Auto in der Kunst und die „Niagarafälle”

Von: Kaspar Vallot
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Kunst rund ums Auto: Peter BrÀ
Kunst rund ums Auto: Peter Brünings „Objekt 70” am evangelischen Pfarrhaus. Im Vordergrund Rune Mields weißes Schild mit der Erkenntnis „Der unendliche Raum dehnt sich weiter aus” - selbst für die moderne Naturwissenschaft damals eine Theorie, die noch des Beweises bedurfte. Foto: Kaspar Vallot

Monschau. Als es der Pfarrer der evangelischen Gemeinde Monschau, Alleweldt, dem Kunstkreis Monschau anlässlich der Umwelt-Akzente im Jahre 1970 erlaubte, das „Objekt Monschau 70” über dem Eingang zum Pfarrhaus anzubringen, zeigten sich Mitglieder des Presbyteriums indigniert.

Diese Arbeit des Düsseldorfer Professors Peter Brüning möge als zeitgenössisch gelten, zunächst sei sie jedoch, wie die meisten Exponate dieser Ausstellung des Kunstkreises Monschau, ein umstrittenes Objekt.

So war es in der Tat. Dieser gerade mal 40 Jahre alte Peter Brüning hatte bei Einzelausstellungen in vielen deutschen Städten und auch in Mailand, Rotterdam, Paris, Basel, Rom und Wien verschiedene Stile durchgespielt. So erfreute die Kritiker bei dem jungen Brüning dessen „positive Weltsicht”, die aus „seinen verhalten schönen Farben” spreche, und nur zwei Jahre später war es die „tänzelnde Leichtigkeit”, die aus seinen Werken spreche. Die Kritikerin Helga Meister schilderte Brüning als einen Künstler, die „die schillernden Möglichkeiten der deutschen Kunst in den fünfziger und sechziger Jahren verkörperte”.

Nach einem zweijährigen Aufenthalt in Paris schloss er sich in Düsseldorf der informell ausgerichteten „Gruppe 53” an. Die künstlerischen Etappen Brünings waren also zahlreich; durchaus nicht außergewöhnlich, denn Künstler sind nun mal auf der Suche - auf der Suche nach ihrem eigenen Stil.

Brüning und auch Freund Winfred Gaul fanden ihn, wie Prof. Honnef formulierte, angeregt „von den technischen Bildsprachen der urbanen Verkehrssysteme: Kartographie und Straßenschilder”. Auch dies wäre nicht Brünings letzte künstlerische Station gewesen, wäre er nicht wenige Monate nach den „Umwelt-Akzenten” einem Herzschlag erlegen.

Was Brüning, Gaul und viele Künstler damals faszinierte, war die große Errungenschaft „Auto” und alles, was mit diesem heiß begehrten Transportmittel in Zusammenhang stand, bis hin zu den Schildern, den Straßen, von deren Rändern die Bäume zu verschwinden hatten, und zu den Autobahnen, für die, bis heute, das Kommando galt: „Freie Fahrt”. Städte, Landschaften, von immer mehr Schildern bestückt. All das galt es darzustellen. Die zeitgenössische Kunst hatte ihre Motive. Motive indes „verschleißen” sich, bei der so genannten „Verkehrskunst” kein Wunder. Was ist da noch ins Bild zu setzen, wo das, was mit „Auto” und „Straßenverkehr” in Zusammenhang steht.

Jene Auswirkungen hat, die Hanno Rautenberg in der Wochenzeitung „Die Zeit” so beschreibt: „Mehr als 20 Millionen Verkehrsschilder gibt es bereits auf den deutschen Straßen und Plätzen, im Durchschnitt steht alle 28 Meter eins, die Autobahnen mitgerechnet. Es gibt 39 unterschiedliche Gefahrenzeichen, 74 unterschiedliche Vorschriftszeichen, 93 unterschiedliche Richtzeichen, 26 unterschiedliche Sinnbilder und 133 Zusatzzeichen. Insgesamt sind es 365 verschiedene Verkehrsschilder.” Welchen Maler könnte dieser „Wald” noch inspirieren! Inzwischen hat die Kunst denn auch längst andere Stile gefunden und auch diese wieder hinter sich gelassen; als erledigt, Spötter stellen fest: fürs Museum bestimmt.

