Wilfried Schmickler: Krallen gegen Politik und die Beliebigkeit

Von: Hannes Schmitz
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Ein Mann, ein Wortschwall: Wilfried Schmickler begeisterte im Haus der Stadt mit einem bissigen Monolog voller treffender Pointen, Analysen und Fakten. Foto: Schmitz

Düren. Drastische Wortgewalt dröhnte durch das ausverkaufte Haus der Stadt. Politische Satire prasselte auf das Publikum nieder, Wortkaskaden brausten über die Zuschauerränge. Ein Sprachtiger stand auf der Bühne, sprungbereit die Behaglichkeit der deutschen Wirklichkeit zu zerreißen, die Krallen gegen Politiker, Talkshows und die Beliebigkeit des Alltags auszufahren.

Nur einen Kabarettisten gibt es, der sich über alles und nichts derart in Rage reden kann: Wilfried Schmickler. Und so entluden sich Wortschöpfungen und verbale Rundumschläge über den Köpfen des Auditoriums, das nahezu „über wach“ sein musste, um alles mitzubekommen, was der Kölner Sprachakrobat von sich gab.

Mit Souveränität und Leichtigkeit polterte er auf der Bühne, wurde nachdenklich, manchmal fast melancholisch, gar überzeugend trauernd, wenn er seinen Monolog unterbrach und in einem Lied an die kürzlich verstorbenen Kollegen Klaus Huber, Hermann Pachl und Dirk Bach erinnerte – ein inniger Moment bei einem Auftritt, der manchmal in seinen Szenerien an absurdes Theater denken ließ.

Fast genüsslich schilderte er den Untergang der Piratenpartei, die sich „im Netz verfangen hat“, empfahl die Anschaffung einer zweiten Kühltruhe, um Organe von verblichenen Verwandten zu lagern und als weitere Investitionsform Diamanten und Erdöl vorzuhalten.

Er schilderte seinen Alptraum, der ihn in einen Euro verwandelte und auf Bergtour mit dem CSU-Mann Markus Söder schickte.

Aber auch die FDP-Prominenz hatte es Schmickler angetan. Dirk Niebel wurde für ihn zum „Bundesminister für Teppichimport“, der eher einen „drittklassigen Rambo-Darsteller“ verkörpere, wenn er mit Soldatenmütze im Ausland als Entwicklungsminister herumstolziere. Und natürlich Guido Westerwelle: „Der rangiert auf der Beliebtheitsskala mittlerweile zwischen Sepp Blatter und dem EHEC-Erreger.“ Auch Wirtschaftsweisen wie Hans-Werner Sinn oder Peter Bofinger waren ihm ein Gräuel, die er in einen Höllenkessel aus „Pech und Schwafel“ versenkte. Kaum ein Thema, welches der scharfzüngige Spötter ausließ.

„Verhörprotokolle kennt man bei deutschen Geheimdiensten nur in geschredderter Form“, spielte er auf die Affäre rund um die Terrorgruppe NSU an.

Sein Blick ging nicht nur nach Berlin, wo sich alle im „parlamentarischen Wachkoma“ befänden, er wunderte sich über eine „Mutti“ als Kanzlerin, empfand die Popmusik als „Geißel des Dritten Jahrtausends“, schüttelte seinen Kopf über den Friseur aus seiner Nachbarschaft, der den „Haarschnitt to go“ anbot, und gratulierte allen, die sich den „Grand Prix der Erbärmlichkeit“ gar nicht angeschaut hatten.

Er fungierte aber auch als Ratgeber: „Der Besuch dieser Bank kann für ihr Erspartes tödlich sein“. Und er schlug vor, „einfach mal ein Kondom in den Klingelbeutel zu werfen“ oder „Lieben Sie ihren Nächsten, wie er sich selbst“.

Vor allem aber stellte Schmickler viele unbeantwortete Fragen: „Ist der Dax gut oder böse? Können Sie erklären, was ein Schuldenschnitt bedeutet? Hat das Dreieck, das Merkel stets mit ihren Händen bildet, etwas zu bedeuten? Können Ratingagenturen herabgestuft werden? Und was kann man gegen den ganzen Wahnsinn machen?“

Zwar sang er in einem nachdenklichen Song „Ich kümmer‘ mich darum“, doch letztlich griff er auf den Titel seines Programms zurück und gestand vor einem begeisterten Publikum: „Ich weiß es doch auch nicht.“

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