Wo der Bürgermeister in Deckung geht

Von: Stephan Johnen
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Ein eingespieltes Team am Zapfhahn: Barthel „Onkel” Hamacher und Ehefrau Gertrud laden zur Geburtstagsfeier nach Soller Foto: Johnen

Soller. Einen Augenblick nur war die Kneipe in ihrer 100-jährigen Geschichte etwas anderes als eine Kneipe: Sie wurde zum Parkplatz. Ein belgischer Panzer kam vor schätzungsweise 60 Jahren auf dem damaligen Kopfsteinpflaster ins Rutschen - und landete im Gastraum. Ein Foto dokumentiert das Geschehen.

„Zum vierten Mal durchbricht ein Panzer eine Hauswand”, schreibt die Tageszeitung. Die Restauration zur Grotte wird „einige Zeit mit einem empfindlichen Umsatzrückgang zu rechnen haben”, kommentiert der Reporter. Ob der Wirt den Journalisten und den Soldaten zur Feier des Tages ein Bier ausgegeben hat, bleibt offen. Das Klavier jedenfalls steht auch Jahrzehnte später noch an der gleichen Stelle wie damals, als der Fotograf es durch die zerstückelte Hauswand ablichtete.

Kontinuität ist wohl eines dieser Wörter, die zu einer eingesessenen Dorfkneipe passen, die ihren Charme ausmachen. Am 30. Mai 1910 erwarb Gottfried Haperscheidt für 5,60 Mark die Schanklizenz, heute stehen sein Enkel Barthel Hamacher (72) und Ehefrau Gertrud (71) hinter der Theke der Restauration, die seit den 80er Jahren „Onkel Barthel” heißt. Ende Mai soll das Jubiläum gefeiert werden.

„Bis vor einem Jahr dachten wir, dass nach uns zugemacht wird”, sagt Barthel Hamacher. In seiner Stimme klingt dabei keine Resignation mit. Der 72-Jährige hat erlebt, wie die Dorfkneipen immer weniger wurden, aber auch die Pinten in den Städten. Im Grunde haben Wirte ihre Gäste stets von der Wiege bis zur Bahre begleitet. Manche Gäste mehr, manche weniger. Der Wirtsraum in Soller war ein Wohnzimmer. Dort flimmerte die Wochenschau, die das reisende Kino im Gepäck hatte, dort warf sich der Bürgermeister (nicht der amtierende!) auch schon einmal Deckung suchend auf den Boden, als draußen der Pastor vorbeikam. Wenn Barthel Hamacher früher die Türen öffnete, strömten die Gäste zum Karten in die Kneipe. Nach der Kirche herrschte dichtes Gedränge. Und heute?

„Wäre das hier nicht Eigentum, ich hätte das Handtuch geworfen”, sagt Onkel Barthel. Dass sein zweiter Sohn nun doch überlegt, mit seiner Frau die Kneipe in vierter Generation fortzuführen, freut den Vater. Sein „Ältester” betreibt übrigens eine Gaststätte in Düren. Auch das ist Kontinuität. Vermutlich gibt es ein Gastwirt-Gen, das in der Familie Hamacher sehr dominant ist. Hinzu kommt wohl eine Menge Idealismus - und Begeisterung für die Sache.

Sicher, es sei schwieriger geworden, eine Kneipe zu führen, resümiert Barthel Hamacher. Es war leichter, als es noch keine schnell zu erreichenden Diskos gab, kein Rundum-Fernsehprogramm. Also zu Zeiten, in denen die Alternativen überschaubar waren. Vielleicht aber auch Zeiten, in denen Dorfgemeinschaft noch anders aussah. Für Zugezogene sei der Weg in eine der Kneipen eben nicht selbstverständlich. Ein Prozess, der in vielen Dörfern langsam beginnt, aber mit jedem neuen Haus, mit jedem Neubaugebiet beschleunigt wird. Eine schwierige Situation, ja, aber keine ausweglose. Schließlich habe „Onkel Barthel” seine treue Stammkundschaft.

Gott und die Welt an der Theke

Wirte brauchen ein Händchen für Menschen. Und Barthel Hamacher kann offenbar gut zupacken. Auch die nächste Generation der Gäste finde den Weg in sein öffentliches Wohnzimmer, sagt er. An der Wand hängen Wimpel der Stammtische und Vereine. Einmal in der Woche wechselt Hamacher selbst sie Seiten und setzt sich als Mitglied des Schock-Clubs mit Gleichgesinnten an die Theke, während Ehefrau Gertrud darauf achtet, dass niemand auf dem Trockenen sitzt. Die Begleitdiskussion dreht sich dabei um Gott und die Welt. Um Fußball und Frauen. Und ginge es nach Onkel Barthel, dann möglichst wenig um Politik. „Man muss manchmal Nerven haben”, sagt Hamacher, der einräumt, dass seine Frau die besseren habe. Ein Wirt ist zugleich auch Seelsorger, Ratgeber, Kommentator. Das war in den vergangenen 100 Jahren zu keinem Augenblick anders.
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