Monschau - Assessment-Center: Fallen lauern sogar in der Trinkpause

Assessment-Center: Fallen lauern sogar in der Trinkpause

Von: Heiner Schepp
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Frei zu sprechen vor einer Gruppe und für sich selbst Werbung zu machen - dazu braucht man schon Selbstvertrauen. Um dieser Situation in einem Bewerbungsgespräch gewachsen zu sein, trainieren die neunten Klassen von St. Ursula derzeit das Auswahlverfahren „Assessment-Center”. Auch Michelle (14) aus Roetgen, die nach der Schule Schauspielerei und Journalismus in den USA studieren möchte, meisterte die gestellte Aufgabe.

Monschau. Ein wenig nervös drückt Marie-Sophie (14) mit ihren Händen herum, so dass man sich ernsthaft Sorgen um den Blutgehalt ihres rechten Zeigefingers machen muss. 20 Augenpaare schauen die Schülerin an und sind neugierig zu erfahren, wie sie sich „verkauft”. Doch mit jeder Sekunde weichen Nervosität und der Pudding aus den Beinen, und die junge Dame spricht immer lockerer über sich und ihre Familie, ihre Hobbies und Berufswünsche.

Die Selbstpräsentation vor einer großen Gruppe, vollkommen frei und ohne Spickzettel oder andere Hilfsmittel, ist ein wesentlicher Bestandteil des Bewerber-Auswahlverfahrens „Assessment-Center”. Und weil immer mehr Firmen und Einrichtungen sich bei der Suche nach geeigneten Auszubildenden und Mitarbeitern dieses Verfahrens bedienen, möchte auch die St. Ursula-Realschule ihre Schülerinnen in diesem Auswahlverfahren schulen und damit auf dem Weg in Ausbildung und Beruf helfen.

„Wir möchten unsere Berufsvorbereitung erweitern”, erläutert Schulleiter Franz-Peter Müsch, warum in den nächsten beiden Wochen alle Mädchen der Neunerklassen in sechs Gruppen nachmittags die Schulbank ausnahmsweise im Monschauer Klostersaal drücken müssen. Das Seminar in Zusammenarbeit von Sparkasse und Barmer Ersatzkasse ist fakultativ, also verpflichtend für die jungen Damen, obwohl die meisten von ihnen vorhaben, nach ihrem Abschluss 2011 an St. Ursula weiter zur Schule zu gehen und Abi oder Fachabi zu machen.

Blickkontakt und Betonung

Doch das beim Training erworbene Handwerkszeug wird ihnen irgendwann zugute kommen, ist der engagierte Schulleiter überzeugt. Schließlich kann man das Erlernte auch in der Schule oder im privaten Bereich nutzen.

Zum Beispiel das freie Sprechen vor einer großen Gruppe. Blickkontakt mit den Zuhörern, Körperhaltung, Mimik und Gestik sind das eine, verständliches Sprechen, ein durchdachter Aufbau des Vortrags oder Betonung und Stimmfarbe das Andere.

Michael Bock, Fachberater der Barmer in Aachen, kennt alle Fehler, die mancher Bewerber beim Vortrag oder Vorstellungsgespräch macht. „Die Jungs machen gerne breitbeinig auf Türsteher mit verschränkten Armen, um ihre Nervosität zu vertuschen. Und manches Mädel mit glatten Haaren fingert sich bei der Präsentation so nervös in den Haaren herum, dass es anschließend einen Lockenkopf hat”, witzelt der Assessment-Experte.

Zum Einstellungsverfahren, das übrigens „kein neumodischer Kram” (Bock) ist, sondern schon seit den 90er-Jahren von namhaften deutschen Unternehmen angewandt wird, gehören weitere Prüfungen wie Rollenspiel oder Einzel- und Gruppenarbeiten.

Alle Aufgaben haben ein Ziel - nämlich die persönliche und vor allem soziale Kompetenz des Bewerbers herauszufinden. Deshalb dauert das Auswahlverfahren zumeist einen ganzen Tag (acht Stunden) und beschränkt sich nicht nur auf die reine Prüfungszeit. So kann beispielsweise ein „Fallstrick” auch in der Trinkpause lauern, wenn zehn Bewerber aufgefordert werden, sich ein Getränk zu nehmen, aber nur acht Flaschen bereit stehen. „Wer hier nicht an die Gruppe denkt, hat schlechte Karten”, weiß Michael Bock.

Ein wesentlicher Bestandteil des Assessment-Center sind die sogenannten Beobachter, die den Bewerber den ganzen Tag wie einen Schatten verfolgen. „Diese Beobachter dokumentieren nicht nur die Inhalte der einzelnen Prüfungen, sondern beurteilen den ganzen Bewerber, also beispielsweise auch, wie er oder sie sich in den Pausen oder in der Vorbereitungszeit verhält”, weiß Michael Bock, der es informativ und doch äußerst unterhaltsam versteht, die jungen Menschen zu trainieren.

Lob für die Schülerinnen

Von Marie-Sophie und ihren Klassenkameradinnen ist er begeistert: „Ich mache diese Schulungen meistens mit Oberstufenklassen in Aachen. Aber das Niveau heute hier ist schon sehr beachtlich”, lobt er die Mädchen der 9a von St. Ursula. „Da ist es allerdings auch von Vorteil, dass wir eine reine Mädchenschule sind”, ist Franz-Peter Müsch überzeugt, dass mit Jungs in der Klasse die Nervosität beim Vortrag noch um ein Vielfaches höher gewesen wäre. Und das hätte Ann-Sophies Zeigefinger wohl nicht überlebt.
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