24 Stunden-Job: Demenzkranken Partner durch den Alltag begleiten

Von: Peter Stollenwerk
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Gemeinsam der Demenz begegnen: Der 80-jährige Leo Lauscher weiß sich bei Ehefrau Maria und Tochter Monika in guten Händen. Dr. Ulrich Albert möchte das Thema Demenzerkrankungen stärker ins öffentlichen Bewusstsein rufen. Foto: P. Stollenwerk

Steckenborn. Die Wende kam bei einer Ausflugsfahrt nach Belgien. Maria Lauscher war mit ihrem Ehemann Leo unterwegs, als dieser das Auto plötzlich auf den Bürgersteig lenkte, er kurz die Kontrolle verlor und dann im Straßengraben landete.

Zum Glück wurde niemand verletzt, es entstand auch kein Sachschaden und man konnte unversehrt die Heimfahrt antreten. „Ich werde nie mehr ein Auto anfassen“, sagte Leo Lauscher an diesem Tag. Das war 2004.

Schon einige Zeit vorher war Maria Lauscher aufgefallen, dass ihr Ehemann häufiger Aussetzer in seinem Gedächtnis hatte. Er vergaß gelegentlich die Namen der engsten Angehörigen, und wenn er denn ganzen Tag draußen im Schuppen mit Holz arbeitete, „dann habe ich nie ein Ergebnis gesehen.“

Maria Lauscher hatte schon eine Vorahnung als sie wenig später mit ihrem Mann die Praxis ihres Hausarztes Dr. Ulrich Albert in Kesternich besuchte. Der Mediziner machte auch kein Geheimnis aus seiner Feststellung, und Maria Lauscher wollte auch wissen, was Sache ist. Alzheimer lautet die Diagnose.

Seit zehn Jahren lebt Maria Lauscher(74) jetzt mit der Kranhkeit ihres Mannes. Der Alltag der gesamten Familie dreht sich fast ausschließlich um den jetzt 80-jährigen Patienten. Die Demenzerkrankung diktiert die Lebensplanung. „Ich hätte nie für möglich gehalten, dass damit soviel Arbeit verbunden sein würde“, sagt die 74-Jährige, die nicht den Eindruck macht, dass das ganze Leben nur noch aus Last und Trauer besteht: „Ich habe mich direkt der Aufgabe gestellt“, erzählt Maria Lauscher, die Vorträge und Seminare besuchte, um einen besseren Umgang mit der Krankheit zu erlernen.

Die Diagnose des Arztes wurde abgesichert durch eine Vielzahl von ärztlichen Tests, wo einfache Dinge der Alltagskompetenz abgefragt wurden.

Um den besseren Umgang mit Demenzerkrankungen im öffentlichen Bewusstsein geht es auch bei der Auftaktveranstaltung „Aktion Demenz“ am 29. April in Simmerath (s. Box). Initiator ist Dr. Ulrich Albert, der weiß, dass bei Menschen über 80 Jahren bereits 25 Prozent von Demenz-Symptomen betroffen sind. Für Deutschland würden jedes Jahr 300000 Neuerkrankungen prognostiziert.

In der Gemeinde Simmerath sind laut Albert aktuell 250 Patienten von Demenz-Symptomen betroffen; die Dunkelziffer ist in dieser Zahl nicht enthalten. „Die Krankheit beginnt schleichend. Oft sind es harmlose Dinge, die erste Anzeichen einer Demenz liefern.“ Nicht verwechseln dürfte man hingegen eine Demenz mit der nicht ungewöhnlich Alters-Vergesslichkeit.

Auch Maria Lauscher hat sich diesen Termin am kommenden Dienstag vorgemerkt, denn der Austausch mit anderen Betroffenen ist ein ganz wichtiger Faktor im Umgang mit der Krankheit.

Seit zwei Jahren wird Leo Lauscher an drei Tagen in der Woche in der Caritas-Pflegestation betreut, wo ein spezielles Sprach- und Gehirntraining stattfindet. Solche Übungen sind aus der Sicht des Mediziners aber nur eine Möglichkeiten im Umgang mit der Krankheit. Für wesentlich nachhaltiger hält er die emotionale Zuwendung. Das gemeinsame Singen in der Tagespflege stößt auf sehr gute Resonanz.

Das kann auch Maria Lauscher nur bestätigen, denn auch sie hat erfahren, worauf es bei der Betreuung eines Demenz-Erkrankten ankommt. Sie spricht von „drei Z“, womit sie „Zeit, Zärtlichkeit und Zuwendung“ meint. Seit dieser Erkenntnis, sagt sie, ist die Begleitung eines Demenzkranken für mich kein Leidensweg mehr. Ich freue mich, dass ich meinen Mann durch das Leben begleiten darf.“ Viel Kraft bezieht Maria Lauscher auch aus ihrem tiefen Glauben. „Das hilft mir sehr.“

Längst hat sich der von der Krankheit bestimmte Alltag im Hause Lauscher eingespielt. Daran hat auch Tochter Monika (54) großen Anteil, die regelmäßig mit ihrem Vater im Garten unterwegs ist.

Aber am Anfang war es für alle schwierig, angemessen mit der Krankheit umzugehen, besonders dann wenn Leo Lauscher plötzlich „den Schalter umlegte“ und sein Umfeld beruhigend auf ihn einwirken musste. Irgendwann man konnte ihn dann nicht mehr Augen lassen, auch eine Unterhaltung war nicht mehr möglich. Er war nicht davon abzubringen, nachts auf die Straße zu gehen, um Steine zu sammeln oder er versuchte Feuer zu machen, allerdings im Holzvorratskorb neben dem Ofen.

Irgendwann fand Maria Lauscher keinen Nachtschlaf mehr. Sechs bis sieben Mal stand sie für ihren Mann auf. Im Jahr 2008 war dann die Grenze der körperlichen Belastung erreicht, abgesehen davon, dass sie durch die ständige Anspannung bis heute 30 Kilogramm Körpergewicht verloren hat.

Leo Lauscher kam dann für sieben Wochen ins Aachener Alexianer-Krankenhaus. Schweren Herzens hatte sich die Familie zu diesem Schritt entschlossen, aber am Ende des Aufenthaltes stand ein Neuanfang. Die Medikamente waren umgestellt worden, und dank des zeitweiligen Aufenthaltes in der Tagespflege läuft die Betreuung jetzt auf einem guten Weg.

Aber das ändert nichts daran, dass Maria Lauscher nach wie vor „rund um die Uhr“ eingebunden ist. „Eigentlich ist man dadurch auch total isoliert.“

Umso mehr freut sie sich deshalb auch auf den September. Dann fährt sie vier Wochen nach Spanien, und darf nach vielen Jahren endlich einmal Urlaub machen. Ihr Ehemann hat in dieser Zeit einen Platz in einem Simmerather Altenheim bekommen.

„Demenz kann jeden treffen“, sagt Dr. Albert, und es bedürfe keiner hellseherischen Fähigkeiten, dass der Umgang mit dieser Krankheit eine größten Herausforderungen der Zukunft im Gesundheitswesen darstellen werde.

56 Jahre sind Maria und Leo Lauscher jetzt verheiratet, und trotz der nach wie hohen Alltagsbelastung durch die Demenzerkrankung hat Mari Lauscher nur einen Wunsch: „Ich hoffe, dass wir noch lange mit ihm zusammenbleiben können.“

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