Anschläge: Zwei Lammersdorfer waren im Stade de France

Von: Andreas Gabbert
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Nach dem Abpfiff des Fußballspiels im Stade de France in Paris: Hubert und Beate Ilgart waren unter den Zuschauern und erlebten dramatische Szenen. Foto: dpa

Lammersdorf/Paris. Als Terroristen vergangene Woche in Paris 130 Menschen ermordeten, waren Hubert und Beate Ilgert aus Lammersdorf im Stade de France, um dort das Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Frankreich zu verfolgen.

Die beiden Fußballfans begleiten die Nationalmannschaft regelmäßig zu ihren Spielen, seit 1988 waren sie schon 84 Mal dabei. „Eigentlich wollten wir das ganze Wochenende in der Stadt verbringen und die Geburtstagsfeier meiner Frau eine Woche vorziehen“, sagt Hubert Ilgart. Doch es kam alles anders.

Die Eheleute hatten sich wie so oft mit Gleichgesinnten aus dem Fanclub der Nationalmannschaft getroffen, um sich gemeinsam das Spiel anzusehen. „Wir waren insgesamt circa 20 Personen, darunter viele relativ junge Leute um die 30 Jahre“, berichtet der 56-jährige Zollbeamte. Von ihrem Hotel in Saint Denis, dem Stadtteil, in dem französische Anti-Terroreinheiten am Mittwochmorgen eine Wohnung stürmten, machten sie sich relativ zeitig zum Stadion auf. „Draußen vor dem Stadion haben wir noch ein Bier getrunken. Die Stimmung war sehr entspannt, schließlich handelte es sich um ein Freundschaftsspiel. Da waren viele Franzosen mit ihren Kindern unterwegs. Das war dort, wo sich später einer der Attentäter in die Luft gesprengt hat. Hätte er das vor dem Spiel gemacht, wäre es die Hölle gewesen“, sagt Ilgart.

Bis zur 16. Minute des Fußballspiels war die Welt noch in Ordnung. Die Ilgarts verfolgten das Spiel von ihren Plätzen in Reihe 77 auf dem obersten Rang. Dann gab es den ersten Knall, den auch Millionen von Fernsehzuschauern mitbekamen. „Die erste Detonation war extrem. Wo wir saßen, war die Druckwelle deutlich zu spüren. Ich dachte, eine Gasflasche sei explodiert. Jeder von uns hat sich erschrocken. Dass das kein einfacher Böller gewesen sein konnte, war jedem klar“, berichtet Ilgart. Nach dem zweiten Knall sei dann jedem bewusst gewesen, „dass etwas passiert ist und dass es sich um Bomben handeln könnte“. Die dritte Explosion sei noch zu hören gewesen, aber deutlich schwächer als die vorherigen.

Handynetz zusammengebrochen

„Zur Halbzeit begann die Unruhe im Stadion, Gerüchte machten die Runde, es gab erste Informationen über Whatsapp und SMS, aber keiner wusste wie und wo“, sagt der Lammersdorfer. Zu diesem Zeitpunkt habe noch niemand versucht, das Stadion zu verlassen, deshalb sei auch nicht aufgefallen, dass die Tore geschlossen wurden. Hubert Ilgart rief seine Schwester an, um mitzuteilen, dass irgendetwas passiert sei und um zu fragen, ob sie oder ihr Mann etwas mitbekommen habe. Das war nicht der Fall.

Richtig unruhig sei es dann zwischen der 60. und 70. Spielminute geworden. „Obwohl das Handynetz immer wieder zusammenbrach, gab es allmählich immer mehr Informationen von draußen.“ Gleichzeitig meldeten sich immer mehr Freunde und Verwandte bei den Ilgarts. Wenn das Netz funktionierte, gab es gleich wieder neue besorgte Nachfragen.

Von ihren Sitzplätzen auf dem obersten Rang konnten die Ilgarts teilweise sehen, was sich außerhalb des Stadions abspielte. Sie sahen immer mehr Einsatzkräfte mit Blaulicht anrücken. Hubert Ilgart ging in diesem Moment nur ein Gedanke durch den Kopf: „Was passiert nach dem Spiel?“ Inzwischen hätte jeder im Stadion das Ende des Spiels herbeigesehnt.

