Alte Weinpresse im Dachstuhl verbaut

Von: Peter Stollenwerk
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Als „unendlich wertvolles Bauwerk“ hatte der Statiker den Dachstuhl in der evangelischen Kirche Roetgen bezeichnet. Fast wie ein Gesamtkunstwerk wirkt die fast 250 Jahre alte Konstruktion Foto: P. Stollenwerk
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Als Gotteshaus war die komplette innen eingerüstete evangelische Kirche kaum mehr erkennbar.
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Gute Arbeit: Der Roetgener Pfarrer Wolfgang Köhne ist erleichtert.

Roetgen. „Es dreht sich im Moment alles um die Kirche“, sagt Wolfgang Köhne. Köhne ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Monschauer Land im Pfarrbezirk Roetgen. Für einen Geistlichen ist die Aussage, dass das Gotteshaus im Mittelpunkt steht, eigentlich nichts Außergewöhnliches, aber das Kirchengebäude an der Rosentalstraße ist eine einzige Baustelle – und das seit einem halben Jahr.

Da kann es auch dem besten Gottesmann passieren, dass die Bauarbeiten hin und wieder zu viel Raum einnehmen und man deren Ende herbeisehnt. Und in der Tat naht Veränderung, denn die ebenso aufwendige wie komplizierte Dachstuhlsanierung der Kirche steht unmittelbar vor ihrem Abschluss.

Damit das Kapitel auch wirklich abgeschlossen wird, hat sich die Kirchengemeinde bereits auf einen Wiedereröffnungstermin festgelegt. Am Samstag, 2. September, soll mit einem Konzert und anschließendem Umtrunk der Gemeinde das Gotteshaus in frischem Glanz und neuer Stabilität zurückgegeben werden in der Hoffnung, dass man für viele Jahrzehnte baulich aus dem Gröbsten heraus ist. In der vergangenen Wochen legten die Anstreicher Hand an, anschließend hält die Reinigungsmannschaft Einzug. Am 2. September soll dann nichts mehr an das turbulente Halbjahr erinnern.

Vor ziemlich genau einem Jahr fasste das Presbyterium den Beschluss, den Auftrag für die Sanierung des fast 250 Jahren alten Dachstuhls an die Firma Bennert aus Thüringen zu vergeben. Das auf Denkmalpflege und Bauwerksanierung spezialisierte Unternehmen habe „sehr gute handwerkliche Arbeit“ geleistet, sagt Wolfgang Köhne. Mindestens so gut findet er es, dass die 300.000 Euro teure Maßnahmen (die Baunebenkosten sind noch nicht eingerechnet) sowohl im Kosten- wie auch im Zeitrahmen blieb.

Ende des Jahres 2016 war das Kirchengebäude geschlossen worden, die Gottesdienste wurden im benachbarten Gemeindehaus abgehalten. Nach umfangreichen Vorbereitungsarbeiten vom Ausbau der Kirchenbänke, dem staubdichten Verpacken der Orgel bis hin zum Abhängen der Kronleuchter und dem Aufbau des Gerüstes starteten Ende Januar 2017 die Sanierungsarbeiten.

Auf das Tragwerk im Dachstuhl der evangelischen Kirche an der Roetgener Rosentalstraße war schon lange ein Verlass mehr. Teile der Holzkonstruktion mussten dringend ausgewechselt werden, weil vor allem die massiven tragenden Eichenbalken durch den jahrzehntelangen Eintritt von Feuchtigkeit und Pilzen ihre Stabilität verloren hatten.

Der kapitale Dachschaden in dem rund 250 Jahre alten, denkmalgeschützten Kirchengebäude wurde im Mai 2011 offenkundig, als entdeckt wurde, dass es zu Bewegungen im Tragwerk des Dachstuhls gekommen war. Auch Risse in der Stuckdecke untermauerten diese Feststellung. Eine detaillierte Schadensfeststellung brachte dann die Gewissheit, dass Handlungsbedarf besteht. Unverzüglich veranlasste die Kirchengemeinde daraufhin eine Notsicherung des Dachstuhls, um einer sofortigen Schließung des Gotteshauses zuvorzukommen. Im Zuge der wesentlich umfangreicheren Sanierung der evangelischen Stadtkirche in Monschau (2010 bis 2014) hatte die Firma Bennert auch einen kritischen Blick auf das Roetgener Kirchengebäude geworfen und dabei das Schadensausmaß im Dachstuhl erkannt.

Nach fünf Jahren war Schluss mit dem Provisorium. Statiker Hubert Wallrafen, ein renommierter Experte für Kirchenbauten, plante die Dachsanierung. „Das ist ein unendlich wertvolles Bauwerk“, sagte der Experte damals. Es handelt sich um einen sogenannten „liegenden Stuhl“, bestehend aus Tragwerken, Sparren und Pfetten. Die gesamte Lehmdecke im Kirchenschiff hängt an dieser Konstruktion. Beim Blick in den Dachstuhl ist der Betrachter hingerissen von der fast künstlerisch gestalteten Holzkonstruktion.

Die Auflagestellen der Eichenbinder auf dem Mauerwerk waren das große Problem. Hier hatte der Pilz schon ganze Arbeit geleistet.

Das Ersatz-Eichenholz kam aus Frankreich; rund 1000 Euro kostet der Kubikmeter. Es handelt sich um altes, abgelagertes Eichenholz, das von einer ehemaligen Weinpresse stammt. Das erforderliche Balkenkaliber von 30 mal 40 Zentimeter ist auf dem Markt heute nicht mehr erhältlich.

Zuvor musste die gesamte etwa zehn Tonnen schwere Dachkonstruktion ein wenig angehoben werden, damit die Zimmerleute frei arbeiten konnten. Zu diesem Zweck wurden im Kirchenraum Stützen errichtet, die durch die Decke hindurch bis zum Tragwerk ausgefahren wurden. Diese ausgeklügelte Technik funktionierte. Das Baumaterial wurde durch eine seitlich hergerichtete Dachöffnung an Ort und Stelle gebracht.

Nach Abschluss der Sanierung wurde durch einen unabhängigen Holzsachverständigen bestätigt, dass kein akuter Pilzbefall mehr feststellbar ist. Jetzt kann wieder kirchliches Leben in das Gotteshaus einziehen, wenn die Orgel ausgepackt, neu gestimmt und die Kirchenbänke wieder an ihrem angestammten Platz stehen.

Die Finanzierung der Maßnahme geht ganz zu Lasten der Evangelischen Kirchengemeinde Monschauer Land und ihrer etwa 4500 Mitglieder. Zum Zeitpunkt der Sanierung standen keine Denkmalfördermittel des Landes NRW zur Verfügung. Der Hauptanteil der Finanzierung wurde durch den Verkauf eines Grundstückes in Roetgen zum stolzen Preis von 220.000 Euro gesichert. Auch wurde ein Kredit aufgenommen, der jetzt abgelöst werden kann. Rücklagen der Kirchengemeinde und über 12.000 Euro an Spenden durch Gemeindemitglieder machten das Finanzierungspaket rund.

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