Wilfried Schmickler: Ein Sprachtiger mit drastischer Wortgewalt

Von: Hannes Schmitz
Letzte Aktualisierung:
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Wilfried Schmickler, der als Grandseigneur des ursprünglichen Kabaretts gilt, begeisterte die Besucher im Haus der Stadt. Foto: Schmitz

Düren. Wilfried Schmickler schwamm in einem Wörtermeer, sang den Blues, schwadronierte, philosophierte, sinnierte und präsentierte sich auf der Bühne im ausverkauften Haus der Stadt als eine kabarettistische Urgewalt, dem Tabus fremd sind. Gnadenlos legte er die Finger in gesellschaftliche Wunden und rockte unaufhörlich die Gefühle seiner Zuhörer.

Drastische Wortgewalt dröhnte durch den Saal, politische Satire prasselte auf das Publikum nieder, Wortkaskaden brausten über die Zuschauerränge und machten den Auftritt zeitweise zum absurden Theater. Er schwang die Moralkeule, holte zu Rundumschlägen aus, um dann plötzlich in eher seichten Gewässern zu tapsen, luftige Chansons versetzt mit Schlagerbeats zu singen und Witze zum Besten zu geben.

Kalauernd und bissig

Der Kölner aus Leverkusen verblüffte mit Freundlichkeit, war schäumend und leise, hintersinnig, kalauernd und bissig. Ein Sprachtiger auf der Bühne, der sprungbereit war, die Behaglichkeit der deutschen Wirklichkeit zu zerreißen, sich der „Beschleunigung der Welt“ entgegen zu stellen, der „Stimulation durch Simulation“ nicht hinnehmen wollte und kein „analoger Hase“ im Rennen mit dem „digitalen Igel“ sein wollte.

Über alles oder nichts redete er sich in Rage, polterte mit Souveränität und Leichtigkeit, wurde nachdenklich, manchmal fast melancholisch oder zum scharfzüngigen Spötter mit einem Hang zum Absurden. „Nieder mit den Köttbullar“, forderte er, „rettet das deutsche Hackbällchen!“ Er verballhornte die Idee vom Kölner Karneval als Weltkulturerbe, jenes „kollektive Massenbesäufnis mit Blutwurst und Aussicht auf Geschlechtsverkehr. Wahrlich kein Meisterwerk menschlicher Schöpferkraft“.

Und wenn er ernst wurde, wurde er zum Ankläger und das Lachen blieb dem Publikum im Hals stecken. Er klagte über die „perverse Fleischfresssucht, der wir uns hingeben“, den „unkontrollierten Konsumrausch“ und „das hohle Fernsehprogramm“. Der Philosoph in ihm trat an den Bühnenrand, wenn er über „das Letzte“, so der Programmtitel, „den letzten Moment“, „das letzte Exemplar der Herrenrasse“ oder den „letzten Menschen“ grübelte und ihm nach einem „letzten Gedicht“ noch Jan Wagners preisgekrönte „Regentonnenvariationen“ in den Sinn kamen.

Die „Gesellschaft der Unverträglichkeiten“ hatte es ihm angetan, die Gegensätze zwischen Arm und Reich. Seine Mimik sagte manchmal mehr als jedes Wort, vor allem, als er tief abtauchte und versuchte, das Phänomen Hölle zu erläutern. Er fand neben dem Allgemeinplatz „die Hölle auf Erden“ die Erklärung: „Einem Freund beim Umzug zu helfen, der Waschmaschinen sammelt, das ist die Hölle.“

Wilfried Schmickler, der als Grandseigneur des ursprünglichen Kabaretts gilt, hatte viel zu sagen und sparte nicht an deutlicher Härte. Wenn er zum Schnellsprecher wurde oder seine Songs vortrug, herrschte nicht immer Textklarheit. Darüber sah man aber hinweg und erlebte einen Kabarettabend, der zwischen fulminant, atemberaubend und es geht so bis irre stand.

Nachhaltig war der Abend auf jeden Fall. Es durfte nach dem tosendem Beifall diskutiert werden. Aber alle stimmten dem Dank des Protagonisten auf der Bühne an das „Komm“-Zentrum zu, das diesen Abend ermöglicht hatte.

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