Braille-Schüler zu Gast: Das Erlebnis, wilde Tiere zu streicheln

Von: P. St.
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Der präparierten Wildkatze ganz nahe: Schüler der Dürener Louis Braille-Blindenschule erlebten die Tierwelt im Erlebnismuseum Lernort Natur in Monschau gestern sprichwörtlich hautnah. Foto: P. Stollenwerk
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Nur so klein ist ein Rehkitz: Schüler der Blindenschule Düren gingen im Erlebnismuseum Monschau auf Erfahrungssuche.

Monschau. Im Erlebnismuseum Lernort Natur an der Monschauer Burgau ist das Berühren der weit über 1000 ausgestellten Tiere und Präparate ausdrücklich erwünscht, aber auch hierbei gibt es Grenzen, denn eine Reihe der Präparate sind Leihgaben, und manchmal ist es einfach besser, Vorsicht walten zu lassen. Am Dienstag aber machte die Museumsleitung eine große Ausnahme.

Zu Gast war in den Räumen der ehemaligen Wollspinnerei Gronen am Rurufer die Louis-Braille-Blindenschule aus Düren, und bei deren Besuch passten die Museumsführer Hermann Carl und Heinz Hallmann die Regeln den Bedürfnissen an.

43 Kinder und Jugendliche, zwischen acht und 16 Jahre alt, waren mit ihren Betreuern nach Monschau gekommen, um das Leben in der Natur auf eine besonders authentische Art und Weise zu erleben. Das fing schon damit an, dass Hermann Carl, der für die Kreisjägerschaft Aachen die Rollende Waldschule betreut, mit einem musikalischen Gruß aus dem Jagdhorn die Gäste willkommen hieß. Schade war nur, dass aufgrund eines organisatorischen Missverständnisses der Bus für die Rückfahrt schon weit früher als ursprünglich geplant zur Abfahrt bereitstand.

Die pädagogische Botschaft des Museums lautet: „Erfühlen, erleben, erfassen, begreifen“. Und wie könnte man idealer den Schülern einer Behindertenschule, die zum Teil vollblind sind, die Natur näherbringen. So durften die jungen Besucher an diesem Tag ausnahmsweise auch einen Löwen streicheln, der auch präpariert nichts von seinem Stolz einbüßt. Auch ein hautnaher Besuch in der Bärenhöhle, der den anderen Kindern, die das Museum besuchen, ansonsten verwehrt bleibt, gehörte zum Exklusiv-Programm für die Blindenschule.

Die Gäste konnten den spürbaren Unterschied zwischen dem weichen Gefieder der Schleiereule, das ihr unter anderem den fast lautlosen Anflug auf ihre Beute ermöglicht, und dem harten Gefieder der Waldpolizei, so nennt der Waidmann den Eichelhäher, intensiv ertasten. Rehkitz und Fuchs machten die Runde durch hunderte Hände, und auch das borstige Fell des Schwarzwildes hat seinen rustikalen Reiz. Gefragt war auch die Wildkatze, die gegenüber der herkömmlichen Hauskatze ein wenig mehr Volumen mitbringt, was ein kleiner Junge zielsicher beim Streicheln des Fells erkannte: „Die Wildkatze fühlt sich an wie ein großes Monster.“

Kampf der Giganten

Tausende Fragen gab es zu beantworten, aber die beiden Museumsführer sind um keine Antwort verlegen. Zu fast jedem Präparat können sie kleine Geschichte beisteuern, und manche Begebenheit ist so erstaunlich, dass man gleich an Jägerlatein denkt, aber in der Natur passieren eben unglaubliche Sachen und manchmal spielen sich auch regelrechte Dramen ab, wie etwa der Kampf zweier ausgewachsener Hirsche in einem Waldstück bei Raffelsbrand.

Die beiden Giganten, die jeweils die Vorherrschaft für ihr Revier beanspruchten, verhakten sich beim Kampf mit ihren Geweihen so sehr ineinander, dass sie sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr trennen konnten. Sie wälzten sich über den Boden, verfingen sich in Stacheldraht und Seilen, ehe sie entkräftet zusammenbrachen und so für immer einander verbunden gemeinsam dem Tod entgegensahen. Die immer noch verhakten und verdrahteten Geweihe gehören heute zum Fundus des Erlebnismuseums und ergänzen die zahlreichen Raritäten und Kuriositäten, weswegen Jäger aus Deutschland diese außergewöhnliche Sammlung aufsuchen.

Naturpädagoge und Museumsleiter Heinz Hallmann sagt daher mit Recht, dass das Museum für Kinder und Erwachsene informativ, unterhaltsam und spannend zugleich sei.

Vor drei Jahren eröffnete das Museum, und man würde noch gerne mehr Führungen, vor allem für Behindertengruppen anbieten, aber der Besuch scheitert oft daran, dass niemand da ist, der die Busfahrkosten übernimmt. Seitens des Museums kann man in diesem Punkt leider nicht helfen, denn die Einrichtung in Trägerschaft der Kreisjägerschaft muss sich zu 100 Prozent selbst finanzieren.

„Wir arbeiten viel mit dem Aha-Effekt“, erzählt Heinz Hallmann, und dieser Effekt war beim Besuch der Blindenschule natürlich besonders ausgeprägt. Fühlen und Hören standen im Mittelpunkt, und dass die Erfahrungen dieses Ausflugs der ungewöhnlichen Art in die Natur für die Schüler besonders nachhaltig sind, kann auch Christer Badur, Lehrer an der Louis-Braille-Schule, nur bestätigen: „Die Kinder werden bestimmt noch lange über diesen Besuch sprechen, und davon bleibt sicher auch mehr hängen als vom normalen Unterricht.“ In Erinnerung bleiben dürfte sicherlich auch der artgerechte Abschied mit dem Jagdhorngruß „Wiedersehen“, in den die Kinder natürlich spontan einstimmten.

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