Es sind ästhetische Gesichtspunkte, die ein Kunstwerk bestimmen, ebenso inhaltliche Gesichtspunkte. Aber was ist Ästhetik? fragte der Direktor des Mönchengladbacher Museums, Dr. J. Cladders, rhetorisch in einem Interview, um zu antworten: Ästhetik entstehe immer da, wo etwas Unästhetisches, etwas bisher Nichtästhetisches, geschaffen werde - als notwendiges Gegengewicht gegen eine sich verflachende Ästhetik aus der Vergangenheit. Dr. Cladders wörtlich: „In diesem Vorgang entsteht Kunst.”

Der Experte machte seine Auffassung von Kunst am Beispiel deutlich: Im 19. Jahrhundert sei die Natur durch die „romantische Brille” gesehen worden, so ein Sonnenuntergang durch die Brille Caspar David Friedrichs. Diesen Sonnenuntergang habe van Gogh ganz anders gesehen, und der amerikanische Künstler R. Lichtenstein noch völlig anders.

Heute sei ein van Gogh nur noch gegen Millionen zu erstehen. Zu seinen Lebzeiten habe dieser Künstler kaum eines seiner Werke verkaufen können. Heute sei van Gogh für „jedermann schön und ästhetisch”. Also: Eine neue künstlerische Sicht der Dinge wird als nicht ästhetisch empfunden, und erst wenn sie völlig adaptiert ist, wird sie auch als ästhetisch empfunden, um nach einer gewissen Zeit, etwa innerhalb eines Jahrzehnts, bei Aufkommen einer neuen Kunstrichtung, als „museumsreif” zu gelten.

So erklärt sich das Verwunderliche: Der Streit, was den Kunst eigentlich sei, gilt nie als ausgefochten. Stets weicht das Überkommene dem Neuen.

Was manchen Künstler auszeichnet, ist sein Einfallsreichtum. Den galt es auch in Monschau zu entwickeln, denn für jeden Künstler standen nur 300 D-Mark zur Verfügung. Improvisieren war also angesagt.

Peter Brüning realisierte folgendes Projekt: Er ließ dort, wo die Rur besonders kräftig rauscht, dieses Geräusch auf Band aufnehmen. „Die Monschauer”, so meinte er, „hören dieses ständige Rauschen gar nicht mehr. Also machen wir es für sie hörbar.”

Sein Mitarbeiter nahm also das Wasserrauschen auf Band auf und stellte mächtige Verstärker an der evangelischen Kirche mit „Strahlrichtung” Hotel Horchem auf. Und dann wurde aufgedreht. Es klang wie an den Niagarafällen. Pfarrer Alleweldt beschwor den Kunstkreis gleich am ersten Ausstellungssonntag, auf diese „Sendung” vormittags zu verzichten, zumindest während des Gottesdienstes. Sonst nämlich, so der Pfarrer, könne er bei der Predigt sein eigenes Wort nicht mehr verstehen, und Ernst Schönborn könne auf der Orgel nach Belieben spielen, weil alles vom Geräusch der Rur-Wasserfälle übertönt werden.

Selbstverständlich entsprach der Kunstkreis dem Wunsch des Pfarrers und sendet nur noch nachmittags einige Male. Die Kunstkreisler staunten dann aber nicht wenig, als sie, nur einen Tag später, vom Hotelier des Hauses Horchem angesprochen und ermuntert wurden, die Rur viel öfter, etwa alle 75 Minuten, rauschen zu lassen. Die Begründung des Hoteliers Kaulard: Sobald das Wasserdröhnen die Terrasse des Hotels erreichen, zeigten die Gäste auf der Terrasse eilige Bereitschaft, zu zahlen, um dem betäubenden Lärm zu entfliehen. Diese Regelung, so deckte der Hotelier seine Karten auf, sei die Gewähr dafür, dass die Terrasse des Hauses den Tag über immer wieder zügig besetzt, geräumt und wieder besetzt werde.

Der Kunstkreis fand einen Mittelweg. Er „sendete” alle zwei Stunden. „Funkstille” herrschte strikt während des Gottesdienstes in der evangelischen Kirche. So war beiden Anliegen geholfen, der Sorge von Pfarrer Alleweldt um das Wohl seiner Pfarrkinder wie der Sorge des Hoteliers um die wirtschaftliche Rentabilität seiner Hotelterrasse.
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