60 Jahre Unwissenheit über die eigene Identität

Von: ag
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Stellten das Buch „Kriegskind
Stellten das Buch „Kriegskind - die Suche nach meinem amerikanischen Vater” offiziell vor: Autor Paul Schmitz, Guido Bertemes, Geschäftsleiter des GEV und Verleger Alfred Küchenberg. Foto: A. Gabbert

Kalterherberg. Seinen Vater hat er nie gekannt. Paul Schmitz ist ein Kriegskind. Erst 60 Jahre nach dem Krieg hat er den Mut gefunden, seine Identität zu erforschen und nach seinem Vater zu suchen. Die Recherchen dauerten fünf Jahre. Sie endeten in den USA.

„Wenn man älter wird, rückt die Kindheit näher. Man will doch wissen, wohin die Wurzeln führen”, sagt Paul Schmitz, der seine Erlebnisse jetzt in einem Buch verarbeitet hat.

Doch zunächst schien die Suche fast aussichtslos. Als seine Mutter 1974 starb, war Paul Schmitz 29 Jahre alt. Über seinen Vater hatte sie ihm nie etwas erzählt. Ihm war nur der Name „John” bekannt, und dass er ein amerikanischer Soldat war. Weitere Angaben hatte ihm seine Mutter nicht gemacht. „Meine Recherchen konnten nur Erfolg haben, wenn ich Zeitzeugen finden würde, die sich an Soldaten erinnerten, die in der Zeit zwischen Dezember 1944 und Januar 1945 in Sourbrodt stationiert waren, denn dort und in dieser Zeit hatte meine Mutter John kennengelernt”, erzählt Schmitz.

„Nach dem Krieg hatten viele Kinder ein gleiches Schicksal. Einige konnten die fehlende Identität früh klären, viele jedoch bis heute nicht. So begann mein Leben als Kriegskind ohne Vater”, schreibt Schmitz. Das Leben eines unehelichen Kriegskindes in einem Dorf, wo jeder jeden kennt, war nicht einfach. Das Tuscheln hinter vorgehaltener Hand war für ihn besonders deprimierend, zumal er als kleiner Junge den Grund dafür überhaupt nicht verstand, er merkte nur, dass er anders behandelt wurde als die anderen Kinder.

Bei Feierlichkeiten wie der Kinderkommunion, Kirmes und anderen Festen begleitete ihn entweder sein Pate oder sein Onkel Leo - als Ersatz für seinen Vater. Während der Schulzeit musste er Demütigungen ertragen. Immer wieder fragte er sich: „Warum ich?” Er wurde gehänselt, öfter wurde ihm nachgerufen: „Du Amerikaner!” Oder: „Du Amy!” Oder auch: „Watt well dä Amy!” Warum und weshalb er so gehänselt wurde, wusste er zu dieser Zeit nicht. Andere wussten mehr als er.

Zähe Spurensuche

Anfangs verlief die Spurensuche sehr zäh. Nicht alle Zeitzeugen, die Schmitz ansprach, wollten über die Kriegsjahre sprechen. „Es sah wenig verheißungsvoll aus. Man merkte, das war ein dunkles Thema.” Doch Schmitz wollte Licht in die Sache bringen. Bei seiner weiteren Suche traf er auf Personen, die schließlich doch bereit waren, mit ihm über diese Zeit zu sprechen. Schmitz sammelte alle Informationen wie Mosaiksteinchen und fügte sie nach und nach zusammen.

Paul Schmitz musste 64 Jahre warten, bis er wissen durfte, ob er seinen Vater gefunden hat oder nicht. Die letzte Gewissheit erlangte er durch eine DNA-Analyse. Zur Klärung seiner Identität und um definitiv Gewissheit zu erlangen, ob der von ihm gesuchte John sein Vater ist, ließ er nach vierjährigen mühevollen Recherchen einen DNA-Test machen.

Bis dahin musste Schmitz aber auch mit Enttäuschungen fertig werden. Hin und wieder war er kurz vor dem Punkt, alles aufzugeben. „Doch die Hoffnung stirbt zuletzt.” Neue Gespräche und Informationen haben ihn doch immer wieder zum Weitermachen bewegt.

