Zwei Stipendiaten im Heinrich Böll-Haus

Von: Andreas Drouve
Letzte Aktualisierung:
13640408.jpg
Der syrische Literat Ahmed Katlish im Hof des Heinrich-Böll-Hauses in Langenbroich. Foto: Drouve

Kreuzau-Langenbroich. Ein Bühnenstück über seine Heimat Syrien schwebt ihm vor. Ganz ohne Worte. Stattdessen soll Tanz die Inhalte füllen und Gefühle transportieren. Folgt man Autor Ahmed Katlish, wird die Kriegstragik in Syrien extra nicht im Mittelpunkt stehen. „In dem Stück geht es mir um das reale Leben ganz normaler Leute“, sagt der 28-jährige Literat.

Vor ein paar Wochen ist er ins Heinrich-Böll-Haus in Langenbroich gezogen und einer von vier politisch verfolgten Autoren, die dank eines Stipendiums hier untergekommen sind. Im November ist Katlish erstmals in Berührung mit einem kulinarischen Lokalbrauch gekommen. Stefan Knodel, Geschäftsführer des Böll-Hauses, hatte ihm einen Weckmann geschenkt. Aber wie lässt sich „Weckmann“ auf Englisch übersetzen, das Katlish gut spricht? Und wie erklärt man einem Syrer, was überhaupt ein Weckmann ist?

Bis März wird Katlish in Langenbroich leben. Frei von Druck oder Gefahren von außen. In Jordanien, wo er die letzten Jahre zu leben gezwungen war, gehörte eine Dauerüberwachung durch den Geheimdienst zur Regel. Vor seinem Abflug nach Deutschland drückten ihm die jordanischen Behörden ihren „Abschiedsgruß“ in den Pass: Rückkehr verboten.

Katlish, der je ein Buch mit Gedichten und Kurzgeschichten publiziert hat, wurde einmal in Syrien, einmal in Jordanien verhaftet. Radikale Staatskräfte prügelten auf seine Schreibhand ein. Er zeigt die Narben. Nun ist er im Böll-Haus in Sicherheit. Von seinem Schreibtisch schaut er über Teile des Hofes hinweg auf einen Apfelbaum. „Ich bin glücklich, diesen Baum zu sehen. Jordanien ist eine Wüste, aber dieser Baum erinnert mich irgendwie an Syrien“, sagt er.

Auf der Gegenseite des Hofes öffnet Omar al-Jaffal die Tür. Der 29-Jährige stammt aus dem Irak, ist Poet und Journalist. Und äußerst unbequem, wenn man seine Beiträge in Online-Magazinen liest. Da geht es um Korruption im Irak, Diskriminierungen gegenüber Frauen und Minderheiten. Al-Jaffal, der seit Oktober hier ist, liebt die Natur, die ihn in Langenbroich umgibt und inspiriert. Das sei ein immenser Kontrast zu Bagdad, da sei es „extrem laut und verschmutzt.“ Derzeit arbeitet er an drei Buchprojekten gleichzeitig. Und das am liebsten bis tief in die Nacht. Als Flüssigstärkung dient ihm zwischendurch ein Gläschen Bier oder Wein. „Im Irak bekommt man selten Alkohol“, erläutert er. Umso mehr genießt er hier „diese Art von Freiheit.“

Ein besonderer Tag: Heiligabend

Überrascht hat ihn in Deutschland bislang die Hilfsbereitschaft. Als er einmal an einer Haltestelle auf einen Bus wartete, habe ein deutsches Paar angehalten und ihn im Auto zum Bahnhof nach Düren gefahren. Ein anderes Mal habe ihn ein Nachbar aus Langenbroich dort hin mitgenommen. Was er im Eifeldorf vermisst? „Meine Familie und ein kleines Café in Bagdad, wo ich mich mit meinen Freunden treffe. Und den Sonnenuntergang in Bagdad“, bringt es al-Jaffal auf den Punkt.

Was ihn in der deutschen Vorweihnachts- und Weihnachtszeit erwarten würde, wusste er vorher nicht. Ob Weihnachtsmarkt, Glühwein, Krippen – all das ist Neuland. Religiös ist er nicht und zählt damit im muslimisch geprägten Irak zu einer Minderheit. Ebenso wenig hat er einen Draht zum Christentum.

Trotzdem ist sein Bezugspunkt zum Weihnachtsfest ein ganz persönlicher: Heiligabend hat Omar al-Jaffal Geburtstag.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert