Als Zeugin gesucht und dann angeklagt

Von: Andreas Gabbert
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Jessica Friedrich zeigt, wo sich der Unfall auf dem Vennbahnradweg ereignet haben soll: Dort war ein älterer Mann mit seinem E-Bike gestürzt. Foto: A. Gabbert

Nordeifel. Erst wurde sie als Zeugin gesucht, dann war sie plötzlich die Beschuldigte und ihr wurde vor dem Amtsgericht Monschau der Prozess gemacht. Am Ende wurde Jessica Friedrich aus Konzen aber freigesprochen.

In einer Meldung hatte die Polizei im vergangenen Sommer nach einer Zeugin gesucht, die beobachtet hatte, wie ein älterer Mann am 12. Juli 2013 mit seinem E-Bike auf dem Vennbahnradweg bei Konzen gestürzt war. Daraufhin hatte sich die heute 22-Jährige bei der Polizei gemeldet und mitgeteilt, sie sei mit ihrem Hund „Sally“ zum betreffenden Zeitpunkt an Ort und Stelle gewesen. „Nachdem man meine Personalien aufgenommen hatte, wurde mir von der Polizei mitgeteilt, dass eine Anzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung im Straßenverkehr gegen mich vorliegt“, sagt Friedrich.

Laut Aussage des gestürzten E-Bike-Fahrers, der schwer verletzt im Krankenhaus operiert werden musste, und auch laut Aussage seines Begleiters habe sie mit dem Hund den Vennbahnradweg gekreuzt und sei deshalb für seinen Sturz verantwortlich zu machen. „Zuerst war ich sauer, nachher ein wenig traurig und ein wenig Angst habe ich auch bekommen. Ich hatte mir zwar nichts zu Schulden kommen lassen, aber es standen zwei Aussagen gegen meine, so dass ich auf weitere Zeugen angewiesen war. Das war schon ein komisches Gefühl“, erinnert sich die junge Frau.

Strafbefehl erteilt

Zu ihrem Glück meldete sich noch ein anderer Zeuge, der zum Unfallzeitpunkt ebenfalls auf dem Radweg unterwegs war und Friedrichs Schilderung bestätigen konnte. Trotzdem wurde Strafbefehl erteilt und Jessica Friedrich angeklagt. Sie wurde aufgefordert, mehrere Hundert Euro zu zahlen, dann werde man das Gerichtsverfahren wieder einstellen. „Darauf wollte ich mich aber gar nicht erst einlassen“, sagt Friedrich. Sie ließ es auf einen Prozess ankommen. Dieser endete am 19. Dezember 2013 mit einem Freispruch, da die beiden älteren Männer sich in ihren Aussagen widersprachen, während die von Friedrich und dem anderen Zeugen nahezu deckungsgleich waren.

„Gesetzlich verpflichtet“

„Heute würde ich mich nicht mehr als Zeugin melden. Das hätte ja auch in die Hose gehen können“, lautet das traurige Fazit der 22-Jährigen.

Auf Anfrage der Lokalredaktion betont die Aachener Polizei, dass sie sich an die geltende Rechtsprechung halte. „Einen möglichen Vorwurf, wir hätten hier gar unlauter gehandelt, weise ich zurück“, teilt Pressesprecher Paul Kemen mit. „Dass dieser schwere Unfall in der Ermittlung eine solche Wendung nahm“, sei nicht vorherzusehen gewesen.

Als der Zeugenaufruf erfolgte, sei nicht die Rede davon gewesen, dass die Joggerin den Unfall verursacht habe. Kemen: „Sowohl sie als auch der (andere) Radfahrer wurden als Zeugen gesucht, um zu erfahren, wie der Unfall geschehen konnte. Der bei dem Sturz verletzte Radfahrer hatte schwere Verletzungen davongetragen. Er hatte notoperiert werden müssen. Erst später, bei der Vernehmung eines anderen Zeugen (dem Begleiter des Gestürzten) wurde bekannt, dass der Hund der Zeugin den Unfall verursacht haben soll. Diesem Hinweis hatten wir nachzugehen. Rechtlich zwangsläufig erhält die Halterin des Hundes, der den Unfall verursacht haben soll, den sogenannten ‚Beschuldigten-Status‘. Die Polizei ist gesetzlich dazu verpflichtet, so entsprechend zu verfahren und dies den Beschuldigten auch in dieser Deutlichkeit mitzuteilen. Damit einhergehend werden die Beschuldigten rechtlich belehrt, sie erhalten mehr und andere Rechte als zum Beispiel Zeugen“, heißt es von Seiten der Polizei. Auf die Frage, ob ein solches Vorgehen aus Sicht der Polizei sinnvoll ist, da so Zivilcourage und der Anstand, sich als Zeuge zu melden, auf eine gemeinschaftsschädliche Art und Weise bestraft werden, antwortet die Pressestelle, die Entwicklung habe sich aus der Vernehmung eines anderen Zeugen ergeben.

„Aus Sicht der betroffenen Zeugin ist der Groll nachvollziehbar. Aber wir konnten nicht anders handeln. Den Beschuldigten-Status kann nur die Staatsanwaltschaft ändern. Die sah die Joggerin offenbar als mögliche Unfallverursacherin. Letztendlich wurde die Zeugin restlos freigesprochen.“

Bei schwerwiegenden Sachverhalten, in denen die Ursachen unklar seien, werde meist über die Medien nach möglichen Zeugen gesucht. Das sei auch in diesem Fall geschehen.

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