Das Bodega schließt nicht: Der Koch darf bleiben

Von: Carsten Rose
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Bodega-Chef Max Becker (links) kann wieder länger als nur wenige Wochen planen: Zarko Pavlovic, sein Koch, kann noch mindestens ein Jahr in seiner Tapas-Bar am Herd stehen. Über den Fall des Serben hat unsere Zeitung bereits vor mehr als einem Jahr berichtet. Foto: Andreas Gabbert
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Haben darum gekämpft, in Deutschland zu bleiben: Zarko Pavlovic mit seiner Lebensgefährtin Leposava Lestasic und den Kindern Nastasa (5) und Zlatko (1). Das Bild entstand im Februar 2016. Foto: Carsten Rose

Monschau. Der 20. Mai ist für Max Becker der Tag, an dem sich für ihn, wenn man so will, eine Goldgrube öffnen könnte. Dann nämlich hat der Gastronom mit seinem Restaurant Bodega ein Monopol in Imgenbroich: Beckers Tapas-Bar wird im 2000-Einwohner-Ort die letzte echte Theke für ein gemischtes Publikum sein – denn an diesem Tag schließt der alt-ehrwürdige „Kaisersaal“ leider für immer. Max Becker hat dennoch überlegt, auch sein Restaurant an der Trierer Straße zu verkaufen. Denn dessen Zukunft hängt unmittelbar von einem Namen ab: Zarko Pavlovic.

Er ist seit Mitte November 2015 Beckers einziger Koch. „Zarkos gute Küche hat sich rumgesprochen, 90 Prozent der Gäste kommen wegen des Essens. Dank ihm hat sich der Essensumsatz um gut 30 Prozent gesteigert“, erzählt Becker. Das Problem ist, dass Zarko Pavlovic Serbe ist und sein Asylantrag im Februar 2016 abgelehnt wurde, weil Serben seit Ende 2014 in der Regel keine Chance auf Asyl in Deutschland haben. Da der Arbeitsmarkt aber keinen Ersatz für den 29-Jährigen aus Belgrad hergibt, hat Max Becker seinen Küchenchef dabei unterstützt, alle möglichen Schritte zu gehen, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu erwirken. Denn für den Gastronom war klar: kein Zarko, keine Goldgrube.

Chance auf vier weitere Jahre

Nach mehr als einem Jahr, das von Bürokratie, juristischen Schritten und vor allem Wartezeit geprägt war, steht nun fest, dass diese sich für Becker doch öffnet. Zumindest für ein Jahr. Solange darf Zarko Pavlovic vorerst mit seiner Lebensgefährtin Leposava Lestasic, 26, Tochter Nastasa, 5, und dem einjährigen Sohn Zlatko in Deutschland bleiben. „Sollten keine Gründe dagegen sprechen, würden wir nach Ablauf des ersten Jahres um zwei Jahre verlängern. Dann voraussichtlich um weitere zwei Jahre, bevor eine weitergehende Regelung geprüft wird“, erklärt Detlef Funken, Pressesprecher der Städteregion. Bedingungen sind, dass der Lebensunterhalt gesichert ist, und die Familie darf strafrechtlich nicht in Erscheinung treten.

Die Behörde teilt auch mit, dass sie einen ähnlichen Fall wie den von Zarko Pavlovic noch nie auf dem Tisch hatte. Der letztmögliche Schritt für eine Aufenthaltserlaubnis führte zur Härtefallkommission des Landes Nordrhein-Westfalen. Ein Gremium, das als letzte Instanz unter anderem anhand des Grades der Integration über den Aufenthalt von abgelehnten Asylbewerbern entscheidet, wie Barbara Marx, Vorsitzende der Kommission, erläutert. „Es handelt sich immer um Einzelfallprüfungen, es gibt keine Checkliste, die wir abarbeiten.“

Die Chronik

Zarko Pavlovic ist im September 2014 nach Deutschland gekommen. Sein Asylantrag wurde im Februar 2016 abgelehnt, weil Serbien als „sicheres Herkunftsland“ gilt und der ethnisch begründete Familienstreit, den er als Hauptgrund für das Verlassen seiner Heimat angibt, ihm und seiner Lebensgefährtin nicht den Status als Flüchtlinge und somit auch kein Asylrecht einräumt. Pavlovic ist Serbe, seine Lebensgefährtin gehört der Minderheit der Roma an; ihre Beziehung und die gemeinsame Tochter hatte die Familie abgelehnt – und beide hatten deswegen keine Zukunft mehr für sich in Belgrad gesehen. Generell sei die Chance in Serbien „aussichtslos“ gewesen, sich ein geregeltes und auskömmliches Leben zu schaffen.

