„Aafmöler“: Josef Haas war der erste Fotograf der Nordeifel

Von: Peter Stollenwerk
Letzte Aktualisierung:
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Josef Haas‘ Enkeltochter Irmgard Goffart kümmert sich um den fotografischen Nachlass ihres Opas. Mit Plattenkameras Marke Eigenbau fotografierte Haas bis zu seinem Tod im Jahr 1966.
Fotograf
Josef Haas in seinem Studio in Witzerath mit einer Landschaftsansicht des Kalltals als Hintergrund.
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Bei der Erstkommunion von Enkeltochter Irmgard durfte Josef Haas als Mann hinter der Kamera nicht fehlen. Der Fotograf ließ sich Zeit bis die Gruppe die geforderte Position eingenommen hatte.

Witzerath. Wann genau Josef Haas seine erste Fotoaufnahme machte, ist nicht bekannt, aber es dürfte kurz nach 1900 gewesen sein, als der junge Mann aus Witzerath sein selbstgebautes „Pappdeckelkästchen“ in die Hand nahm und minutenlang eine mit Fotoemulsion beschichte Glasplatte belichtete.

Zu diesem Zeitpunkt war die Fotografie zwar seit gut 50 Jahren erfunden, aber ein aufwändiges Abenteuer war das Erstellen von Lichtbildern immer noch. Bis zu seinem Tod am 12. Juni 1966 dürften es rund 50 000 schwarz-weiß-Aufnahmen gewesen sein, die Josef Haas in seinem Labor entwickelte.

Auch 50 Jahre nach seinem Tod ist Haas, der als erster Fotograf der Nordeifel gilt, vielen noch ein Begriff, am ehesten wohl unter seinem Beinamen „Aafmöler“. Die Fotografie setzte vor 100 Jahren die Menschen noch in Erstaunen, was Haas wohl zu seinem „Künstlernamen“ verholfen haben dürfte. Wenn man Eifeler Fotoalben aus der Vor- und Nachkriegszeit betrachtet oder in Eifeler Wohnstuben altehrwürdige Schwarz-weiß-Porträts vorfindet, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass einige dieser Aufnahmen das Werk des „Aafmölers“ sind.

Der vielseitige und später als Fotograf auch viel beschäftigte Josef Haas wurde am 22. Juni 1876 in Witzerath geboren. Hätte er im Herbst 1944 nicht selbst dafür gesorgt, dass ein Großteil seines Lebenswerkes vernichtet wurde, dann wäre sein fotografischer Nachlass weitaus umfangreicher ausgefallen. Als die Front ein gutes halbes Jahr vor Kriegsende in die Eifel rückte, lud Josef Haas rund zehn Zentner seiner Fotoplatten auf eine Handkarre und zerschlug sie auf einer Müllkippe am Rande von Simmerath.

Josef Haas ahnte Schlimmes in diesen ungewissen Zeiten und ging auf Nummer sicher. Es sollte sich niemand an seinem Lebenswerk zu schaffen machen. Die noch verbliebenen Kameras, allerhand eigenwilliges Zubehör, Stative, Baryt-Papiere und Fotoabzüge sind der Nachwelt erhalten geblieben. Dafür sorgt Irmgard Goffart, geb. Haas, die Enkeltochter des Fotografen, die in ihrem Haus in Witzerath ihrem Opa eine kleine Ausstellungsecke gewidmet hat. Auch Jahrzehnte nach dessen Tod erinnert sie sich immer noch gerne an ihren Großvater: „Er war ein Tüftler; er konnte einfach alles.“

In erster Linie war Josef Haas Schreiner. In seiner Lehrzeit in Haaren lernte er einen Gesellen kennen, der sich für die Fotografie interessierte und den jungen Mann aus Witzerath damit auf Anhieb begeisterte. Jahrelang vertiefte er sein Wissen, ehe er seine ersten Plattenkameras selber baute. Seine aus Woffelsbach stammende Ehefrau Luzia war im Übrigen nicht sonderlich begeistert vom Hobby ihres Ehemannes, erst recht nicht, wenn dieser sich in den Bus setzte, um in Aachen viel Geld auszugeben für Fotozubehör und Chemikalien. Aber Josef Haas blieb beharrlich seiner Leidenschaft treu und meldete sogar im Jahr 1903 seine Fotografen-Tätigkeit bei der Handwerkskammer an, obwohl er hauptberuflich weiter das Schreinerhandwerk ausübte.

