Als Zwangsarbeiter eine neue Heimat gefunden

Von: Peter Stollenwerk
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Paul
Paul Sluzala im hohen Alter: Er starb am 7. Januar 2008 und war der letzte Bewohner des Hofes Leykaul.

Nordeifel. Nur die Erinnerung ist auf der Leykaul geblieben. Das Bauerngehöft am Rande der Dreiborner Hochfläche, zur Gemeinde Simmerath gehörig, wurde Ende 2008 abgerissen. Die Nationalparkverwaltung Eifel hatte nach zähen Verhandlungen die knapp elf Hektar große Liegenschaft direkt an der Grenze des 2004 ausgewiesenen neuen Großschutzgebietes erworben, zu der auch weitere Neben- und Wirtschaftsgebäude gehörten. Nach und nach wurde die Siedlung dem Erdboden gleichgemacht.

Heute erinnert nur noch eine Gedenkstätte an die letzten Bewohner der Leykaul, die erstmals vor mehr als 200 Jahren besiedelt wurde. Doch diese Gedenkstätte sagt kaum etwas aus über die Menschen, die hier lebten und arbeiteten.

Besonders der letzte Bewohner der Leykaul, Pawel Sluzala, der hier den größten Teil seines Lebens verbrachte und 2008 verstarb, hatte eine bewegende Lebensgeschichte. In der Eifel kannte ihn fast jeder. Alle nannten ihn Paul, und es hieß, er stamme aus Polen. Sein Heimatland aber war die Ukraine. Dass er gemeinsam mit den beiden Schwestern Maria Wollgarten und Antonia Carl, geborene Dartenne, den einsam gelegenen Hof bewirtschaftete, lockte auch so manchen neugierigen Besucher an.

Dass Paul Sluzala Zwangsarbeiter im Deutschen Reich war, und er als 19-Jähriger aus seiner ukrainischen Heimat in die Eifel verschleppt wurde, war vielleicht ein offenes Geheimnis, aber gesprochen wurde darüber eigentlich nie.

Ausschank und Anekdoten

Im Sommer 1941 hatte ihn sein Schicksal auf die Leykaul geführt. Hier fand er schließlich eine neue Heimat, und er machte stets den Eindruck, dass er glücklich und zufrieden als Bauer sein Leben lebte. Viele Besucher wurden zu Stammgästen, darunter auch der Sohn des früheren Bundeskanzlers Konrad Adenauer oder auch DFB-Ehrenpräsident Egidius Braun. Der Hof besaß eine Ausschankgenehmigung, und so manche fröhliche Runde auf der Leykaul liefert heute Stoff für Anekdoten.

Seiner wahren Heimat aber war Paul Sluzala dennoch beraubt. Über seine Jugend erzählte er so gut wie nie und wie es in seinem Innersten aussah, blieb sein Geheimnis. Er war eben kein Mann großer Worte.

Aber einmal hat er seine bewegende Lebensgeschichte erzählt, und sein Gesprächspartner im Jahr 2001 war Jochen Jansen aus Rurberg. Der heute 47-Jährige kam im Jahr 1995 erstmals zur Leykaul, nachdem ihm sein Vater, der die Bewohner bei einer Fahrradtour kennengelernt hatte und anschließend regelmäßigen Kontakt unterhielt, ihm von dem einsamen Bauernhof erzählt hatte. Seit diesem Tag ließ den jungen Mann die Leykaul nicht mehr los. Jedes Wochenende und jede freie Minute verbrachte er über viele Jahre dort und war ein verlässlicher Helfer bei den landwirtschaftlichen Arbeiten.

Mit Paul Sluzala war er rasch vertraut, und irgendwann hat er aus seiner Vergangenheit erzählt. Damals war Paul 78 Jahre alt.

Geboren wurde Pawel Sluzala am 2. Januar 1922 in einem kleinen Dorf in der Ukraine in der Nähe von Lemberg namens Deniska im Grenzland zu Polen. Er ist mit seinen Brüdern ohne die sehr früh verstorbene Mutter aufgewachsen. Und so war auch seine Jugend bereits geprägt von Verantwortung und Arbeit, denn der strenge Vater war Verwalter auf einem großen Gutshof in der Ukraine.

Die eigene Landwirtschaft mussten schon von klein auf die Kinder mit übernehmen. Während der Vater auf dem Gut arbeitete, leistete Paul mit seinen Geschwistern Schwerstarbeit auf den Feldern. Schon als Jugendlicher musste er die Arbeit der Erwachsenen übernehmen: Pferde anspannen, Pflügen, Getreide ernten und Dreschen von Hand.

Er erzählte mit einem Lächeln von dieser schönen und harten Jugendzeit und versann sich unter die Bäume in seinem Dorf zurück, unter denen sich nach getaner Arbeit das gesamte Dorf versammelte und Lieder in der untergehenden Sonne sang. Doch die Idylle endete jäh.

Der zweite Weltkrieg brach aus und die deutsche Wehrmacht hielt Einzug in die friedliche Welt des Bauerndorfes. Man begann damit, die Menschen zu sortieren nach Volksdeutschen, Russen, Juden und Polen. Eine Klassifizierung, die der junge Paul nicht so recht verstand und deren Zweck er erst viel später in seinem Leben begreifen würde.

Fußmarsch und Sammellager

Ukrainer deutscher Abstammung blieben zunächst in den Dörfern. Doch eines Morgens kamen die Männer einer SS-Truppe und befahlen, dass sich alle jungen Männer auf dem Dorfplatz zu versammeln hätten. Es wurde wieder sortiert, und die arbeitsfähigen und gesunden Burschen mussten sich marschfertig machen. Keiner wusste warum, keiner wusste wohin. Es folgte ein tagelanger Fußmarsch zur nächsten Eisenbahnlinie. Dort stand ein Zug mit Viehwaggons bereit. Die jungen Männer wurden wie Tiere dort hinein verfrachtet, aber mit deutscher Gründlichkeit gezählt und in Namenslisten erfasst.

Die Bahnverfrachtung endete zunächst in der Stadt Lublin. Hier wurden die Männer in ein menschenunwürdiges Sammellager gesperrt. Nach einigen Tagen in Schmutz und Elend wurden die Männer dann nach Großdeutschland verschleppt; das heißt, diejenigen, die noch lebten und die diese Odyssee bis zum ersten Halt nach Köln überlebten.

In Köln war nach erneutem Zwischenstopp erst mal Entlausung angesagt. Da wurden alle eingenebelt und die Haare abgeschoren. Dann wurden die Männer sortiert, und hier hatte Paul Glück im Unglück, denn er wurde für die Arbeit in der Landwirtschaft eingeteilt und nicht in den Waffen- und Munitionsfabriken. Erst jetzt wurde ihm bewusst, woran er eigentlich war: Er wurde Zwangsarbeiter im Deutschen Reich!

Sein Transport führte zum kleinen Bahnhof der Eifelstadt Gemünd. (Fortsetzung folgt)

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