Vossenack - Zwischen Bikinifigur-Wunsch und Selbsterkenntnis: die Fastenzeit

Zwischen Bikinifigur-Wunsch und Selbsterkenntnis: die Fastenzeit

Von: Stephan Johnen
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Bedeutet Fasten nur Verzicht,
Bedeutet Fasten nur Verzicht, beispielsweise auf Berliner? Die Franziskaner Pater Michael, Bruder Winfried und Bruder Wolfgang (von rechts) geben Antworten auf diese und andere Fragen. Foto: Johnen

Vossenack. Reicht die Fastenzeit aus, um wieder die perfekte Bikini-Figur zu bekommen? „Für mich stellt sich diese Frage eher selten”, sagt Pater Michael Blasek OFM mit einem Augenzwinkern. Aber diese Frage drücke recht plastisch aus, welchen Zugang Menschen beizeiten zum Thema Fasten haben.

Oft zählen körperliche Aspekte, Verbote, Einschränkungen: „Du sollst nicht” laute die Devise. Schade eigentlich, findet der Franziskaner, denn Fasten könne genauso gut bedeuten, sich manchen Dingen im Leben verstärkt zuzuwenden, anstatt nur den Verzicht in den Vordergrund zu stellen. Fasten sei mehr als die Frage, ob man am Aschermittwoch noch einen Berliner esse oder nicht. Die Rolle, die die Fastenzeit für das Leben eines Menschen spielen kann, ist für Pater Michael sogar eine ganz existenzielle.

Der religiöse Kontext

„Ich ordne das Fasten kurz einmal in den religiösen Kontext ein”, sagt der Franziskaner. In vielen Religionen sei die Fastenzeit eine Vorbereitungszeit auf religiöse Feste. „Menschen brauchen Zeit, um sich auf etwas Besonderes einzustellen”, sagt Pater Michael. Das könne ein religiöses Hochfest ebenso sein wie eine Hochzeit oder ein runder Geburtstag. Um den Geist freizubekommen und den Körper zu kräftigen wird gefastet. Vorfreude sei schließlich die schönste Freude - und das Fasten helfe, Dinge bewusster wahrzunehmen. Will heißen: Fasten ist keine Selbstkasteiung.

Es könne durchaus auch körperliche Gründe geben, eine Zeit lang auf gewisse Nahrungsmittel zu verzichten. Doch auch unter diesem vermeintlich nicht-religiösen Ansatz sei das gleiche Ziel zu erkennen: Das Leben wieder bewusster leben zu können. Verzicht müsse kein schmerzvoller Verlust sein. Gerade die österliche Bußzeit sei kein dunkles Tal, sondern eine Zeit, in der der Blick in die Zukunft gerichtet sein sollte. „Ziel ist die Freude am Leben”, sagt Pater Michael, schließlich werde an Ostern sogar der Tod überwunden.

„Was schafft mir neues Leben?”, lautet daher die Frage, die sich der Franziskaner in der österlichen Fastenzeit stellen wird. Was nimmt uns Menschen die Freude am Leben? Was nimmt uns die Freiheit zu leben? Gleichzeitig gelte es herauszufinden, ob es Dinge gibt, die man zusätzlich tun sollte, etwa mehr Zeit mit Freunden und der Familie verbringen, wieder einen Menschen anrufen, den man lange nicht gesehen hat.

Die Fastenzeit sei ein geeigneter Zeitraum, sein eigenes Leben und die Art und Weise, wie es gelebt wird, auf den Prüfstand zu stellen. „Wir sind mehr für unser Leben verantwortlich, als es uns lieb ist”, fügt Bruder Winfried Abs hinzu. Es sei zu leicht, alles auf die allgemeinen Umstände, den Beruf oder die Wirtschaftskrise zu schieben. „Jeder Mensch träumt von Freiheit. Doch nur wenige haben eine Vision davon, wie Freiheit für sie persönlich aussieht”, steuert Bruder Wolfgang Mauritz zur Diskussion bei.

Auf dem Weg zur vermeintlichen Selbstverwirklichung würden sich Menschen zu oft mit unrealistischen Forderungen und Wünschen beladen - oft einem Automatismus folgend. Das vermeintliche Streben nach Freiheit könne schnell zum Gegenteil und zu Unzufriedenheit führen, zu Zwängen.

Die Fastenzeit sei eine Chance, wieder ein Gespür für das wirkliche Leben zu bekommen und die Diskrepanz zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit auszuloten. „Den Wunsch hinter meinen Wünschen erkennen”, nennt Bruder Winfried diesen Prozess. Es mag aus gesundheitlichen Gründen lobenswert sein, am Ende der Fastenzeit wieder eine perfekte Strandfigur zu haben. „Als Motiv greift es aus meiner Sicht aber deutlich zu kurz.”
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