„Zug der Erinnerung” bewegt viele Schüler

Von: Christoph Hahn
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Der Geschichte auf der Spur: Vor allem Schüler studierten gestern im „Zug der Erinnerung” die Namen jener Kinder, die von Düren aus in den Tod im KZ deportiert worden sind. Foto: Hahn

Düren. „Crazy, crazy, crazy”, murmelt der junge Mann immer wieder vor sich hin. Eigentlich wartet er im Dürener Bahnhof an Gleis 3 auf den nächsten Regionalexpress nach Köln. Doch der kommt erst in einer guten Viertelstunde.

Und darum nutzt er samt Freundin die Zeit, um auf der anderen Seite des Perrons in einen Waggon zu steigen, der so ganz anders ist als der, mit dem er gleich in die Rheinmetropole fahren wird. „Zug der Erinnerung” steht auf der Seitenwand. Eine Bürgerinitiative schickt ihn auf die Reise - den Menschen und vor allem den Kindern zum Gedenken, die zu Zeiten der Nazidiktatur auf den Schienen der Deutschen Reichsbahn in den Tod verschleppt worden sind.

Betreuer von der Bürgerinitiative

Mitglieder dieser Bürgerinitiative, darunter der Journalist Roland Minor und sein Mitstreiter Stefan Wirtz aus Frankfurt am Main, sind auch jetzt da, um zwischen 8.30 und 20 Uhr auf Gleis 4 Klassen, Gruppen und alle anderen Menschen, denen das Anliegen dieser Initiative gleichfalls am Herzen liegt, in Empfang zu nehmen. Eine Führung durch den ersten Waggon, einen ausgehöhlten ehemaligen Schnellzugwagen, dessen Abteile zu Ausstellungskabinetts umgestaltet worden sind, gibt es nicht. Stattdessen werden die Gäste mit einem kurzen Vortrag auf dem Bahnsteig vorbereitet.

Den Gang durch die Präsentation sollen die Besucher allein absolvieren, sich in aller Ruhe auf Bilder und Biografien einlassen - und sei es dabei jenes Foto von drei später ermordeten Sinti-Kindern aus Dreihausen bei Marburg, das den jungen Mann mit Freundin „crazy” (verrückt) murmeln lässt.

Als erste Schulklasse ist eine neunte aus der Anne-Frank-Gesamtschule in Mariaweiler am Freitag gekommen. Direkt zum Start am Morgen, noch vor der offiziellen Eröffnung mit Landrat Spelthahn, Bürgermeister Larue und Vertretern der Kirchen am Gedenkstein für die jüdischen Schülerinnen im nahen Rurtal-Gymnasium. Roland Minor, der sich für die Arbeit in und mit dem „Zug der Erinnerung” ein Jahr lang beim deutsch-französischen Kulturkanal Arte frei genommen hat, gibt den jungen Frauen und Männern immerhin einen Tipp zum Umgang mit den Zeugnissen des NS-Massenmords: Vor dem Schlafengehen noch einmal ein Gesicht aus der Ausstellung und die Geschichte dazu lebendig werden zu lassen. Genau darum geht es dem Zug und seinem „Bordpersonal”: Den Opfern der braunen Machthaber Namen wie Gesicht und so ihre Würde zurück zu geben.

Die Jugendlichen spüren von Stellwand zu Stellwand den hier ausgebreiteten Schicksalen nach und stehen kurz darauf im zweiten Wagen vor den Porträts der Täter, die die Züge mit den Opfern auf die Reise in den Tod geschickt haben. Mit Handys oder Taschenkameras halten sie alles fest, damit das Gesehene im Unterricht nachbereitet werden kann. Denn der „Zug der Erinnerung” soll weiterrollen - auch und gerade wenn er nicht mehr auf Gleis 4 steht.

Den Strom für den „Zug der Erinnerung” lieferte im Übrigen das THW. Laut dem Bundestagsabgeordneten Oliver Krischer (Grüne) verweigert die Deutsche Bahn wie schon an anderen Stationen „mit fadenscheinigen Gründen” die Stromlieferung. Das sei „beschämend und skandalös”, sagt Krischer, der sich nun mit diesem Thema an die Bundesregierung wenden will.
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