Bedenken gegen Bau eines neuen Flüchtlingsheims

Von: Andreas Gabbert
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Ein neues Wohnheim für Flüchtlinge soll am Anfang einer Sackgasse an der Pilgerbornstraße entstehen: Herbert Hennes, Emina Abaza und Elmar Willemsen (v.l.) erläutern die Bedenken der Anwohner gegen das Projekt. Foto: A. Gabbert

Roetgen. Der geplante Bau eines neuen Wohnheims für Flüchtlinge an der Pilgerbornstraße in Roetgen wird von den dortigen Anwohnern kritisch gesehen. Das Wohnheim soll am Anfang einer Sackgasse entstehen, die sich im Privatbesitz der Anwohner befindet.

Um die Belange zu klären, die sich mit der Unterhaltung des Privatweges ergeben, haben sich die Anwohner vor Jahren zu einem Verein, zu einer Siedlungsgemeinschaft zusammengeschlossen.

Nach einer Informationsveranstaltung der Gemeindeverwaltung am 4. Januar hatte die Siedlungsgemeinschaft Vertreter der Politik, der Verwaltung und des Flüchtlingsrates zu ihrer jährlichen Eigentümerversammlung eingeladen, um über das Vorhaben zu diskutieren.

Es folgten eine schriftliche Eingabe an den Gemeinderat, die von den 45 Anwohnern des Privatweges unterzeichnet wurde, eine Informationsveranstaltung der CDU mit Beteiligung der Verwaltung und ein Gespräch mit Bürgermeister Jorma Klauss.

Gefühl der Überforderung

Die Bereitschaft von Politik und Verwaltung, sich Zeit zu nehmen und mit den Anwohnern Gespräche zu führen, bewertet die Siedlungsgemeinschaft positiv. „Die Gespräche waren freundlich. In der Sache liegen wir aber etwas auseinander, insbesondere was die Größenordnung angeht“, sagt der Vorsitzende der Siedlungsgemeinschaft, Elmar Willemsen.

Der Bürgermeister habe zwar signalisiert, dass man inzwischen von einer Belegung des Wohnheims mit 24 Personen ausgehe, die nur im Notfall auf 36 Personen ausgeweitet werden solle, auch das ist den Anwohnern aber zu viel.

„Grundsätzlich befürworten wir ausdrücklich den politischen Willen der Verantwortlichen, die Unterbringung der Flüchtlinge dezentral und in Wohngebieten zu organisieren. Viele der Mitglieder unserer Siedlungsgemeinschaft weisen einen Migrationshintergrund auf, ein Mitglied unserer Gemeinschaft hat selber als Flüchtling in einem Heim gelebt. Andere engagieren sich seit Jahren aktiv im sozialen Bereich, auch bei der Betreuung von Flüchtlingen.

Aus unserer Sicht spricht nichts gegen die Unterbringung von einer oder zwei Flüchtlingsfamilien auf dem anvisierten Grundstück. Wir sprechen uns aber entschieden dagegen aus, das Projekt in der geplanten Größenordnung durchzuführen“, schreibt die Siedlungsgemeinschaft in ihrer Eingabe an den Gemeinderat.

Die Siedlungsgemeinschaft zählt eine Reihe von Argumenten auf. Das Grundstück befinde sich am Ein- und Ausgang „der engen Privatstraße Pilgerborn“. Daraus würden sich zahlreiche Probleme ergeben, etwa durch parkende Fahrzeuge, über die man die Vertreter der Gemeinde bereits ausführlich informiert habe. Es sei unmöglich, dort zwischen 24 und 36 Personen – „vollkommen gleichgültig, welcher Herkunft – menschenwürdig unterzubringen“.

Die geplante Unterbringung von bis zu 24 beziehungsweise im Notfall auch 36 Menschen in sechs Wohneinheiten auf einem „vollkommen ungeeigneten, engen Grundstück“ stelle für diese eine erhebliche Belastung dar. „Die Möglichkeit unserer Siedlungsgemeinschaft, die insgesamt nur aus 45 Menschen in 17 Wohneinheiten auf 17 Grundstücken besteht, hier noch erfolgreich Integration zu betreiben, sehen wir als nicht gegeben an.

Wir fühlen uns bei allem guten Willen mit dieser Aufgabe vollkommen überfordert“, schreiben die Anwohner. „Wir haben hier eine gut funktionierende Gemeinschaft. Zwei Flüchtlingsfamilien könnten hier gut integriert werden. Mehr Menschen würden aber den Charakter unserer Siedlung völlig verändern und uns im Bemühen um Integration überfordern“, erläutert der Schriftführer des Vereins, Herbert Hennes.

