Düren - Zu Zweit ist man weniger allein

Zu Zweit ist man weniger allein

Von: Sarah Maria Berners
Letzte Aktualisierung:
Erinnerungen im Bilderrahmen:
Erinnerungen im Bilderrahmen: Hanna Nass (l.) ist 87 Jahre alt und kümmert sich um ihre gehörlose Schwester Hedwig Bahn (97). Foto: Berners

Düren. An der Wand des kleinen Wohnzimmers hängen alte Schwarz-Weiß-Fotografien. Auf dem Tisch liegen neben der Dürener Zeitung ein Kugelschreiber und viele kleine Zettelchen. Sütterlinschrift. Hedwig Bahn sitzt auf dem Sessel und blickt zufrieden in den Raum und zurück auf ein langes Leben.

Die alte Dame ist 97 Jahre alt und von Geburt an gehörlos. Ihr Leben hat sie trotzdem gut gemeistert - und das tut sie noch heute. Dank ihrer „kleinen Schwester” Hanna Nass (87).

Die Schwestern leben in einer außergewöhnlichen Wohngemeinschaft. Als der Mann von Hanna Nass starb, war ihre gehörlose Schwester schon seit einigen Jahren verwitwet. Die beiden wohnten nur wenige Häuser voneinander entfernt.

Kurzum entschloss Hanna Nass sich, ihre Schwester zu sich zu holen. Sonst wäre sie in einem Pflegeheim untergekommen. Aber das war keine wirkliche Alternative. „Solange wir können, werden wir hier zusammen leben”, sagt sie. Die Verantwortung trägt sie ganz selbstverständlich. Sie kümmert sich gerne. „Außerdem”, sagt sie lächelnd, „sind wir so beide nicht alleine.”

Eigene Sprache gefunden

Die Schwestern verstehen sich. Irgendwie. Sie haben ihre eigene Sprache gefunden - mit einer Mischung aus Gebärdensprache und Lippenlesen, mit Gesten und Mienen. Und was sie nicht ausdrücken können, schreiben sie auf die kleinen weißen Zettelchen, die immer griffbereit liegen. Für den Alltag reicht es.

„Gebärdensprache hat damals noch niemand in der Familie gelernt”, sagt Hanna Nass. Damals, das war vor beinahe 100 Jahren, in einem Dorf in Westpreußen. Und damals, da kannten sich die Schwestern kaum. Sie haben erst spät zueinandergefunden. „Als ich geboren wurde, ging meine Schwester ja schon zur Schule”, erzählt Hanna Nass.

Zehn Jahre Altersunterschied, das ist viel. Während die jüngere Tochter auf dem Bauernhof der Familie in dem westpreußischen Dorf Sittnow lebte, lebte ihre Schwester bei einer Familie in Danzig und ging dort auf eine deutsche Schule.

Weit weg von Zuhause

Die Schule besuchen zu können, war zu dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit für ein Mädchen, das weder hören, noch sprechen konnte. „Taubstummen Schulen gab es damals noch nicht”, sagt ihre Schwester. Aber dem Vater sei es wichtig gewesen, dass seine Tochter Hedwig lesen und schreiben lernt. Und das konnte sie nur weit weg von Zuhause - zumindest für die damaligen Verhältnisse.

„Einen Traktor hatten wir ja nicht, wir erledigten alles mit Pferden”, erinnert sich Hanna Nass. Sonntags fuhr die Familie mit der Kutsche. Im Winter zogen die Menschen mit Pferdeschlitten durch das Land. Die Fotografien an der Wand zeigen den alten Bauernhof der Familie. „Die Bilder haben Verwandte und Bekannte uns geschenkt”, erzählt Hanna Nass. „Im Krieg haben wir ja alles verloren.” Vor einigen Jahren waren sie mit Verwandten noch einmal in der alten Heimat. „Aber es hat sich alles verändert”, sagt sie wehmütig.

Nach dem Krieg und einer dramatischen Flucht aus Westpreußen ließ die gehörlose Frau sich mit ihrem Vater in Düren nieder. Die Mutter hatte den Krieg nicht überlebt. Hanna Nass arbeitete lange Zeit in einem Lager in Polen, später auf einem Bauernhof in Hildesheim. Dort lernte sie ihren zweiten Ehemann kennen. Der erste war aus dem Krieg nie zurückgekehrt. Sie zogen in die Nähe von Ratingen. Die Kontakte zur Schwester waren sporadisch. Auch sie hatte geheiratet. Einen gehörlosen Mann.

Während ihre Schwester davon erzählt, steht die 97-Jährige aus dem gemütlichen Sessel auf, geht in den Flur und kommt mit einem Bilderrahmen in den Händen zurück. Lächelnd zeigt sie ein Bild, das sie und ihren Mann zeigt. Das ist lange her. Das gehörlose Paar lebte in einem Viertel im Dürener Süden. Damals gab es dort noch viele Tante-Emma-Läden. Und die Inhaberin eines solchen Geschäftes war es auch, die Hanna Nass anrief, als ihr Vater 1964 starb.

Der Vater hatte den Weg dafür bereitet, dass Hedwig und ihr Mann dort auch alleine ein gutes Leben führen konnten. Die Menschen waren hilfsbereit. Bis zur Pensionierung ihres Mannes hat Hanna Nass in Ratingen gelebt. Später zogen sie in eine kleine Wohnung in die Nähe der Schwester.

Die Tante-Emma-Läden gibt es nicht mehr. Heute liegen gegenüber der kleinen Wohnung, in der die Damen nun gemeinsam leben, große Discount-Märkte. Das ist praktisch. Alles, was die Seniorinnen zum Leben brauchen, gibt es gleich vor der Türe. Und der Wald ist auch nicht weit weg. Dort gehen die Schwestern regelmäßig spazieren. Für eine Ü-85-WG sind die Damen ziemlich unternehmenslustig. Sie gehen in die Kirche, zu Seniorennachmittagen und zu den Treffen einer Gehörlosengruppe in Langerwehe. Sie nehmen den Bus. Das geht gut.

An Heiligabend wollen die Schwestern festlich kochen. Entenkeule vielleicht. Mit Rotkohl. „Wenn man für zwei Personen kocht, schmeckt es einfach besser.”
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