Auftragswelle vor dem Krieg

Die neugierige Fotokundschaft ließ nicht lange auf sich warten. Haas richtete sich ein kleines Fotostudio ein, und den bis heute erhaltenen Hintergrund für seine Aufnahmen, eine Ansicht des Kalltals, malte der Alleskönner natürlich selbst. Wohl wissend, dass bei der Fotografie gutes Licht Gold wert ist, versah er sein kleines Studio sogar mit einem Schrägdach aus Glas. In einer anderen Ecke des Hauses richtete er sich eine kleine Dunkelkammer ein, und bald sprach sich im Kreis Monschau herum, dass in Witzerath ein Fotograf seine Dienste anbietet, vor allem sonntags und nach Feierabend. Der Aufwand, mit dem damals die Fotografie verbunden war, ist kaum noch vorstellbar, denkt man nur ans stundenlange Kopieren der Bilder oder das Entzünden des explosiven Blitzlichtpulvers.

Die erste Auftragswelle setzte bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges ein. Hunderte junger Männer, wie auch später im Zweiten Weltkrieg, ließen sich vor ihrer Abkommandierung an die Front in Uniform porträtieren, damit sich die bangenden Mütter die Bilder daheim aufstellen konnten. Das Schicksal fügte es, dass Josef Haas auch selbst drei seiner Söhne im Zweiten Weltkrieg verlor.

In den Notzeiten nach dem Ersten Weltkrieg bedurfte es für den Fotografen einiger Fantasie, um an die notwendigen Chemikalien zu gelangen. Als Nebenerwerbslandwirt konnte Josef Haas in Aachen Butter gegen Fixiersalz oder Entwicklerlösung eintauschen.

Der Eifelfotograf entwickelte in früher Zeit bereits einen erstaunlichen Geschäftssinn, indem er durch die Dörfer zog und typische Ortsansichten ablichtete. Ein Verlag vermarktete diese Motive als Ansichtskarten. Was nicht weniger erstaunt, ist die Tatsache, dass Josef Haas eine große Reiselust entwickelte, was in den Eifeldörfern einst die große Ausnahme darstellte. So besuchte er im Jahr 1937 die Weltausstellung in Paris, und auch 1952 bei der Weltausstellung in Brüssel war er zugegen, als dort das Atomium eröffnet wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hing Josef Haas seine Fotoapparate keineswegs an den Nagel. Im Familien- und Bekanntenkreis war der „Aafmöler“ immer noch gefragt, und Irmgard Goffart weiß noch, wie bei ihrer Erstkommunion im Jahr 1960 der Opa die Gäste für ein Gruppenfoto nach seinen Vorstellungen in Position rückte. „Das war ein langwieriger Akt“, erinnert sich Irmgard Goffart. „Es dauerte unendlich lange, ehe jeder an seinem zugewiesenen Platz stand und der Opa dann hinter seiner Kamera unter einem schwarzen Tuch verschwand.“

Die Freude am Experimentieren begleitete Josef Haas sein Leben lang, wie ein kleine Serie von Selbstporträts zeigt, die er Ende der 1950er Jahre aufnahm. Auch eine Doppelbelichtung findet sich unter den Aufnahmen. Dieses Motiv dürfte wohl aus Versehen entstanden sein, denn für solche Experimente war das Fotografieren damals wohl viel zu teuer.

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