Das Leben im Zirkus ist ein Drahtseilakt

Von: Andreas Gabbert
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Virginia Trumpf mit ihrem Mann Timo und ihrer fünf Monate alten Tochter Leyla: Der Zirkus Amany ist das Leben der Familie und auch die Kleinste präsentiert schon ihre Kunststücke. Foto: A. Gabbert

Imgenbroich. Das Leben von Virginia Trumpf ist ein Drahtseilakt. Sie ist ein „Zirkuskind“, sie wurde im Zirkus geboren, wuchs dort auf und zieht heute immer noch von Stadt zu Stadt – so wie es bereits sieben Generationen ihrer Familie vor ihr getan haben. In einem Haus oder einer Wohnung zu leben, kann sie sich nur schwer vorstellen.

„Ich würde mich gefangen fühlen“, sagt die 23-Jährige. Also wechselt sie lieber wöchentlich den Ort. Im Schnitt gastiere der Zirkus an 70 bis 80 Plätzen im Jahr, schätzt die junge Frau. Virginia Trumpf ist die Drahtseiltänzerin im Zirkus Amany, der zurzeit in Imgenbroich gastiert, und die Frau des Juniorchefs. Etwas anderes als die Arbeit im Zirkus kam für sie nie in Frage. „Da wird man reingeboren“, sagt sie. Schon mit einem halben Jahr stand sie das erste Mal vor Publikum in der Manege und balancierte stehend auf der Hand ihres Vaters, so wie es heute ihre fünf Monate alte Tochter Leyla macht. „Wenn man dann drei oder vier Jahre alt ist, bekommt man seine eigene Nummer“, sagt Trumpf. Je nach Interesse betätigt sich der Nachwuchs als Clown, Lassodreher oder als Akrobat. „Sie sehen es von den Eltern und wollen es nachmachen.“ Im Alter von zehn Jahren besuchen die Kinder dann im Winter zweimal wöchentlich die Artistenschule in Wiesbaden. In diesem Alter stand Virginia Trumpf auch zum ersten Mal auf dem Drahtseil. Dabei ist sie geblieben. „Das hat mir halt am meisten Spaß gemacht“, sagt sie.

Die Kinder können in der Manege mitmischen, einen Zwang gibt es aber nicht. „Die Eltern müssen, die Kinder nicht. Wenn sie keine Lust haben aufzutreten, dann ist das eben so.“ Der Zirkus Amany ist hauptsächlich in NRW unterwegs, „weil es nur hier eine Zirkusschule gibt, die zu uns kommt, um die Kinder zu unterrichten“, erklärt Trumpf. Zum Zirkus Amany gehören 15 Personen, neun Erwachsene und sechs Kinder, vier davon sind schulpflichtig. „Wir wollen unsere Kinder nicht jede Woche in eine andere Schule schicken“, sagt die Seiltänzerin. Deshalb kommen die Lehrer der Zirkusschule zweimal wöchentlich mit einem zu einem Klassenzimmer umgebauten Wohnmobil zu ihnen. In der Zirkusschule hat Trumpf auch den Vater ihrer Tochter kennengelernt.

Doch in der Welt des kleinen Familienzirkus ist längst nicht alles rosarot. Probleme gibt es viele. Die Zuschauer, die zu den Vorstellungen kommen, werden immer weniger. „Wenn 50 Leute zu einer Vorstellung kommen, sind wir schon froh. Es wird einfach zu viel angeboten. Außerdem beschäftigen sich die Kinder heute wohl lieber mit ihrem Handy und sitzen vor dem Fernseher oder spielen Computer“, sagt Trumpf. Oft sind die Zirkusleute froh, wenn wenigstens die Unkosten gedeckt sind, genügend Essen für die Tiere da ist und das Geld für die Reise bis zum nächsten Platz reicht. „Wir leben von der Hand in den Mund“, sagt Trumpf.

Früher war auch die Winterpause länger. Heute müssen die Artisten noch etwas härter arbeiten, damit sie über die Runden kommen. Neue Anschaffungen müssen zurückstehen, die alten Sachen müssen länger halten und werden so lange repariert, bis es nicht mehr geht. Einer der Amany-Lkw ist inzwischen 35 Jahre alt.

Eines der größten Probleme ist einen geeigneten Platz zu finden, auf dem das Zirkuszelt aufgestellt werden kann. Oft stehen diese Plätze wegen anderer Veranstaltungen wie Kirmes oder Straßenfest nicht zur Verfügung oder ein anderer Zirkus hat sich schon angemeldet oder war bereits vor Kurzem da. Die größte Konkurrenz für einen kleinen Zirkus sind nicht Roncalli und Co, sondern die anderen kleinen Zirkusse. „Roncalli hat ein anderes Programm, ein anderes Publikum und andere Preise.“

Früher sind die Menschen auch in den Zirkus gegangen, weil sie dressierte wilde Tiere sehen wollten. Auch das ist heute oft nicht mehr so. Einen Zirkus ohne Tiere kann sich Trumpf aber nicht vorstellen. „Die Leute, die zu uns in die Vorstellungen kommen, wollen auch noch Tiere sehen“, sagt sie. Tiger oder Elefanten sucht man im Zirkus Amany aber vergeblich. „Bei uns gibt es nur Haustiere, die der Bauer auch im Stall hat.“ Insgesamt sind es 20 Tiere – Hunde, Ponys, Pferde, Ziegen, Gänse und Lamas.

Auch wenn an vielen Ecken und Enden gespart werden muss, kommen die Tiere nicht zu kurz. „Wer Tiere liebt, behandelt sie auch gut. Außerdem verdienen wir unser Brot mit ihnen.“ In der Manege spielen die großen Sorgen plötzlich einen Moment lang nur noch eine kleine Rolle. Dann lächelt Virginia Trumpf – egal wie es ihr gerade geht. „Da muss man für geboren sein“, sagt sie. Eines Tages will sie mit ihrem Partner die Leitung des Zirkus übernehmen. „Was anderes haben wir ja auch nicht gelernt. Wir kämpfen und machen weiter bis es nicht mehr geht. Unsere Eltern mussten ja auch schon kämpfen“, sagt die junge Frau. Ihr Leben wird immer ein Akt auf dem Drahtseil bleiben.

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