Am Rursee auf die Schippe genommen: Neuer Satire-Wanderweg

Von: Peter Stollenwerk
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Einiges an Überraschungen bietet der Rurseerandweg zwischen Eschauel und Schwammenauel – zumindest wenn man sich mit Wanderführer Konrad Schöller auf die satirisch gefärbte „Tour de Roer“ begibt. Foto: Schöller
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Konrad Schöller (li.) bietet gemeinsam mit seinem Sohn Benedikt unter dem Begriff „Regio oratio“ ein zeitkritisches Bildungsangebot für die Region Eifel an.

Schmidt. Was darf man auf einem hoch frequentierten Wanderweg entlang des Rursees schon groß erwarten? Man sieht das Wasser, die weiße Flotte, Radfahrer mit Akku-Unterstützung, Felsen und viele andere Menschen. Danach kehrt man ein zum Kaffeetrinken. Das ist auch auf dem 4,5 Kilometer langen Wegestück zwischen Eschauel und Schwammenauel nicht anders. Oder doch? Diesem Abschnitt soll jetzt eine ganz neue Bedeutung zukommen. Das beschriebene Stück Uferweg fällt ab sofort unter die Kategorie „Satire im Outdoor-Format“ mit dem Untertitel: „Wo das Grausen zur Wollust wird“.

So verheißungs- und ebenso geheimnisvoll lautet das Motto für etwas andere Gästeführungen entlang des Rursees. Aufgelegt hat dieses neue Angebot Konrad Schöller, der Senior-Geschäftsführer von Regio oratio mit Sitz in Schmidt. Dahinter verbirgt sich ein zeitkritisches Informationsangebot über historische Ereignisse in der Nordeifel. Regio oratio ist außerschulischer Bildungsträger im Kreis Düren. Veranstaltet werden Vorträge, Führungen und Exkursionen. Auch Ausstellungen und wissenschaftliche Publikationen gehören zum Programm. Doch das jüngste Angebot nimmt sich nicht ganz so ernst.

Die ironische Komponente der Kurzwanderung soll vom Gast auf Anhieb erkannt werden, denn Konrad Schöller (58), der gemeinsam mit seinen Sohn Benedikt (32) unterschiedliche Exkursionen anbietet, erwartet von den Teilnehmern der „Tour de Roer“ schon eine gewisse Gelassenheit, wenn Realität auf Satire trifft. Entlang des 4,5 Kilometer langen Wegeabschnittes sind auf den ersten Blick keine besonderen Merkmale zu erkennen, aber in Begleitung von Wanderführer Schöller wird aus jeder Sitzbank und jedem Felsvorsprung ein Ereignis, das einen Aufenthalt und ausführliche Erklärungen erfordert.

Zunächst einmal hat er sich ganz bewusst für das französische „Roer“ entschieden, um es einmal umgekehrt wie vor rund 100 Jahren in Monschau zu machen, das bis zum 9. August 1918 noch „Montjoie“ hieß. Das besondere Verhältnis zwischen Franzosen und Deutschen bzw. zwischen Monschäuern und Rheinländern ist nur eines von reichlich delikaten Themen, die Konrad Schöller an neun Erzählstationen auf dem Weg zwischen dem Parkplatz Eschauel bis zum Staudamm Schwammenauel zum Besten gibt.

Durch die satirische Brille erfährt der Gast so eine ganze Menge an wissenswerten Details über die Region, die in den großen Geschichtsbüchern nicht einmal eine Fußnote wert wären. Konrad Schöller hat daher auch nicht ohne Grund sogenannte „Verhaltensregeln“ für die Teilnehmer in mühevoller Abwägung erarbeitet: „Die Teilnahmebedingungen wurden bewusst so gestaltet, dass unsere Gäste die Kunst des sich ‚Selbst-auf-die-Schippe-nehmens‘ beherrschen müssen. Ansonsten wären sie kaum davor gefeit, unterwegs vom ‚Auf-den-Schlips-getreten-Virus‘ befallen zu werden, erläutert Schöller die nicht alltäglichen Spielregeln der „Tour de Roer“.

Unfug und Erdachtes möchte Konrad Schöller aber dennoch nicht in die Welt setzen. Die Themen der Führung orientieren sich an den historischen Fakten des jeweiligen Standorts. Illustriert durch „seltenes Karten- und Bildmaterial aus der guten alten Zeit“ werden Texte und Reime dargeboten, die oft so gar nicht in die Heile-Welt-Idylle am Rursee passen wollen. Was läge hier näher als den Bogen zum brandaktuellen politisch umstrittenen Kletterwald Eschauel zu schlagen, an die ideologisch geprägte Konfrontation um das Pumpspeicherkraftwerk Rursee vor einigen Jahren zu erinnern oder noch einmal die Mobilmachung des Schmidter Kirchenvorstandes gegen das Bistum Aachen aufleben zu lassen?

Breiten thematischen Raum nehmen aber auch die frühere Eisenerzgewinnung in der Simonsley und der Bau der Rurtalsperre ein. Nahe Eschauel sind es die vermeintlichen Ruhmestaten der Schmidter Bürgerwehr oder die ersten Flüchtlinge aus dem Tal der Roer, die thematisiert werden.

Weiter Richtung Schwammenauel geht es um einen Möchtegern-Bolzplatz mit ökologischem Flair, um eine Doppelkirche auf der Roten Liste in der kleinsten Stadt in NRW oder darum, wie ein brauner Ex-Landrat zu einem weithin verklärten Eifelhelden mutierte. An einigen Stationen wird es sogar tierisch. Der angeblich in den Nationalpark zurückgekehrte Isegrim gehört ebenso zum Repertoire wie „Schweinereien“ aus Nideggen und „Eseleien“ aus Heimbach. Welch dominierende Rolle die Rurtalsperre bei der Wasserversorgung des umweltbelastenden Kohlekraftwerks Weisweiler einnimmt, dürfte auch Nicht-Monschäuer interessieren.

Einen ganzen Winter hat Schöller recherchiert, um die Tour auf die Beine zustellen. „Süffisant“ sei der gesamte Tourverlauf schon deshalb, weil nahe Eschauel in früherer Zeit die Territorien der Monschau-Falkenburger und der Jülicher zusammenstießen. „Hier liegt auch die Mentalitätsgrenze.“ Bezogen auf die heutige Zeit spielten somit auch „die erhöht als pflegebedürftig einzustufenden Beziehungskisten zwischen Heimbach und Nideggen bzw. zwischen Monschau und Simmerath“ eine Rolle bei der Kurzwanderung.

All‘ das sollte man wissen, wenn man sich mit Konrad Schöller auf den Weg macht, oder, um noch einmal die „Verhaltensregeln“ für Teilnehmer zu zitieren: „Für Menschen, die zum Lachen in den Keller gehen, geschieht die Teilnahme an der Tour auf eigene Gefahr. Unterwegs kann zu jeder Zeit plötzlich und unerwartet oder wie aus heiterem Himmel eine Infektion durch Satireviren und Humorbakterien auftreten.“

Konrad Schöller, von Berufswegen Mitarbeiter bei der Kreisverwaltung Düren, möchte auch bei seiner satirischen Wanderung seinem Grundsatz der Unabhängigkeit treu bleiben und bei seinem touristischen Bildungsangebot „keine Hochglanz-Präsentation der Region“ vermitteln, aber der Spaß soll auf keinen Fall auf der Strecke bleiben.

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