Nach dem Abpfiff sei dann bekannt geworden, dass der französische Präsident den Notstand ausgerufen und die Grenzen gesperrt habe. Offizielle Informationen habe es aber immer noch nicht gegeben, lediglich Gerüchte. „Bei den Jüngeren in unserer Gruppe stieg die Angst“, sagt Ilgart. Trotzdem sei zu diesem Zeitpunkt alles ruhig und besonnen verlaufen und die Leute seien aus dem Stadion geleitet worden. „Auf dem Weg nach draußen ist dann durch irgendetwas Panik ausgebrochen und die Leute drückten wie ein Tsunami zurück ins Stadion. Die Menschen stolperten und fielen. Viele hatten Kinder dabei. Da hatte ich meine größten Bedenken und dachte, jetzt gibt es eine Katastrophe. Ich hatte direkt die Bilder von der Loveparade in Duisburg vor Augen. Hätte es in diesem Moment wieder einen Knall gegeben, dann hätte es da auch Tote gegeben“, schildert der 56-Jährige die dramatische Situation, die er von etwas weiter oberhalb beobachten konnte. Das muss der Zeitpunkt gewesen sein, als die Zuschauer auf das Spielfeld strömten. „Man sieht das Unglück quasi kommen, ist dabei aber total hilflos“, beschreibt Ilgart seine Gefühlslage.

Beim Verlassen des Stadions kamen die Fußballfans aus der Eifel an einem Stand vorbei, wo ein Fernseher ohne Ton lief. „Da sah man, dass auch in der Stadt etwas passiert war. Dann herrschte betretenes Schweigen. Niemand hat noch etwas gesagt.“ Er habe ein „mulmiges Gefühl“, aber keine Angst gehabt. Er habe versucht, „den Ball flach zu halten“ und auf die Gruppe beruhigend einzuwirken, sagt Ilgart.

Er wollte zurück zum Hotel, die Jüngeren seien aber zu besorgt gewesen. Nach langem Hin- und Her habe man sich gegen 0.30 Uhr abseits der Menschenmassen doch auf den Weg zurück ins Hotel gemacht. „Die Stadt war wie tot“, sagt Ilgart. Die Hotelangestellten seien mit der Situation überfordert gewesen, die Türen und Bars seien geschlossen worden.

Nicht das erste Mal

An Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken. „Das war der Ausnahmezustand. Wir haben kein Auge zugemacht und Fernsehen geguckt“, erklärt Ilgart. Am nächsten Morgen beschlossen die Eheleute aus Lammersdorf nicht länger in der Stadt zu bleiben und machten sich auf Weg zu Verwandten nach Reims, wo sie eigentlich erst am nächsten Tag ankommen sollten. „In Paris war alles abgesperrt und es waren kaum Menschen auf der Straße, das war schon gespenstisch“, sagt Ilgart.

Wieder zu Hause in Lammersdorf angekommen, rissen die Nachfragen von Freunden und Bekannten nicht ab. „Alle, die mich kennen, haben geschrieben“, sagt Ilgart. Plötzlich hätten sich Verwandte gemeldet, „die sich sonst nie melden“, und auf der Arbeit sei er überraschend von einer Kollegin gedrückt worden. „Die haben sich viel mehr Sorgen gemacht, als wir vor Ort. Ich habe keine bösen Bilder gesehen, deshalb muss ich nichts verarbeiten“, sagt er.

Es ist nicht das erste Mal, dass Hubert Ilgart Terror hautnah mitbekommen hat. Als 19-Jähriger erlebte er eine Schießerei in den Straßen von Belfast. Während der Europameisterschaft 1996 in England war er bei dem Spiel der Nationalmannschaft gegen Russland in Manchester. Dort wurden damals bei einem Bombenanschlag vor einem Einkaufszentrum 200 Menschen verletzt. Das hat ihn nicht davon abgehalten, weiterhin Fußballspiele zu besuchen.Mit seiner Frau ist er bei jedem Heimspiel der Alemannia dabei, meistens begleiten sie die Mannschaft auch zu den Auswärtsspielen. Hinzu kommen die Spiele der Nationalmannschaft.

Damit soll auch jetzt nicht Schluss sein. Hubert Ilgart schüttelt den Kopf: „Ne, ne auf keinen Fall. Dann wäre es damals schon in Manchester zu Ende gewesen“, sagt er. Für das WM-Qualifikationsspiel am 4. September in Oslo hat er schon Tickets für die Fähre gebucht, und auch bei der EM in Frankreich will er mit seiner Frau wieder dabei sein. Ihre Leidenschaft für den Sport lebt weiter.

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