Die Ablehnung des Vorhabens habe generell nichts mit der Unterbringung von Flüchtlingen zu tun, sagt der Vorsitzende, Elmar Willemsen. „Wir würden uns genauso gegen ein Mietshaus in dieser Größe wehren“, betont er.

Emina Abaza wohnt seit acht Jahren in dem Haus direkt gegenüber des Grundstücks, wo das Wohnheim entstehen soll. Im Jahr 1993 war sie mit ihren Eltern und Geschwistern aus Bosnien-Herzegowina geflohen und wurde damals mit 28 anderen Personen in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht.

„Ich bin selbst mal Flüchtling gewesen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es bei vielen Leuten auf engem Raum zu Problemen kommen kann. Deshalb habe ich vor der Dimension des Vorhabens etwas Angst“, sagt sie.

Die Anwohner sehen ihre Einwände auch baurechtlich bestätigt. Für das in Frage kommende Grundstück sei der Bebauungsplan im Jahr 1996 extra geändert worden. In der Begründung der Änderung heißt es unter anderem, dass dort „zur Abrundung der vorhandenen Wohnbebauung überbaubare Flächen zur Bebauung mit Doppelhäusern ausgewiesen werden“.

Als Zielgruppe sei an junge Familien gedacht, die in dieser waldnahen Umgebung bezahlbare Grundstücke erwerben könnten. Der Charakter der Siedlung werde sich nicht verändern.

Erik Bachmann wohnt ebenfalls in unmittelbarer Nähe des Grundstücks. Vor sechs Monaten hat er das Haus gekauft. „Was ich mir wünschen würde, ist, dass der Charakter der Siedlung erhalten bleibt. Schließlich war das auch ein Grund für uns, dieses Haus zu kaufen“, sagt Bachmann.

Vor dem Kauf habe er im Bebauungsplan nachgesehen, welche Art der Bebauung in der Nachbarschaft möglich ist. Aufgrund dessen sei er davon ausgegangen, dass höchstens ein Doppelhaus möglich wäre.

Die Anwohner befürchten außerdem, dass mit dem Bau eine Dauersituation geschaffen wird. „Im Gegensatz zu den Containern, die bei sinkenden Flüchtlingszahlen auch wieder abgebaut werden, wird das Haus an der Pilgerbornstraße erhalten bleiben. Künftige Politiker und Verwaltungen werden immer mit Sachzwängen argumentieren und die einmal geschaffenen Kapazitäten auch voll ausnutzen“, sagt Willemsen.

Die Politik dürfe sich jetzt nicht von der Not zu einer falschen Entscheidung für Roetgen leiten lassen, sagt Herbert Hennes und Willemsen hält fest: „Wir wünschen uns, dass die Gemeinde den von ihr eingeschlagenen richtigen Weg, die Flüchtlinge dezentral in kleinen Gruppen in Wohngebieten unterzubringen, auch konsequent zu Ende geht. Das würde viele kleine Wohneinheiten im gesamten Gemeindegebiet bedeuten. Was uns alle in Roetgen angeht, das können wir auch nur alle gemeinsam lösen.“

„Zwingende Notwendigkeit“

Man habe viel Informations- und Aufklärungsarbeit geleistet, erklärt der allgemeine Vertreter des Bürgermeisters, Dirk Recker. Die Eingabe der Siedlungsgemeinschaft sei in der Arbeitsgruppe „Flüchtlingsunterbringung“ mit Beteiligung der Fraktionsvorsitzenden thematisiert worden. „Rat und Verwaltung sind sich einig, dass an dem Vorhaben dennoch festgehalten werden soll“, sagt Recker.

Ein Gebäude mit Platz für 24 Personen sei in Roetgen zwar „unüblich“, aufgrund der Zuweisungszahlen aber eine „zwingende Notwendigkeit“. Der Bau von vielen kleinen, im Gemeindegebiet verteilten Einheiten sei finanziell nicht zu leisten. Auch der private Wohnungsmarkt sei weitgehend ausgeschöpft. „Wir werden aber nicht aufhören, weiter nach Wohnungen zu suchen“, sagt Recker.

Das geplante Gebäude solle in erster Linie zur „humanen Unterbringung“ in kleinen eigenständigen Wohneinheiten dienen. In zweiter Linie solle es in Notzeiten eine Pufferfunktion erfüllen. Baurechtlich sei das Vorhaben von der Städteregion geprüft worden.

Recker legt Wert auf die Feststellung, „dass das Gebäude gewisse Qualitätsstandards aufweist und der Wohnraum förderfähig ist“. So könne es später auch als sozialer Wohnraum vermietet werden.

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