„World Happiness Report“: Norweger wirken weniger gestresst

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Kennen sich mit glücklichen Ländern bestens aus: der Kanadier Jay Blankenau, Michelle Haupt, die ein Jahr in Norwegen gelebt hat, und der Finne Ossi Rumpunen (von links) Foto: Sandra Kinkel, Grafik: Hans-Gerd Classen

Düren. Die Nordeuropäer liegen ganz vorn: Beim „World Happiness Report 2017“, den die Vereinten Nationen seit 2011 herausgeben, landete Norwegen in diesem Jahr auf Platz eins. Finnland wurde Fünfter, Kanada Siebter – und Deutschland erreichte ziemlich abgeschlagen nur Platz 16. Woran liegt das? Warum sind die Menschen in Nordeuropa so glücklich?

Unsere Mitarbeiterin Sandra Kinkel hat mit Menschen gesprochen, die es (eigentlich) wissen müssen: Michelle Haupt ist 17 Jahre alt, kommt aus Merken und hat ein Auslandsschuljahr in Norwegen verbracht. Ossi Rumpunen (27) ist Finne und lebt genau wie der Kanadier Jay Blankenau (27) seit gut einem Jahr in Düren.

Ganz grundsätzlich – was bedeutet Glück für Sie?

Jay Blankenau: Da gibt es viele Situationen: Wenn ich mit Freunden zusammen bin, Sachen mache, die mir Spaß machen oder ein wichtiges Ziel erreiche,binichglücklich.

Ossi Rumpunen: Glück bedeutet, am Leben zu sein, gesund zu sein und Menschen um mich herum zu haben, mit denen ich gerne zusammen bin: Freunde, Familie.

Michelle Haupt: Ja, genau das ist es. Glück bedeutet, Zeit mit der Familie und mit Freunden zu verbringen und sich wohlzufühlen, mit dem, was man tut.

Was war bisher der glücklichste Moment in Ihrem Leben?

Blankenau: Das ist schwer zu sagen. Einer der glücklichsten Momente war für mich sicherlich, als ich in die kanadische Volleyball-Nationalmannschaft berufen wurde. Dafür habe ich sehr hart trainiert. Es war wirklich großartig, dieses Ziel erreicht zu haben.

Frau Haupt, haben Sie sich in Ihrer Zeit in Norwegen glücklicher gefühlt als in Deutschland?

Haupt: Ich habe mich definitiv anders gefühlt, aber dieses Gefühl war nicht besser oder schlechter.

Was war anders?

Haupt: Grundsätzlich kann ich sagen, dass die Norweger weniger gestresst wirken, als die Menschen in Deutschland. Der Lebensstandard in Norwegen ist sehr hoch. Ein gutes soziales Umfeld ist den Leuten sehr wichtig. Und es gibt vergleichsweise wenig Arbeitslosigkeit.

Das sind ja auch genau die Dinge, die unter anderem für den „World Happiness Report“ untersucht worden sind: Bruttoinlandsprodukt, Lebenserwartung, Arbeitslosigkeit. Wie sieht es dahingehend in Kanada und Finnland aus?

Blankenau: Naja, den Menschen in Kanada geht es schon gut, der Lebensstandard ist relativ hoch. Ich glaube aber nicht, dass Geld oder Reichtum glücklich machen. Glücklich zu sein ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Natürlich ist es sehr wichtig, die Dinge zu haben, die man für sein tägliches Leben braucht, alles andere kann man aber selbst beeinflussen. Rumpunen: Man ist für sein Leben und damit auch für sein Glück selbst verantwortlich – unabhängig davon, wie viel Geld man hat.

Offenbar scheint das aber in Norwegen, Kanada und Finnland besser zu funktionieren, als in Deutschland. Woran liegt das?

Haupt: Ich glaube, dass die Natur eine sehr große Rolle spielt. Die Norweger lieben es, Zeit draußen zu verbringen. Fast jeder fährt Ski oder geht wandern. Ich bin vor meinem Schuljahr in Norwegen nie gewandert. Mir hat das dort aber so viel Spaß gemacht, dass ich es hier jetzt auch häufiger mache.

Blankenau: Ich glaube auch, dass Menschen, die viel Zeit in der Natur verbringen und sich draußen bewegen, ziemlich glücklich sind. Das tun die Kanadier.

Rumpunen: Die Finnen auch. Natur und Bewegung sind auch für unsere Leute sehr wichtig.

Und das, obwohl das Wetter bei Ihnen nicht gerade toll ist.

Haupt: In Norwegen geht man bei jedem Wetter raus, auch im Regen. Das war eine der ersten Sachen, die ich dort gelernt habe.

Macht Sport glücklich?

Rumpunen: Ich glaube schon. Das muss kein Leistungssport sein. Aber Bewegung macht schon glücklich.

Wie wichtig ist Erfolg, um glücklich zu sein?

Blankenau: Erfolg kann ein Teil des persönlichen Glücks sein. Aber man muss nicht glücklich sein, um erfolgreich zu sein.

Was ist der größte Unterschied zwischen Deutschen, Finnen, Kanadiern und Norwegern?

Haupt: Das ist schwer zu beantworten. Die Mentalität der Norweger ist einfach ganz anders als die der Deutschen. Die Norweger haben sehr viel Vertrauen in ihre Regierung. Das ist in Deutschland nicht der Fall, glaube ich. In Norwegen macht sich keiner Sorgen, wenn er ein paar Minuten zu spät zur Arbeit kommt. In Deutschland stresst das die Leute. In Norwegen spielt das überhaupt keine Rolle.

Rumpunen: Ich sehe mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Obwohl: Die Deutschen sind sehr höflich, und sie reden deutlich mehr als die Finnen.

Blankenau: Mein Eindruck ist, dass die Deutschen sehr organisiert sind. Feste Strukturen und Regeln scheinen mir hier sehr bedeutsam. Das ist in Kanada nicht ganz so ausgeprägt. Bei uns ist dagegen Hilfsbereitschaft sehr wichtig. Wenn Menschen in Not sind und um Hilfe bitten, bekommen sie diese Hilfe auch.

Was können Deutsche bei einem Urlaub in Norwegen, Finnland und Kanada lernen?

Haupt: Dass es Spaß macht zu wandern und spazieren zu gehen.

Rumpunen: Ich fürchte, ein Urlaub in Finnland nützt da nicht viel.

Warum?

Rumpunen: Weil es länger braucht als eine Woche, bis die Finnen wirklich auftauen und mit Fremden, mit Touristen sprechen.

Ich formuliere die Frage anders: Warum glauben Sie, liegt Deutschland im „World Happiness Report“ nur auf Platz 16?

Rumpunen: Das ist eine nur sehr schwer zu beantwortende Frage. Ehrlich gesagt habe ich gar nicht den Eindruck, dass die Menschen in Deutschland so viel unglücklicher sind als die Finnen. Die persönliche Einstellung ist wichtig. Ich bin davon überzeugt, dass jeder es selbst in der Hand hat, wie glücklich er ist.

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