„Wir fallen nicht als Nonnen vom Himmel": 110 Jahre Dürener Karmel

Von: Stephan Johnen
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Düren. Es ist ein Leben im Verborgenen, ein Leben in Stille. Die Schwestern des Dürener Karmel folgen als Mitglieder des Ordens der Allerseligsten Jungfrau Maria vom Berge Karmel einer kontemplativen Berufung. Sieben Gebetszeiten sieht der streng reglementierte Tagesablauf vor, doch die Berufung zum Beten erschöpft sich nicht auf die Teilnahme an diesen Zeiten.

Das Leben der Karmelitinnen, ihr ganzes Tun und Sein, soll zu einem Gebet für die Kirche und die Welt werden. „Wir sind aber nicht aus der Welt. Wir sind in der Welt, für die Welt da“, sagt Schwester Benedicta, die Priorin des Dürener Karmel. Von Weltfremdheit oder gar Weltflucht könne nicht die Rede sein.

„Wir verfolgen, was um uns herum geschieht, wir wissen, welches Leid es gibt. Und wir schließen alle Menschen in unser Gebet mit ein“, sagt Schwester Benedicta. „Das ist unser Weg des Glaubens. Wir haben unerschütterliches Vertrauen in das Gebet, die Fürbitte vor Gott. Wer vor der Welt flüchten möchte, würde bei uns nicht glücklich werden.“

Vor 110 Jahren, am 24. August 1903, zog der Konvent in das neue Kloster an der Kölner Landstraße. Damals wie heute sei es eine „ganz bewusste Entscheidung“, dieser Berufung zu folgen, sagt Schwester Benedicta. 17 Schwestern, eine Novizin, eine Frau während der ersten Probezeit und eine Kandidatin leben aktuell im Karmel. Die jüngste Schwester ist 28, die älteste 89 Jahre alt. 21 Schwestern sollte eine Klostergemeinschaft den Ordensregeln entsprechend haben. „Der Nachwuchs für die Gemeinschaft ist da“, sagt Schwester Anna Maria, die die Novizinnen mitbetreut.

Eine Berufsausbildung ist Voraussetzung, die Probezeit dauert fünf Jahre. Der Weg „zurück“ soll nicht versperrt werden. Viele Berufene standen zudem bereits im Beruf. „Wir fallen nicht als Nonnen vom Himmel. Wir wissen, worauf wir verzichten“, sagt Schwester Benedicta. Doch nur über vermeintlichen Verzicht zu reden, treffe den Kern nicht. Das Gebet gebe auch Kraft, die Hingabe Erfüllung. Die Geschichte des Dürener Klosters sei auch ein Hinweis darauf, dass das Leben eine Dimension hat, die über alle diesseitigen Wünsche und Hoffnungen hinausreicht.

Der Blick in die Chronik zeigt, dass das Kloster bewegte Zeiten hinter sich hat. Der Rohbau der Kirche stand im Rekordtempo: 100 Arbeiter haben dafür sechs Wochen benötigt, sagt Schwester Anna Maria nach einem Blick in die Chronik. Neun Monate später war das gesamte Kloster errichtet. Im Jahr 1905 wurden die Klostermauern und der Glockenturm gebaut, und das Kloster erhielt von der Stadt Düren ein Geschenk: Die Kreuzigungsgruppe, die zuvor auf dem Kölnplatz stand, fand vor der Pforte eine neue Heimat.

Eine Zäsur war der Zweite Weltkrieg. Die Geheime Staatspolizei beschlagnahmte das Kloster, die Schwestern fanden bei den Franziskanerinnen im Stolberger Bethlehem-Hospital sowie im St.-Vinzenz-Kinderheim der Schwestern vom armen Kinde Jesu und im St.-Antonius-Krankenhaus in Eschweiler Unterschlupf. „Die Schwestern hatten zwei Stunden Zeit, das Haus zu verlassen“, erklärt Schwester Anna Maria. Allerdings hätte die Bevölkerung die Nonnen gewarnt, so dass Vorkehrungen getroffen werden konnten und auch die liturgischen Geräte in Sicherheit gebracht wurden. Während des Krieges zog unter anderem die Hitlerjugend in die Räume ein.

„Als die Front durch war, kamen die Schwestern zu Fuß zurück“, schildert Schwester Anna Maria. In der Nachkriegszeit wurde die Kirche zu einem geistlichen Mittelpunkt, da sie eine der wenigen war, die der völligen Zerstörung entgangen war. 1950 war die Renovierung von Kirche und Kloster abgeschlossen.

Weil das Baumaterial knapp war, wurden auch zum Teil beschädigte und angekohlte Balken verbaut. Mit diesen haben die Schwestern seit einigen Monaten zu kämpfen. Während der Installation einer Photovoltaikanlage, die der Förderverein finanziert hat, stellte sich heraus, dass das Dach dieses Flügels saniert werden muss. Weitere Untersuchungen ergaben, dass alle Dächer überholt werden müssen, immer mehr morsche Balken kamen zum Vorschein.

Etwas mehr als eine halbe Million Euro müssen die Schwestern dafür aufbringen. Weitaus mehr, als sie für Instandhaltungsarbeiten zurückgelegt hatten. „Wir haben Anleihen bei den für die Altersvorsorge der Schwestern angelegten Gelder genommen“, sagt Schwester Benedicta.

Wie auch in der Vergangenheit habe die Bevölkerung eine enge Verbundenheit zum Karmel gezeigt. „Viele Menschen haben auf Geburtstagen oder Goldhochzeiten Spenden gesammelt“, bedankt sich Schwester Benedicta im Namen des Konvents für die Hilfsbereitschaft. Auch Verwandte der Schwestern hätten der Klostergemeinschaft geholfen. Die Priorin ist guten Mutes, dass diese Baustelle abgeschlossen werden kann: „Die Menschen um uns herum haben sich bereits in der Vergangenheit mehrfach als Segen erwiesen.“

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