Die von vielen Seiten – unter anderem von seinem Fußballverein, der Caritas, dem Kindergarten der Tochter, von ehemaligen Arbeitgebern – schriftlich bestätigte gelungene Integration der jungen Familien in Monschau half nicht.

Seitdem wurde Pavlovics Aufenthalt in Deutschland nur gestattet beziehungsweise geduldet, weil das Asylverfahren seiner Lebensgefährtin und der Kinder noch lief. Die Familie sollte nicht getrennt werden. Er durfte auch weiterarbeiten. Gabriele Grünewald, die Leiterin des Ausländeramtes der Städteregion, erklärte im März 2016, dass abgelehnte Asylbewerber auch mit einem Job keine bessere Chance auf eine Aufenthaltserlaubnis hätten; insbesondere nicht aus dem Westbalkan.

Kurz nachdem sein Asylantrag abgelehnt wurde, reichte Pavlovic dagegen Klage ein.

Anfang Juni unterrichtete das Ausländeramt Pavlovic von der „vollziehbaren Ausreise“, was nichts anderes heißt als: Der 29-Jährige muss das Land verlassen. Zu diesem Zeitpunkt lief die Klage zwar noch, diese hat indes keine aufschiebende Wirkung mit Blick auf eine verpflichtende Ausreise. Nur ein Eilrechtsschutzverfahren kann das erwirken, der Antrag aber wurde Ende April abgelehnt. Deswegen folgte der nächste Schritt: Pavlovics Anwalt wandte sich an den Petitionsausschuss des NRW-Landtages. An den kann sich jeder Bürger wenden, wenn er sich von staatlicher Stelle ungerecht behandelt fühlt. Zarko Pavlovics Duldung wurde daraufhin um sechs Monate verlängert, weil das Petitionsverfahren Monate dauern kann.

Ende Juni wies das Verwaltungsgericht Aachen Pavlovics Klage als unbegründet ab. Die Absage des Petitionsausschusses folgte Mitte Dezember mit der Begründung, dass es dem 29-Jährigen „rechtlich wie auch tatsächlich zumutbar“ sei, nach Serbien zurückzukehren. Außerdem sei eine „eventuelle Integrationsleistung“ mit seiner Arbeit als Küchenchef in Imgenbroich aufgrund der „nur kurzen Aufenthaltszeit nicht zu berücksichtigen“. Da Zarko Pavlovic Alleinverdiener der Familie ist und noch staatliche Hilfe für die Wohnung erhält, sei er auch wirtschaftlich nicht integriert.

Zu diesem Zeitpunkt hätte Pavlovic die Alternative gehabt, in Serbien ein Arbeitsvisum für Deutschland beantragen zu können – da er aber Asylleistungen erhalten hat, hätte er damit zehn Monaten warten müssen. Bei einer Abschiebung dauert die Sperre bis zu 30 Monate.

Nun war die letztmögliche Chance die erwähnte Härtefallkommission, an die sich der SPD-Landtagsabgeordnete Stefan Kämmerling aus Eschweiler gewandt hat. Diese stimmte einem Aufenthalt von Zarko Pavlovic in Deutschland zu; das Schreiben erreichte das Ausländeramt Anfang Januar.

Diese Situation war für die Behörde in Aachen ein Novum: Noch nie zuvor hatte die Härtefallkommission dem Aufenthalt eines abgelehnten Asylbewerbers aus der Städteregion zugestimmt, dessen Antrag vom Petitionsausschuss abgelehnt worden ist. Es dauerte knapp drei Monate bis zur endgültigen Entscheidung des Ausländeramtes. Bei Zarko Pavlovic lagen deshalb die Nerven zeitweise blank, Ende März meinte er: „Es wird zu viel für mich. Zwei Jahre Warten, kein Status, kein Frieden.“ Er dachte daran, ein letztes Mal aufs Amt zu gehen und zu sagen: Ich gehe freiwillig zurück.

„Humanitäre Sichtweise“

Das Ausländeramt hat sich dann der „humanitären Sichtweise“ der Härtefallkommission angeschlossen, begründet Funken die positive Entscheidung, die Zarko Pavlovic und seine Familie letztlich an Gründonnerstag erreicht hatte.

„Eine Aufenthaltsgenehmigung für ein Jahr ist viel mehr als wir erwartet hatten“, sagte Max Becker nach der langen Zeit der Ungewissheit. „Endlich kann ich wieder länger planen.“ Zarko Pavlovic drückte seine Freude über den neuen Ausweis per Kurznachricht mit nicht weniger als 27 sogenannten Smileys aus. Je länger man diese anschaut, desto mehr erinnern sie an kleine Goldtaler.

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