Ärztlicher Notdienst: Mitbegründer der Notfallpraxis äußert sich

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Dr. Hans-Dieter Hege hat die Notfallpraxis im Simmerather Krankenhaus mit aufgebaut: Ihn ärgert die Art und Weise, wie die Diskussion über die Neuordnung des ärztlichen Notdienstes geführt wird. Er fordert mehr Solidarität mit den Menschen auf dem Land. Foto: A. Gabbert

Nordeifel/Stolberg. Vielen Menschen in Monschau, Simmerath und Roetgen bereiten die möglichen Auswirkungen der Neuorganisation des ärztlichen Notdienstes Sorgen. Die Befürchtung ist, dass die Notfallpraxis im Simmerather Krankenhaus in ihrer Erreichbarkeit eingeschränkt oder sogar ganz geschlossen werden könnte. Am Mittwoch könnte eine Entscheidung fallen.

Unser Redakteur Andreas Gabbert hat mit Dr. Hans-Dieter Hege gesprochen, der damals für die Gründung der Notfallpraxis maßgeblich mitverantwortlich war.

Herr Hege wie gut sind Sie mit der Notfallpraxis und den damit verbundenen Herausforderungen vertraut?

Hege: Mittlerweile bin ich zwar schon fünf Jahre im Ruhestand, nachdem ich knapp 25 Jahre als niedergelassener Landarzt in Konzen tätig war. Zuvor war ich knapp fünf Jahre im Krankenhaus Simmerath in verschiedenen Abteilungen tätig. Die bis jetzt existierende Notfallpraxis habe ich zu wesentlichen Teilen aufgebaut, so dass ich mich auch heute noch in der Materie auskenne.

Warum ist die Notfallpraxis für die Eifel so wichtig? Es gibt doch niedergelassene Ärzte, und im Notfall gibt es ja auch noch den Rettungswagen und das Krankenhaus.

Hege: Die Notfallpraxis ist für die Fälle wichtig, die nicht so gravierend sind, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssten, aber doch so schwer, dass sie nicht bis zum nächsten Morgen warten können. Das kann zum Beispiel ein älterer Mensch sein, der aufgrund seiner Bandscheibenprobleme nicht mehr aus dem Bett kommt, oder auch ein Kleinkind mit hohem Fieber.

Wird man denn in einigen Fällen nicht ohnehin von der Notfallpraxis weiterverwiesen?

Hege: Einfache Erkrankungen sollten von jedem diensthabenden Arzt behandelt werden können. Wenn der Kollege in bestimmten Fällen nicht sicher ist, ist es manchmal besser, noch einen Facharzt zu kontaktieren. Gerade bei Kindern ist das eine sehr sensible Geschichte. Im Prinzip wird das aber nicht anders gehandhabt als im täglichen Praxisbetrieb auch.

Die Tendenz geht in Richtung einer immer stärkeren Zentralisierung. Was würde eine solche Zentralisierung für die Notfallpraxis und die Eifel bedeuten?

Hege: Das stimmt. Auch in der kassenärztlichen Verwaltung gibt es die Tendenz einer immer stärkeren Zentralisierung. Was allerdings der Qualität und den regionalen Besonderheiten häufig nicht Rechnung trägt. Soweit ich weiß, ist im Gespräch, die Dienstzeiten einzuschränken, insbesondere an niedrig frequentierten Tagen. Sicherlich gibt es Tage, an denen nur wenige Menschen in die Notfallpraxis kommen. Als Patient kann ich mir aber nicht aussuchen, wann ich krank werde. Ähnlich wie bei der Diskussion um den Erhalt des hiesigen Krankenhauses, würde auch im Bereich der Notfallpraxis die ärztliche Versorgung dramatisch an Qualität und Bürgernähe verlieren. Es ist schon jetzt schwierig, im Krankheitsfall zu Zeiten des Apotheken-Notdienstes Medikamente zu besorgen. Nun kann man dieses Problem noch mit Hilfe von Nachbarn oder Freunden lösen. Wenn sie aber einen kranken Menschen erst nach Stolberg, Eschweiler oder ins Klinikum nach Aachen fahren müssen, ist das alles schon ganz anders – jetzt im Winter erst recht. Ich verstehe auch nicht die Gründe dafür, dass die Notfallpraxis verlegt oder in ihren Dienstzeiten eingeschränkt werden soll.

Muss ein Arzt auf dem Land denn öfter Notdienst leisten als sein Kollege in der Stadt?

