Gey - Wieder das Gute erkennen: Neue Wohngruppe für traumatisierte Kinder

Wieder das Gute erkennen: Neue Wohngruppe für traumatisierte Kinder

Von: Stephan Johnen
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Geborgenheit schaffen: Sarah E
Geborgenheit schaffen: Sarah Eichhorst (Mitte) und ihr Team betreuen die Bewohner. Zum Angebot gehört auch ein Kunstatelier. Foto: Johnen

Gey. Manchmal verdeutlicht ein Ausflug in die Märchenwelt, welche Abgründe sich in der Realität auftun. Nicht ohne Grund rief Dr. Ute Projahn, Fachliche Direktorin der LVR-Jugendhilfe Rheinland, ihren Zuhörern am Freitag zum Start der traumapädagogischen Intensivgruppe in Gey die Erinnerung an ein „gutes Haus am Wegesrand” in Erinnerung.

Häuser, wie man sie aus Märchen kennt. Orte, an denen liebevolle Großmütter bereits den Tisch gedeckt haben, an denen eine Kerze auf der Fensterbank brennt, an denen eine Atmosphäre von Geborgenheit herrscht. So ein sicheres Haus wie aus einem Märchen soll die Wohngruppe in Gey sein. Zumal die Kinder und Jugendlichen, die dort einziehen, im Leben bereits Schreckliches erlebt und viel Leid erlitten haben.

„Viele Kinder und Jugendliche glauben nicht mehr an das Gute im Leben. Ihnen wurde früh alles geraubt, was an Vertrauen da ist”, sagte Ute Projahn. Forscher gehen davon aus, dass fast 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Heimen der Jugendhilfe zuvor schwer belastende und traumatisierende Erfahrungen gemacht haben.

Um diesen jungen Menschen gezielt zu helfen, sei die Wohngruppe eingerichtet worden. Ute Projahn spricht von „einem Meilenstein”. Eine solche Gruppe für bis zu sieben Mädchen und Jungen sei mit Blick auf die Vorgaben der Jugendhilfe „nicht zwingend notwendig, aber wir reagieren auf den Bedarf und gehen innovativ voran”.

Massive Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch: „Erwachsene, die Opfer werden, können weglaufen, verdrängen, Erlebnisse bekämpfen und sie gedanklich und in Gesprächen verarbeiten. Kindern fehlen diese Schutzmechanismen. Sie können die Erfahrungen mental nicht verarbeiten”, erklärte Thomas Klütsch, Bereichsleiter der LVR-Jugendhilfe.

Eine einzelne Gewalterfahrung im Elternhaus, die im Unterbewusstsein verankert bleibt und schon Jahre zurückliegen mag, könne Auswirkungen auf das gesamte Leben haben. Weil ihnen ihr Grundvertrauen geraubt wurde, könne das Bindungsverhalten der Kinder und Jugendlichen ein Leben lang gestört sein. Die Traumatisierten reagierten aggressiv, zeigten Verhaltensauffälligkeiten. „Sie erwarten Ablehnung und Zurückweisung und haben nur ein schwaches Sicherheitsbewusstsein”, ergänzte Ute Projahn.

An dieser Stelle setzt das Konzept der Wohngruppe an, die im ehemaligen Rathaus der Gemeinde untergebracht ist. „Sie ist ein sicherer Ort - nach innen und nach außen”, sagt Thomas Klütsch. „Niemand kommt hier ohne Erlaubnis rein.” Und das sechsköpfige Team um Leiterin Sarah Eichhorst soll den Bewohnern, derzeit sind es drei Kinder, Geborgenheit geben. Die Bewohner erfahren einen geregelten Alltag, sie gehen in den Kindergarten oder besuchen die Schule.

Es wird gemeinsam gegessen, es gibt klar geregelte Angebote am Nachmittag, gelebt wird als Gruppe. Das Umfeld soll ermöglichen, wieder Bindungen zuzulassen, wieder Vertrauen aufzubauen, wieder positive Erfahrungen zu machen. Alle Erzieher, Sozialarbeiter, Sozial- und Heilpädagogen haben eine traumapädagogische Ausbildung - oder absolvieren sie derzeit. Die Intensivgruppe kooperiert unter anderem mit zwei Traumatherapeuten.

Eine Kunsttherapeutin arbeitet regelmäßig mit den Kindern im Atelier des Hauses. „Wir behandeln nicht die Ereignisse, sondern die Auswirkungen”, betont Ute Projahn. Das Team wolle den Bewohnern helfen, sich selbst zu verstehen, das Erlebte mental zu erfassen. Die Bewohner sollen lernen, wieder an das Gute im Leben zu glauben, das Gute im Leben zu erkennen.
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