizarbeit gehöre es auch, „auf die Weltanschauung des Sterbenden einzugehen und auf die Einhaltung der Grenzen zu achten“. Das müsse man auch aushalten können, sagt die Koordinatorin. Oft sei der ehrenamtliche Begleiter zur Passivität verurteilt, denn das oberste Prinzip der Arbeit sei, „den Weg des Sterbenden zu akzeptieren. Wir sind nicht missionarisch tätig.“ Dies bedeute auch eine ständige Kommunikation mit den Angehörigen, die es oft auch nicht mehr gewohnt seien, dass die Leute zu Hause sterben würden.

Auch müsse man genau schauen, wo die ehrenamtlichen Helfer am besten ihrer Aufgabe gerecht werden könnten. Steger: „Das muss schon zusammenpassen. Wir sind schließlich kein Besuchsdienst.“

Die ehrenamtliche Arbeit geht manchmal auch an die Substanz, insbesondere dann, wenn ein Mensch nach einer intensiven Phase der Begleitung stirbt. Was ist eigentlich der Gewinn für die Teilnehmer? Auf diese Frage gibt Pfarrer Köhne eine klare Antwort. „Die Leute erfahren viel über sich selbst, und sie können das Erlebte in der Gruppe teilen.“ Die hospizliche Arbeit rege auch dazu an, „über unsere Endlichkeit nachzudenken und keine Zeit zu verplempern“.

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