Schmidt - Als Militärbeoachter in den Krisenherden der Welt zu Hause

Als Militärbeoachter in den Krisenherden der Welt zu Hause

Von: Jürgen Ammann
Letzte Aktualisierung:
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Mit blauem Barett im Grenzgebiet zwischen Georgien und Abchasien unterwegs: Volker Lossner (Mitte) aus Schmidt bei einem seiner Einsätze als Militärbeobachter.

Schmidt. Die Halbinsel Krim und die derzeitige Situation im Osten der Ukraine sind seit Wochen fester Bestandteil in der Berichterstattung nationaler und internationaler Medien. Immer wieder wird von Militärbeobachtern und Blauhelmen gesprochen, die im Auftrag der Vereinten Nationen oder anderer Organisationen, zum Beispiel der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) unterwegs sind. Was ist das genau?

Blicken wir in unsere Eifelregion, dann finden wir mit Hauptmann Volker Lossner einen in Schmidt beheimateten Offizier der Bundeswehr, der auf mehrere Einsätze als Militärbeobachter zurück blicken kann.

„Ich habe mich im Jahr 2005 für die Ausbildung zum internationalen Militärbeobachter gemeldet, da ich bereits als junger Soldat in den 80er Jahren durch Vorgesetzte für diese Tätigkeit sensibilisiert wurde“, sagt der an der Technischen Schule Landsysteme und Fachschule des Heeres für Technik in Aachen dienstleistende Berufsoffizier.

Erster Einsatz in Georgien

Lossner fand die Idee, als Militärbeobachter ohne Waffen seinen Beitrag zum Frieden in der Welt zu leisten, sehr interessant und absolvierte nach seiner Auswahl für diese Tätigkeit eine umfangreiche, fordernde und zielgerichtete Ausbildung beim UN-Ausbildungszentrum der niederländischen Armee in Amersfoort.

Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt wurde Lossner klar, dass im Gegensatz zu den klassischen militärischen Einsätzen nicht der Einsatz von Waffen, sondern die Ansprache, Verhandlungsgeschick und Diplomatie im Mittelpunkt seines Wirkens stehen sollte.

Sein erster Einsatz als Militärbeobachter begann im September 2006 im Auftrag der Vereinten Nationen. Als einer von drei deutschen Offizieren nahm Lossner an der UNOMIG Mission (United Nations Observer Mission) in Georgien teil. Für sieben Monate war er Teil einer international zusammengesetzten Truppe von ca. 150 Offizieren, mit dem Auftrag, die Einhaltung des Waffenstillstandsvertrages und einer Restricted Weapon Zone (RWZ) zwischen Georgien und der Teilrepublik Abchasien zu überwachen. Das Ziel lautete, ein tägliches Lagebild für das UN-Hauptquartier in New York zu generieren.

Der Einsatz brachte ihm tiefe Lebenserfahrungen: „Unser Sektor-Hauptquartier hatten wir in Gali, einer einst unter sowjetischer Führung blühenden Kleinstadt mit 15 000 Einwohnern, die dann aber nahezu völlig zerstört und ohne jegliche öffentliche Infrastruktur war. Jedes zweite Haus lag in Trümmern, und da es Wasser und Strom nur zeitweise gab, haben wir gelernt mit sehr, sehr wenig für das tägliche Leben auszukommen“, erläutert Lossner das Erlebte.

Die Gefährlichkeit seiner Mission erlebte Hauptmann Lossner an einem Kontrollpunkt nahe der zu überwachenden Grenze, in Sichtweite der abchasischen, russischen und georgischen Kräfte , als er und einer seiner Kameraden die Kalaschnikows bewaffneter lokaler Zivilisten an ihren Köpfen spürten; ein deutliches Zeichen, dass die Militärbeobachter der UN nicht überall willkommen sind.

In Lebensgefahr

Dies traf auch bei seinem zweiten Einsatz als Militärbeobachter 2008 zu, dieses Mal im Auftrag der OSZE. Lossner gehörte einem Team von 20 internationalen Offizieren an, die die Einhaltung des Waffenstillstandsabkommens zwischen Russland und Georgien nach dem Fünf-Tage-Krieg im August zu überwachen hatten. Süd-Ossetische Milizen beließen es hier nicht bei Drohungen bzw. Bedrohungen sondern eröffneten das Feuer und beschossen die Fahrzeuge der OSZE-Beobachter mit Handfeuerwaffen. „Unsere geschützten Fahrzeuge haben uns damals das Leben gerettet. Das war eine weitere sehr tiefe und nachhaltig prägende Lebenserfahrung“, sagt Lossner im Nachhinein über diese lebensgefährliche Situation.

