Es muss in Roetgen nicht Windkraft sein

Von Ernst Schneiders | 10.11.2011, 18:12

Roetgen. Mit einem brillanten Beitrag von Claudia Ellenbeck, sachkundige Bürgerin der Grünen im Bauausschuss, endete eine längere Debatte über eine Potenzialstudie der Gemeinde Roetgen zur Nutzung erneuerbarer Energie und zur Ausweisung von Konzentrationsflächen im Gemeindegebiet.
Das Ergebnis dieser Studie wurde allseits als «ernüchternd» bezeichnet, denn so richtig gut pustet der Wind in Roetgen nirgendwo, auch nicht im Münsterwald, wo die Stadt Aachen auf ihrem Territorium wahrscheinlich zehn Windmühlen von 185 Metern Höhe errichten will.

Das Thema Windenergie lokal in Roetgen bearbeiten zu wollen, bezeichnete Claudia Ellenbeck als «Irrsinn» und betonte, dass nicht alle ihre Ausführungen Fraktionsmeinung seien. Hilfreich sei nur ein Energiekonzept «mindestens auf Ebene der Städteregion, wenn nicht noch höher angesiedelt». Deshalb könne für Roetgen nur gelten: Keine Windkraftanlagen um jeden Preis!

Stattdessen solle man die Natur bewahren und sich auf andere Möglichkeiten der regenerativen Energiererzeugung konzentrieren, für die Roetgen geeigneter sei als für Windkraftanlagen. Dabei müsse man sich darauf einstellen, «ein Stück Komfort» einzubüßen. Dafür erhielt die grüne Politikerin nicht nur den Beifall der Bürgerinitiative gegen den Windpark im Münsterwald, sondern auch den der politischen Konkurrenz.

Dennoch beauftragte der Bauausschuss mit knapper Mehrheit die Verwaltung, überprüfen zu lassen, ob der Bereich westlich der Hahner Straße im Bereich Leyberg, der Bereich südlich der Vennbahntrasse zwischen Birkhahnskopf und Stern sowie der südliche Teil des Münsterwaldes für eine Ausweisung als Windkonzentrationszonen geeignet sind. Diese Ausweisung ist den Kommunen vom Land aufgegeben, auch, um Wildwuchs zu verhindern. Denn Investoren dürfen ihre Anlage dann nur in diesen Zonen errichten.

Das Büro BKR aus Aachen hatte das Gemeindegebiet auf der Suche nach möglichen Konzentrationsflächen unter die Lupe genommen. Richtig viel blieb wegen Ausschlussgründen wie Trinkwasserschutzzone 1, Naturschutzgebiet oder stark gefährdete Arten nicht übrig, und was übrig blieb, bekam vom Deutschen Wetterdienst und von BKR selbst zumeist nur mäßige Noten.

Dabei, so erläuterte Jens Müller vom Büro BKR, bedeute ein mäßiger Referenzertrag nicht automatisch, dass dort eine Windkraftanlage nicht wirtschaftlich zu betreiben sei.

Neben den drei beschlossenen Untersuchungen waren auch noch der Bereich zwischen Rott und Roetgen, westlich des Naturschutzgebietes Struffelt, der Bereich zwischen der Dreilägerbachtalsperre und der Vennbahntrasse sowie der Bereich südlich des Schwerzfelds in die engere Auswahl gekommen, fielen politisch allerdings durch. Die bestehende Zone nördlich des Gewerbegebietes wird wegen der Bebauung im Raerener Ortsteil Petergensfeld nicht mehr für geeignet gehalten.

Wie Markus Leyendecker von der Aachener Firma Adapton in seinen Untersuchungen festgestellt hat, ist in Roetgen ein großes Potenzial für erneuerbare Energien noch ungenutzt. In Roetgen werden pro Jahr 27.700 Megawattstunden (MWh) Strom verbraucht, 29.500 MWh Erdgas und 11.000 MWh nicht leitungsgebundene Energieträger wie Heizöl.

Der derzeitige elektrische Energieverbrauch, so Leyendecker weiter, ließe sich in Roetgen rechnerisch zu 160 Prozent aus erneuerbaren Energien decken. Dabei sei bereits berücksichtigt, dass beim Wind nur Potenziale der «mäßig bis gut» eingestuften Bereiche berücksichtigt wurden, und dass bei der Photovoltaik (PV) nur die Hälfte der geeigneten Dachflächen mit PV-Anlagen ausgestattet sind, die andere Hälfte mit Anlagen zur Wärmeerzeugung.

Derzeit werden nur 327 MWh Strom aus PV-Anlagen eingespeist. Das sind gerade mal 1,2 Prozent des Verbrauchs. Im Bereich der Wärmeenergie könnten in Roetgen rund 104.000 MWh fossiler Brennstoffe ersetzt werden, was statistisch dem 2,3-fachen Wert des Verbrauchs entspricht. Derzeit werden hingegen nur 3600 MWh dieses Potenzials genutzt, was 8,1 Prozent des Verbrauchs ausmacht.

Die auf Aachener und Simmerather Gebiet (in Lammersdorf) ins Auge gefassten Windkraftanlagen werden, prognostizierte Markus Leyendecker, das Landschaftsbild deutlich verändern. Deshalb würden eine oder zwei dieser Anlagen auf Roetgener Gemeindegebiet optisch «nicht ins Gewicht fallen», finanziell schon eher, denn «das Geld sollte in der Gemeinde bleiben». Leyendecker: «Sonst kommt irgendwann ein Investor, baut seine Windkraftanlagen und weg ist das Geld.»

Das sah UWG-Fraktionsvorsitzende Silvia Bourceau genau so. Sollte die Stadt Aachen im Münsterwald ihren Windpark bauen, dann sollte die Gemeinde drei Windmühlen dazustellen. Die Natur sei zerstört und die Optik ohnehin verschandelt, aber dann hätte die Gemeinde «wenigstens wirtschaftlich noch etwas davon». Gegen die Stimme der FDP beauftragte der Bauausschuss die Verwaltung, sich alternativ zur Windenergie weiteren regenerativen Erzeugungsarten zu nähern, um die Potenziale im Gemeindegebiet nutzen zu können.

Denn, auch das offenbarte die Studie: Der Münsterwald ist kein guter, geschweige denn ein ertragsreicher Standort.