Als Sperrmüll-Entsorger im „Dorf der Millionäre“

Von: Andreas Gabbert
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Und weg damit: Ralf (li.) und Stefan Sendscheid arbeiten für die Regioentsorgung. Was die Leute wegschmeißen, interessiert die Brüder nicht, ganz im Gegensatz zu vielen Nachbarn. Foto: A. Gabbert

Nordeifel. Es knirscht, als würden Knochen brechen. Das Holz splittert und innerhalb weniger Sekunden ist von dem Gartenhaus, das Ralf und Stefan Sendscheid an der Straße aufgeladen haben, nur noch Kleinholz übrig. Weiter geht es zur nächsten Station, wo ein Mann Türen, Schränke und Teppich aus der Garage schleppt und zum Fahrzeug bringt.

„Sie können direkt bei uns anfangen“, ruft ihm Ralf Sendscheid freundlich zu und wuchtet einen der Schränke in die Presse des Müllfahrzeugs. Die beiden Brüder arbeiten für die Regioentsorgung und fahren an diesem Tag in Rott Sperrmüll ab. Das ist eine der angenehmeren Aufgaben eines Entsorgers. „Papier oder Sperrmüll ist mir am liebsten. Das stinkt nicht so und man kommt zügig durch“, sagt Ralf.

Der 51-Jährige ist sehr zufrieden mit seiner Tätigkeit. „Das ist mehr oder weniger eine Sechs im Lotto für mich. Hier ist alles geregelt. Die Bezahlung ist ok. Vor allem ist der Job krisenfest, und Müll wird immer produziert“, sagt er.

Ralf ist der Ältere der beiden Brüder und fährt den Wagen, während Stefan hinten auf dem Trittbrett mitfährt oder auf dem Beifahrersitz Platz nimmt. Weiter geht es zum Talweg. Dort warten eine Küche und ein kompletter Jägerzaun am Straßenrand. Was die Leute wegschmeißen, interessiert Ralf nicht sonderlich – ab und rein damit. „Ich bin kein Jäger und Sammler. Ich finde es nur manchmal traurig, was so alles weggeschmissen wird. Da sind nagelneue Kinderzimmer und Betten dabei. Damit könnte man doch noch etwas Gutes tun, aber wir leben nun mal in einer Wegwerfgesellschaft“, sagt Ralf und schüttelt dabei den Kopf.

Seit 5.45 Uhr sind die Brüder unterwegs. In Alsdorf-Warden geht es los: Umziehen und den Wagen holen. Fünf Minuten später gibt es die Papiere. 50 Kunden stehen an diesem Tag auf der Liste. Ralf ist ein sogenannter Springer, jeden Tag sitzt er auf einem anderen Fahrzeug, fährt eine andere Tour. Er hat schon einige Jobs gemacht. Im Bergbau hat er gearbeitet, bei der Bundeswehr, als Lkw-Fahrer, als Kanal- und Rohrreiniger und seit acht Jahren als Entsorger.

Als er den nächsten Stopp einlegen will, kommt eine Frau aufgeregt dem Fahrzeug hinterher gelaufen. Um die Ecke ist noch etwas stehen geblieben, das aussah wie ein großer Stein, sich nun aber als Regentonne entpuppt. Ralf geht mit der Frau zurück, während einer der Anwohner am Gartentor steht und interessiert zuschaut, wie Stefan sich ans Einladen der nächsten Fuhre macht. „Ich kann Ihnen noch ein paar Handschuhe rausholen“, scherzt Ralf, als er mit der Tonne in der Hand zurück kommt. Die Menschen seien oft doch sehr neugierig, was der Nachbar so alles wegschmissen hat, meint Ralf. „Das kennen wir nicht anders.“

Keine goldenen Löffel

Um kurz nach 10 Uhr haben die Brüder bereits 35 Stationen erledigt. Ralf hat sie mit einem gelben Filzstift auf seinem Zettel markiert. Was die Entsorger an den einzelnen Stationen ihrer Tour erwartet, wissen sie nicht. In der Regel kennen sie nur die Adresse, wo sie etwas abholen sollen. Oft liegt dann dort doch eine Menge mehr, als eigentlich angemeldet wurde. In vielen Fällen legt die Nachbarschaft noch etwas hinzu. Mitgenommen wird fast alles, zumindest das, was sich Sperrmüll nennen darf.

5,5 Tonnen Sperrmüll waren es an diesem Morgen schon in Roetgen. Das belegt der „Wiegezettel“, den die Brüder beim Abliefern an der Müllverbrennungsanlage erhalten haben und der sich offiziell Entsorgungsauftrag und –Bestätigung nennt. Das Roetgen auch gerne das Dorf der Millionäre genannt wird, sieht man am Sperrmüll nicht. Der ist auch nicht anders als in Monschau oder Simmerath. Auch hier liegen keine goldenen Löffel im Sperrmüll an der Straße.

Gerne in die Eifel

Die Sendscheids kommen gerne in die Eifel – auch im Winter. Schließlich seien die Seitenstraßen in der Eifel besser geräumt als die Hauptverkehrsstraßen in der Stadt. „Das sind die Eifeler fit. Außerdem sind die Menschen aufgeschlossen, da ist auch schon mal ein Plausch am Straßenrand drin“, sagt Ralf. So wie mit der Postbotin, die eine kurze Pause eingelegt hat, weil das Müllfahrzeug die Straße blockiert.

Am Straßenrand stehen Kinder und winken, während Ralf die Bergstraße rückwärts hoch setzt. „Da kann man nicht drehen.“ Ein Autofahrer hupt genervt, weil es ihm offensichtlich nicht schnell genug geht. Ralf lässt sich aber nicht aus der Ruhe bringen. Er hupt kurz zurück und grüßt freundlich.

An heißen Tagen ist er froh, wenn er in der klimatisierten Fahrerkabine sitzen bleiben kann, insbesondere wenn dann der Biomüll auf dem Plan steht. „Bio ist ekelhaft – wenn es heiß ist erst recht“, sagt Ralf.

Als Entsorger kommt man mit einigem in Berührung – Ratten, Essensreste, getragene Windeln und einiges andere unappetitliche gehören dazu - umso froher sind die Sendscheids, wenn sie abends wieder aus den Arbeitsklamotten rauskommen und duschen können. „Es gibt nichts Schöneres“, sagt Ralf.

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