Monschau - Aus Aperitif wurde Städtefreundschaft

Aus Aperitif wurde Städtefreundschaft

Von: Peter Stollenwerk
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Weit entfernt, aber ganz nah: Monschau und Bourg Saint Andeól sind ein gutes Bespiel für eine lebendige Städtepartnerschaft. Anlässlich der 40-Jahrfeier der Partnerschaft in Monschau im vergangenen Jahr überreichten die Vorsitzende des Partnerschaftskomitees, Bernadette Rader (li.) und Bürgermeisterin Margareta Ritter Bourgs Bürgermeister Jean-Marc Serre (Mi.,re.) einen ganz besonderen Wegweiser. Foto: P. Stollenwerk
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Mit Frankreich seit über 40 Jahren eng verbunden: Heinz Stollenwerk aus Imgenbroich erfreut sich an einem typischen südfranzösischen Motiv: Der Monschauer Kunstmaler Paul Siebertz schuf dieses Ölgemälde des Örtchens St. Montan nahe der Partnerstadt Bourg Saint Andeól. Foto: P. Stollenwerk
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Eigenes Etikett: 25 Jahre lang wuchs und gedieh auf dem Grundstück von Heinz Stollenwerk in Saint Marcel der eigene Rotwein. Foto: P. Stollenwerk

Monschau. Zum 179. Mal ist Heinz Stollenwerk in diesen Tagen in Richtung Südfrankreich gestartet. Das Ziel ist immer gleich. Er steuert das Département Ardèche in der Region Auvergne-Rhône-Alpes an. Hier, im Flusstal der Rhone, liegt Monschaus Partnerstadt Bourg-Saint-Andéol. Seit über 40 Jahren besteht diese Städtefreundschaft, und im Gegensatz zu vielen anderen Partnerschaften in der Region ist die Freundschaft zwischen Monschau und Bourg trotz der Distanz von rund 900 Kilometern immer noch lebendig und intensiv.

Diese Vitalität ist es auch, die Heinz Stollenwerk seit über vier Jahrzehnten fasziniert und seine Beziehung zu Südfrankreich und Bourg-Saint-Andéol prägt. „Hier ist meine zweite Heimat“, sagt der 77-jährige Imgenbroicher, der im 2000-Einwohner-Städtchen Saint-Marcel d’Ardèche, wenige Kilometer von der Partnerstadt entfernt, ein Anwesen besitzt und rund drei Monate des Jahres das französische Savoir-vivre, die Kunst, das Leben zu genießen, pflegt. Als Tourist hat er sich nie gefühlt, schon eher als Wahl-Franzose.

Sein 179. Aufenthalt in Südfrankreich aber wird für Heinz Stollenwerk, einer der Väter der Städtefreundschaft, unter einem ganz besonderen Stern stehen: Gemeinsam mit 67 Millionen französischen Staatsbürgern wird auch Heinz Stollenwerk am Sonntag, 23. April, vor Ort mit Spannung dem Ausgang der Präsidentschaftswahl entgegensehen.

Noch nie war die Anspannung und Unsicherheit vor einer Präsidentschaftswahl im Nachbarland so groß. Vor allem auf das Abschneiden der rechtspopulistischen Kandidatin Marine Le Pen von der Front National, deren politische Ideologie man mit der in Deutschland erstarkten AfD vergleichen kann, schauen Frankreich und die Welt. Insgesamt stehen elf Kandidaten zur Wahl; der Termin für die als sicher angenommene Stichwahl ist der 7. Mai.

Heinz Stollenwerk war als langjähriger Kommunalpolitiker im Monschauer Stadtrat und Imgenbroicher Ortsvorsteher immer ganz nah am politischen Geschehen. Kein Besuch in seiner zweiten Heimat vergeht, ohne dass er mit seinen zahlreichen Freunden in Südfrankreich die politische und gesellschaftliche Lage erörtert. Die hoch emotionalisierte Präsidentschaftswahl ist selbstverständlich jetzt das Thema Nummer eins.

Stollenwerk hält es für nicht ausgeschlossen, „dass Marine Le Pen das schafft“. Nach seiner Einschätzung ist es aber weder eine rechte Gesinnung im Lande noch die Qualität der Kandidatin, die den Front National stark macht: Er sieht bei vielen Franzosen die Neigung, durch eine Protestwahl ein Zeichen zu setzen.

Die große Unzufriedenheit über die schlechte wirtschaftliche Lage des Landes wie auch die anhaltende Kritik am amtierenden und oft wenig volksnahen Präsidenten François Hollande hätten zu einem Stimmungsumschwung in der Bevölkerung geführt.