Mit diesen Erfahrungen im Hinterkopf bezeichnet er die Situation der kürzlich durch pro-russische Separatisten in der Ukraine festgehaltenen OSZE–Militärbeobachter als „sehr kritisch und sehr ernst. „Niemand kann sich von außen eine solche Lage vorstellen, niemand kann diesen Druck in Lebensgefahr zu sein nachvollziehen und niemand weiß letztendlich, wie die Sache ausgeht“, so Lossner mit tiefer Zufriedenheit über den letztlich unblutigen Ausgang dieser Geiselnahme.

Im Dezember 2012 saß der Offizier aus der Eifel mit neun weiteren Kameraden auf gepackten Koffern, um im Auftrag der Vereinten Nationen nach Syrien zu reisen. Dieser Einsatz wurde aber durch die UN eingestellt, da das Gefährdungspotenzial für Militärbeobachter zu hoch war. Durch diese Absage begann Lossners nächster Einsatz dann erst im Januar 2013.

Für sieben Monate wurde er in den Sudan nach Dafur entsandt; dort war er Teil eines zehn Mann starken Teams, das im Stab der UNAMID (United Nations-African Union Hybrid Mission in Darfur) Dienst leistete. Kernauftrag war die Unterstützung des Darfur-Friedensabkommens vom 5. Mai 2006 sowie der derzeit unter Leitung des Sondergesandten der Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union geführten Friedensverhandlungen. Mit einer Beteiligung von nahezu 25 000 Personen aus 48 Nationen ist es die zweitgrößte Friedensmission der Welt.

Der Auftrag war diesmal erweitert. Er ging über das Beobachten und Sammeln von Informationen hinaus; auch die Anwendung von Gewalt zur Verhinderung von Störungen und bewaffneten Angriffen sowie zum Schutz von Zivilisten war eingeschlossen. „Auch dieser Einsatz mit diesem robusten Mandat war hochspannend und ebenfalls gefährlich. Er hat bei mir aber ein sehr differenziertes Bild von Afrika hinterlassen“, bilanziert Lossner seinen dritten Observer-Einsatz in seiner ruhigen und sachlichen Art.

1980 ist Volker Lossner in die Bundeswehr eingetreten. Damit erfüllte er sich seinen von Jugend an gehegten Berufswunsch. „In meinen nahezu 34 Dienstjahren habe ich durchweg in allen Verwendungen sehr positive Erfahrungen machen können. Ich habe nicht zuletzt durch meine Einsätze viel von der Welt gesehen und viele für mich wichtige und prägende, unterschiedlichste Eindrücke und Erfahrungen gesammelt.“

Auch der Familie sei immer klar gewesen, „dass zu meinem Beruf auch Auslandseinsätze gehören, die auch Gefahren mit sich bringen. Meine Frau hat in all‘ den Jahren meines Berufslebens meine Entscheidungen mitgetragen und mir insbesondere in der Zeit meiner Einsätze den Rücken frei gehalten. Für uns Soldaten im Auslandseinsatz ist es sehr wichtig zu wissen, dass unsere Familien während unserer Abwesenheiten gut aufgehoben sind“, sagt der Vater von zwei Söhnen.

Hohes Maß an Flexibilität

Seine Tätigkeit erfordere ein sehr hohes Maß an Flexibilität, sei man doch letztendlich 24 Stunden am Tag auf sich allein gestellt. „So müssen wir uns in jedem Einsatz eigenständig ohne große Unterstützung um Unterkunft und Verpflegung kümmern, und hatten zeitweise lageabhängig bis zu 49 Tage Dienst ohne Unterbrechung.“

Grundsätzlich hätten große Teile der Bevölkerung in den Krisenregionen hohe Erwartungen an die internationalen Militärbeobachter. Lossner: „Als Offiziere der Bundeswehr haben wir sowohl in Afrika als auch im Kaukasus keinerlei Negativerlebnisse bzw. Ressentiments bezüglich unserer Nationalität erfahren. In beiden Einsatzgebieten konnten wir ein hohes Ansehen Deutschlands und auch der Bundeswehr feststellen.“

Volker Lossner denkt, dass er an keinem weiteren Einsatz mehr teilhaben wird, „da meine Restdienstzeit dafür nicht mehr ausreicht“. Er werde aber im Herbst für einige Wochen nach Peru reisen, um dort im Auftrag der Bundeswehr die Ausbildung von südamerikanischen Soldaten zu Militärbeobachtern für die UN zu unterstützen. „Ich wünsche mir nur, dass alle Kameraden die an solchen Friedenseinsätzen teilnehmen, gesund und wohlbehalten wieder nach Hause zurückkehren“, sagt Lossner.

Allein beim oben erwähnten Einsatz im Sudan sind seit 2008 bereits 140 UN-Soldaten ums Leben gekommen.

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