Düren - „Wer denkt hier schon an Bergschäden?“

„Wer denkt hier schon an Bergschäden?“

Von: Stephan Johnen
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Laut Karte wohnen sie in einer Störzone. Gewusst haben sie es nicht. Die Anwohner der Oststraße fordern mehr Transparenz. Foto: Stephan Johnen
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Ein Bergschaden? An der Oststraße 44 hat sich ein Spalt aufgetan, durch den ein Zollstock passt.

Düren. Bei der Renovierung einer Wohnung in der ersten Etage wollte Wolfgang Schmitz den eigenen Augen nicht trauen: Nachdem Tapeten und Putz von der Wand waren, konnte er auf die Oststraße blicken. Die Außenmauer des Mehrfamilienhauses ist an der Wand des Nachbarhauses „klebengeblieben“, es hat sich ein Spalt aufgetan.

„Der geht bis aufs Dach hoch“, sagt Schmitz. Ein Handwerker habe ihm gesagt, dass es sich um einen Bergschaden handeln könnte. Eine Einschätzung, die der Sachverständige Peter Immekus teilt. „Wer denkt mitten in der Stadt schon an Bergschäden“, sagt Schmitz. Und der Anwohner der neulich erst sanierten Straße denkt einen Schritt weiter: „Was ist mit der Straße? Ist die bald wieder kaputt? Und wer soll das zahlen?“

Mehrere Anwohner, mit denen Wolfgang Schmitz die Gründung einer stadtweiten Interessengemeinschaft plant (Infokasten), haben Sorgen: um ihre Häuser, aber auch um die für viel Geld sanierte Oststraße. „Über das Thema spricht keiner, wir Hausbesitzer wurden nicht informiert“, kritisiert Schmitz, der selbst überrascht gewesen sei, dass an der Außenwand seines Hauses Messpunkte von RWE Power angebracht sind.

Die Anwohner haben Fragen: Ist der Stadt bekannt, dass es in diesem Areal eine Störzone gibt? Wie sieht es im Rest des Stadtgebiets aus? Hat der Bergbautreibende Geld für die Sanierung der Straße gezahlt? Ist die Oststraße überhaupt dem Schwerlastverkehr gewachsen? Mit einem Zusammenschluss wollen sie erreichen, dass auch mehr Informationen zusammengetragen werden.

Unterstützung bekommen sie vom Grünen-Bundestagsabgeordneten Oliver Krischer. Die Grünen-Fraktion im Stadtrat wolle eine Anfrage zum Thema stellen. „Es heißt immer, es handele sich um Einzelfälle“, sagt Krischer. Seine Einschätzung: „Es handelt sich womöglich um ein Massenphänomen.“ Er fordert mehr Transparenz. „RWE wusste schon seit Jahrzehnten, dass mein Haus in einer Störzone liegt. Als ein Mitarbeiter hier war, hatte er eine ganze Mappe mit Fotos aus den 90er Jahren dabei. Nur ich wusste nichts davon“, berichtet Wolfgang Schmitz.

„Die Störzone ist uns seit Jahrzehnten bekannt“, bestätigt Werner Schaefer, Leiter der Abteilung Bergschäden von RWE Power in Köln. Der betroffene Teil der Oststraße sei auf „wenige Meter begrenzt“ und seit Jahren aktiv. Etwa zwei Millimeter Bewegung pro Jahr würden dort gemessen. „Neue Bergschäden treten generell nur vereinzelt in Düren auf“, sagt Schaefer. Im Jahr meldeten sich rund 30 Betroffene, davon stellten sich „ein bis zwei“ Fälle als Bergschaden heraus.

Schaefer verweist darauf, bei einem Verdacht über RWE Power, die Stadt oder den Verband bergbaugeschädigter Haus- und Grundeigentümer eine für die Eigentümer kostenlose Untersuchung einleiten zu lassen. „Die Kosten trägt RWE Power“, sagt Schaefer. Er fügt hinzu: „Nicht jeder Schaden an einem Haus ist aber ein Bergbauschaden.“

Um geologische Besonderheiten ausfindig zu machen sowie Bewegungen zu beobachten und zu dokumentieren, gibt es über das gesamte Stadtgebiet verteilt mehrere Tausend Messpunkte. Als Mitte der 50er Jahre mit der Absenkung des Grundwassers begonnen wurde, habe auch – zum Teil amtlich gefordert – eine umfangreiche Dokumentation begonnen. „Wenn es zu Bewegungen kommt, macht die Außenmauer diese mit“, verweist Werner Schaefer auf die Höhenmessungen. Die Protokolle würden den Hausbesitzern auf Anfrage zur Verfügung gestellt.

Bei einer Schadensregulierung habe der Betroffene die Wahl, entweder gegen Zahlung einer Geldsumme die Reparatur selbst zu veranlassen, oder RWE Power beauftrage eine Firma. Wie viele Reparaturen es gab, mit welchen Summen sich der Bergbautreibende beteiligt hat, oder ob Häuser aufgekauft wurden, könne er nicht sagen. „Jeder Bergschaden wird von uns in vollem Umfang entschädigt“

„RWE hat uns die bekannten Störungen im Stadtgebiet mitgeteilt“, erklärt Christian Klump, stellvertretender Betriebsleiter der Stadtentwässerung. An der Oststraße handele es sich um eine Strecke von der Einmündung der Sachsenstraße bis zur Hausnummer 37. Innerhalb einer Störzone würden kürzere Rohre verbaut, die gelenkiger sind. „Die Mehrkosten übernimmt der Bergbautreibende, die Anwohner werden nicht belastet“, erklärt Klump.

Bei jeder Maßnahme werde geprüft, ob sie eine Störzone tangiert.Seit 2010 seien fünf bergbaubedingte Schäden dokumentiert worden. Bei alten Leitungen – wie zuletzt an der Andreasstraße in Merken – übernehme RWE Power die Sanierung „in vollem Umfang“. Auch dort wurden flexiblere Rohre verlegt. „Die Kanäle in einer Störzone halten nicht so lange“, sagt Klump. Deswegen werde der Kanal in der Oststraße über 30 Jahre abgeschrieben, in Normalfall sind es 75. Die Straße sei dem Verkehr aber uneingeschränkt gewachsen. Die von den Anwohnern monierte Senkung der Fahrbahndecke sei im Normbereich. Sollte sich etwas ändern, müsse im Rahmen der Gewährleistung nachgebessert werden.

„Wer Klärungsbedarf hat, sollte uns anrufen“, appelliert Jürgen Fischöder vom Vermessungsamt der Stadt an alle Bürger, die einen Bergschaden vermuten. Die Stadt Düren ist Mitglied im Verband bergbaugeschädigter Haus- und Grundeigentümer. Fischöder: „Niemand wird alleine gelassen.“

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