Die Franzosen schätzt Stollenwerk als „politisch sehr interessiert, aber liberal in ihrer Einstellung“ ein. Schon bei der zurückliegenden Kommunalwahl vor zwei Jahren hätten die Le-Pen-Anhänger in seinem Heimatort Saint Marcel eine Mehrheit erzielt. „Die Le-Pen-Bewegung gehörte schon immer zu Frankreich, so dass man sie in ihrer Bedeutung auch nicht überschätzen sollte: „Wenn Le Pen nicht funktioniert, dann schwenkt die Grande Nation ganz schnell wieder um.“

Er sehe momentan die Tendenz, dass die viele Franzosen durch ihr Wahlverhalten und ihre anhaltende politischer Unzufriedenheit diesmal der Staatsmacht die kalte Schulter zeigen wollten.

Unabhängig vom Ausgang der Wahl sieht Heinz Stollenwerk den Fortbestand der Europäischen Union mit Frankreich als wichtigem Partner nicht in Gefahr, und erst recht nicht befürchtet er eine Veränderung in der Beziehung der Partnerstädte Monschau und Bourg. „Franzosen und Deutsche sind innerhalb der EU die beiden engsten Freunde.“ Die Franzosen seien überzeugt von der europäischen Idee, auch wenn sie voller Nationalstolz manchmal durchblicken ließen, dass sie in diesem Gebilde nicht ungern die Rolle der „Grande Nation“ spielten.

Auch heute noch sieht Heinz Stollenwerk den 1963 von Bundeskanzler Konrad Adenauer und vom französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle im Pariser Élysée-Palas geschlossenen deutsch-französischen Freundschaftsvertrag als fundamentale Basis für das Vertrauensverhältnis der beiden Länder. Wenn Heinz Stollenwerk die Erinnerung an dieses historische Ereignis einholt, dann ist er auch heute noch tief berührt: „Das war der Beginn der Freundschaft beider Länder.“

Diese Freundschaft sei auch der Motor dafür gewesen, dass viele deutsche Kommunen zu Beginn der 1970er Jahre auf Anregung der Bundesregierung Städtepartnerschaften mit Frankreich ins Rollen gebracht hätten. Über 1000 Kommunen in Deutschland schlossen Freundschaften. Aus der Region Aachen tendierten die Kommunen zu Orten im Norden Frankreichs, nur die Monschauer zog es in den Süden.

Heinz Stollenwerk weiß noch, dass Monschau damals drei französische Städte zur Auswahl angeboten wurden, „die niemand von uns kannte“. Das war 1975. Da Heinz Stollenwerk im selben Jahr vor hatte, seinen Sommerurlaub in Spanien zu verbringen, nahm er die Anregung einiger Stadtratskollegen auf, auf der Hinfahrt doch einmal „unverbindlich und inoffiziell in Bourg-Saint-Andéol vorbeizuschauen“.

Gesagt – getan. „Der erste Besuch war recht vielsprechend“, schmunzelt Heinz Stollenwerk rückblickend. Am Tag seiner Ankunft habe man sich mit einigen Ansprechpartnern zum Aperitif getroffen. Anschließend habe man dann in Bourg ein Hotel gebucht, „und aus dem Aperitif wurde am Abend ein üppiges französisches Menu, das zu früher Stunde in einer Diskothek ausklang“.

Das war der Beginn der Städtefreundschaft, die 1976 offiziell unterzeichnet wurde. Sofort habe er damals gespürt, erinnert sich Stollenwerk, „dass die rheinische und südfranzösische Mentalität wunderbar zueinander passen“. Persönliche und familiäre Bindungen und von Vereinen aufgenommene Kontakte bildeten bis heute die Basis der Städtefreundschaft.

Schon im Jahr der Partnerschaftsgründung stand für Heinz Stollenwerk, der als Prokurist und Betriebsleiter beim Unternehmen Weiss-Druck beschäftigt war, fest, dass Südfrankreich wohl in Zukunft eine wichtige Rolle in seinem Leben einnehmen würde. So kam es dann auch. „Ich war vom ersten Tag an emotional berührt von dieser Begegnung“, erzählt er.

Er erwarb ein Grundstück, und 1981 wurde dank Unterstützung vieler Helfer vor Ort das Haus gebaut. Und nicht nur das. Auf einem kleinen Weingut an seinem Haus pflanzte er im Hang 600 Rebstöcke, schloss sich der örtlichen Winzer-Kooperation an und produzierte rund 25 Jahre lang Rotwein mit eigenem Etikett. Die jährlich rund 1200 Flaschen Landwein gab er größtenteils an Freunde und Bekannte weiter.

Jetzt hat er, wie manch anderer Weinbauer in Region auch, das Betätigungsfeld gewechselt und 70 Olivenbäume angepflanzt. „Das ist momentan der große Trend“, sagt Heinz Stollenwerk, der bei seiner ersten Ernte immerhin 6,5 Liter Olivenöl erwirtschaftete.

Auch das gehört für den Frankreich-Fan zu seinem Verständnis französischer Lebensart. „Im Laufe der Zeit bin ich ein guter Franzose geworden.“ Nur der Wunsch nach einer zweiten Staatsbürgerschaft ist nicht in Erfüllung gegangen: „Ich habe es auch nie versucht“, erzählt Heinz Stollenwerk, „denn höchstwahrscheinlich wäre ich an der Sprachprüfung gescheitert“.

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