Hege: In der Vergangenheit war der Unterschied sehr deutlich. Deshalb habe ich schon früh gesagt, dass es schwierig wird, die Stellen der Landärzte neu zu besetzen. Viele sind heute nicht mehr bereit, zusätzliche Belastungen auf sich zu nehmen. Die Praxen sind auf dem Land in der Regel größer und es gibt mehr Hausbesuche. Da kommt man schnell auf eine 60-Stunden-Woche. Früher gab es in Monschau, Simmerath und Roetgen jeweils einen eigenen Notdienst, so kam man im Jahr auf 40 Notdienste. Durch die gemeinsame Notfallpraxis konnten wir diese Zahl auf neun Dienste pro Jahr senken. Die Zielvorgabe der Kassenärztlichen Vereinigung liegt bei sieben Notdiensten.

Das ist ja gar nicht so weit auseinander.

Hege: Ja. Es wird aber argumentiert, man wolle den Ärzten Luft verschaffen. Das haben wir mit der Einrichtung der Notfallpraxis aber ja schon getan.

Und wie sieht das finanziell aus?

Hege: Das ärgert mich immer wieder. Wenn man etwas marktwirtschaftlich denkt, sollte man den Einsatz der Landärzte auch entsprechend honorieren und mehr zahlen. Bisher gab es den Versuch, die Ärzte mit einer einmaligen Zahlung anzulocken, wenn sie sich auf dem Land niederlassen. Dieser Effekt erlischt doch nach kurzer Zeit, der Kollege muss eine Perspektive bekommen, die auf lange Sicht ausgelegt ist. Ich kann die gebetsmühlenartig vergossenen akustischen Krokodilstränen der Politiker nicht mehr ‚hören‘, wenn die Not der Nachbesetzung von großen Landarztpraxen beklagt wird.

Was wäre Ihr Vorschlag?

Hege: Der einfachste Anreiz wäre der, dass man Landarztpraxen einfach besser honoriert. Tatsächlich ist das Gegenteil aber der Fall: Große Praxen, die viele Patienten versorgen, erhalten ab einer bestimmten Patientenzahl weniger Honorar, das geht bis zu einer ‚Abstaffelung‘ von 75 Prozent. Das heißt, dass diejenigen, die viel arbeiten – und das geht nur, wenn man auch in der Zeit arbeitet, in der andere Menschen bereits Feierabend haben – dafür in der Form ‚belohnt‘ werden, dass sie für ihre Überstunden nur noch ein Viertel ihres normalen Honorars bekommen. Es liegt auf der Hand, dass viele Kollegen lieber in der Stadt arbeiten wollen – mit bequemen Sprechzeiten, kulturellem Angebot, kurzen Wegen, keinen Hausbesuchen und so weiter. Das liegt alles im gleichen Themenbereich wie die Notfallpraxis.

Wie ist der Zusammenhang genau zu verstehen?

Hege: Es gibt Notfallpraxen, zum Beispiel in Ballungszentren, die finanziell sehr attraktiv sind. Meiner Meinung nach sollten alle Notfallpraxen in einen Topf geworfen und die Fixkosten auf alle umgelegt werden. Da wäre ein bisschen mehr Solidarität sinnvoll. Bei diesem Volumen würde das keinem weh tun.

Wie ist das denn bisher geregelt?

Hege: Die Notfallpraxis wird von den hier niedergelassenen Ärzten alleine finanziert. Die Kosten werden quartalsmäßig durch die Kassenärztliche Vereinigung vom Honorar abgezogen, keine öffentliche Hand gibt da etwas dazu.

Wie ließe sich die ärztliche Versorgung auf dem Land denn generell verbessern?

Hege: Indem man die Arbeitsbedingungen attraktiv hält. Wenn man versucht, die Rahmenbedingungen zu verschlechtern, erweist man damit niemandem einen Dienst. Im Vordergrund dieser Debatte sollten nicht die Ärzte stehen, sondern die Qualität der Versorgung für die Patienten.

Kann man gegen die Entscheidung, je nachdem wie sie ausfallen wird, überhaupt etwas machen?

Hege: Das kann ich nicht beurteilen, aber ich fürchte nein. Das kann man dann zwar demokratisch nennen, aber die regionalen Besonderheiten werden nicht berücksichtigt.

Warum sind Sie damals denn überhaupt Landarzt geworden?

Hege: Das war immer mein Ziel. Es ist eine sehr schöne Tätigkeit, da man ein sehr intensives Verhältnis zu den Patienten hat. Man kennt die Leute und die Leute kennen einen auch. So hat die Familienmedizin hier in der Eifel noch einen ganz anderen Stellenwert. Hier kann man keine halben Sachen machen. Entweder ist man voll dabei oder gar nicht. Das kann belastend, aber auch eine Herausforderung sein.

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