Seine Geschichte beginnt am 6. Juni 1944 mit der Landung der Alliierten in der Normandie. Im Herbst hatten die amerikanischen Soldaten Schmitz Heimatdorf Kalterherberg erobert. Bald darauf wurde das Dorf evakuiert. „Über dem Ort lag dunkler Smog der Flugzeuge, die über Kalterherberg flogen. Die Evakuierung begann kurz vor Anbruch eines der düsteren Tage im November, dem Monat der Depression. Diese Eindrücke begleiteten die Evakuierten und auch meine Mutter. Man wusste nicht, wohin der Weg führt. Die Evakuierung der Familie meiner Mutter erfolgte ins benachbarte Belgien, nach Sourbrodt”, schreibt Schmitz in seinem Buch. Am 16. Dezember 1944 begann die Ardennenoffensive. Zu dieser Zeit war sein Vater in Sourbrodtt stationiert.

Das Geheimnis, wie seine Mutter den Soldaten John kennengelernt hat, konnte Schmitz nicht klären. Seine Mutter hat die kurze Bekanntschaft ihrem Vater und ihren Schwestern so lange geheim gehalten, bis sie wieder mit der Familie in Elternhaus nach Kalterherberg zurückgekehrt war. Aus Angst. Als die Schwangerschaft nicht mehr zu verheimlichen war, hat sie es gebeichtet und ihr Vater reagierte verständnisvoller als erwartet: „Gret, mach dir keine Sorgen, wir kriegen dein Kind auch mit großgezogen”, sagte er damals.

Diese Reaktion war nicht selbstverständlich. „Viele Mütter mit ihren Neugeborenen mussten sehen, wie sie ihr neues Leben bestritten und sich eine Wohnung suchen, denn Kriegskinder galten als Kinder der Schande.” Seine Erziehung war Teamarbeit. Die Familie bestand aus dem Großvater und seinen vier Töchtern. Die Schwestern seiner Mutter spielten eine große Rolle. „Bei meiner Mutter und meinen Tanten war ich gut aufgehoben. Über meinen Vater wurde zu Hause nicht gesprochen.”

Zahlreiche Gespräche mit Zeitzeugen gaben ihm Anhaltspunkte und führten ihn nach langem Hin und her auf eine Spur, die schließlich in die Irre führte. Doch die Suche ging weiter, bis ihm ein Foto in die Hände fiel, das den Soldaten John K. zeigte. „Es erinnerte mich an ein Foto von mir und ich sah Ähnlichkeiten. Eine Zeit lang hatte ich dieses Foto tagtäglich betrachtet, bevor ich mich entschied, Näheres zu ermitteln”, schreibt Schmitz.

Er fand heraus, dass John K. in den USA als Arzt gearbeitet hatte, zwei Töchter hatte und 1994 gestorben war. Schmitz suchte den Kontakt zu den Töchtern, schrieb Briefe und erzählte von seiner Geschichte. Wider Erwarten gingen diese offen mit dem Thema um und zeigten sich bereit, bei der Suche zu helfen. Nach einem intensiven Schriftverkehr schlug Schmitz einen DNA-Test vor, um endgültig Gewissheit zu erlangen, ob seine Suche ein Ende gefunden hat.

„Am 4. Januar 2010 begann das neue Jahr für mich mit einer erfreulichen Mitteilung. 65 Jahre nach der Beziehung meiner Mutter mit dem amerikanischen Soldaten John bekam ich mitgeteilt, dass dieser John laut DNA-Analyse mein Vater ist”, sagt Schmitz. Jetzt gab es nur noch ein Ziel: So Schnell wie möglich an das Grab des Vaters zu gelangen und die Halbschwestern persönlich kennenzulernen. Am 3. September war es soweit, Paul Schmitz stand zum ersten Mal im Kreis seiner neuen Familie.

Seit der Aufarbeitung meiner Identität wurde mir meine Kindheit als Kriegskind bewusster. Da ich immer schweigsam war, fehlte mir lange der Mut, zu fragen. In meinem Kopf schlummerte das Trauma der Angst vor Demütigungen, die ich so oft hatte erfahren müssen. Über meine Identität war nie offen geredet worden. (...) So entstanden in mir Abgründe, in denen ich mich selbst nicht mehr verstanden fühlte. Das war jetzt vorbei. Meine Seele war wieder gesund.” Mit diesen Worten beendet Paul Schmitz sein Buch „Kriegskind - Die Suche nach meinem amerikanischen Vater”, das jetzt im GEV-Verlag erschienen ist.

Das Buch „Kriegskind - Die Suche nach meinem amerikanischen Vater” wurde jetzt in der Monschauer Geschäftsstelle der Sparkasse offiziell vorgestellt.

Es ist im Grenz-Echo-Verlag erschienen. 160 Seiten, 14 x 22 cm, Paperback mit zwei Umschlagklappen. Der Preis beträgt 15 Euro. ISBN 978-3-86712-071-5.

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