Wenn das Leben zur Abwärtsspirale wird

Von: Anne Wildermann
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Anita Güldenring schämt sich nicht mehr dafür, die Hilfe der Dürener Tafel in Anspruch zu nehmen. Ihre älteste Tochter hat sie damals auf die Idee gebracht, dort die Lebensmittel zu besorgen, da trotz eines Jobs das Geld nicht zum Einkaufen reicht. Foto: Wildermann

Düren. Die Mittagssonne scheint durch kahle Baumäste hinein in das warme Wohnzimmer. Fensterdekorationen werfen lange Schatten auf die weiße Tapete. Anita Güldenring, 54 Jahre alt, hat Kaffee gekocht und nimmt auf ihrem breiten Sofa in Salz-Pfeffer-Optik Platz.

„Ich trinke ihn lieber aus großen Bechern“, sagt sie und gießt sich Kaffee aus der Thermoskanne nach. Ihre Stimme klingt tief und rau, vor allem wenn sie lacht – und Anita Güldenring lacht viel.

Dabei hatte die Mutter von inzwischen zwei erwachsenen Töchtern nicht immer Freude am Leben.

Seit sieben Jahren geht die Dürenerin zur Tafel in der Bücklersstraße und bekommt dort ihre Lebensmittel. „Die ersten Male habe ich mich nicht getraut, dorthin zu gehen. Ich habe mich geschämt“, gesteht sie. Anita Güldenring hatte, wie sie erzählt, bis zu diesem Zeitpunkt stets für sich und ihre zwei Töchter allein gesorgt – ohne von jemandem abhängig zu sein oder Hilfe in Anspruch zu nehmen. Doch ihr Job als Küchenhilfe, der ihr damals 650 Euro im Monat einbrachte, reichte nicht, um sie und die Töchter zu versorgen. „Ich musste schließlich noch Miete zahlen, Nebenkosten und Versicherungen“, erinnert sie sich.

Ihre älteste Tochter gab ihr damals den Hinweis, die Hilfe der Dürener Tafel in Anspruch zu nehmen. Heute ist Anita Güldenring froh, dass sie jeden Montag dorthin geht und, wie sie sagt, „sehr leckere, gute und frische Lebensmittel“ bekommt. Die Vorurteile über abgelaufene, verschimmelte oder verdorbene Produkte, die sie sich schon des Öfteren habe anhören müssen, will sie nicht gelten lassen. „Die Leute haben einfach ein ganz falsches Bild von der Tafel. Sowohl von den Helfern, die dort die Sachen ausgeben, als auch von den Lebensmitteln“, sagt Anita Güldenring.

Ab dem ersten Januar 2017 wird die Frau eine volle Erwerbsrente bekommen, zurzeit erhält sie noch Hartz IV. Das war früher anders.

Gelernt hat Anita Güldenring Papiersortiererin und „gut dabei verdient“, wie sie selbst sagt. Sie war verheiratet und baute mit ihrem damaligen Mann ein Haus in Niederzier. Ihr heutiger Ex-Mann war damals als Fahrer von Baustoffen beschäftigt. Alles schien perfekt, ein normales und glückliches Familienleben. Bis zu dem Tag, als ihr Mann mit dem Trinken anfing und gegenüber ihr und der ältesten Tochter gewalttätig wurde, wie sie erzählt. Anita Güldenrings Leben glich danach einer Abwärtsspirale, aus der sie nur schwer herauskam.

Während des Hausbaus arbeitete sie schon als Küchenhilfe und kellnerte zusätzlich. „Ich musste viel und lange arbeiten. Und währenddessen hatte ich Angst, dass mein Mann den Kindern etwas tut, wenn ich nicht da bin“, sagt sie. Die Polizei musste nach ihren Aussagen öfter ausrücken und den gewalttätigen Mann in Zaum halten. Ein Dreivierteljahr lebte sie noch mit beiden Töchtern in dem Haus, bis sie auszog und eine erste Wohnung in Dürens Innenstadt bezog.

2009 war die Scheidung dann durch, seitdem ist Anita Güldenring herzkrank. Alimente habe ihr Ex-Mann nicht gezahlt, stattdessen sei er auf Entzug geschickt worden. Die Schulden, die ihr Mann in den vergangenen Jahren angehäuft hatte, habe sie mit abbezahlen müssen. „Von ihm kam nichts. Er hat sich um nichts gekümmert“, sagte sie – ohne Groll in der Stimme. Anita Güldenring hat mit ihrer Ehe, ihrem Mann, ja mit ihrem Leben vor der Scheidung abgeschlossen. Zumindest klingt es nach außen so. Für sie gibt es nur ihre zwei Töchter und ihre Schwester. „Wir sind insgesamt sechs Geschwister. Aber zu Christine habe ich das beste und innigste Verhältnis. Jede ist für die andere da – egal wann“, sagt Anita Güldenring.

Die Frau ist froh, dass sie ihre Kinder alleine „groß bekommen hat und jede von ihnen arbeitet“. Beide Töchter haben eine abgeschlossene Ausbildung und arbeiten im Einzelhandel. „Die Mädchen sind wie ich: Arbeitstiere. Nie würden sie von dem Geld anderer leben wollen“, sagt die Mutter.

Hartz IV bekommt Anita Güldenring nur, weil sie einen Arbeitsunfall hatte und die Firma, für die sie gearbeitet hatte, sie nicht mehr weiter beschäftigen konnte. „Ich bin über eine Zeitarbeitsfirma an den Job am Fließband gekommen. Angefangen habe ich im Januar 2013 und habe dort von Montag bis Samstag gestanden und Parfüm- und Hygieneartikel in Kartons sortiert. Teilweise neun bis zwölf Stunden am Tag. Pünktlich Feierabend machen war nicht immer einfach. Ich habe mich wie eine Maschine gefühlt und nicht mehr wie ein Mensch“, erzählt Güldenring.

Den Arbeitsunfall beschreibt die 54-Jährige so: Routiniert habe sie einen Pappkarton befüllt und wollte einen weiteren, der auf Kopfhöhe stand, herunternehmen. Allerdings sei dieser nicht richtig zugeklebt gewesen, und der 30 Kilogramm schwere Inhalt fiel auf ihren linken Oberarm – die Nerven wurden eingequetscht. Trotz starker Medikamente seien Gelenk und Finger nicht abgeschwollen. Ihr Arzt habe sie nicht zur Krankengymnastik geschickt, selbst leisten konnte sie sich die Besuche nicht. Bis heute würden Gelenk und Finger anschwellen, wenn sie den Arm stark beansprucht. Krankgeschrieben war sie von Sommer 2013 bis Dezember 2014. Ihr Vertrag wurde danach nicht verlängert. Das Jobcenter habe sie zum Amtsarzt geschickt, der attestierte, „dass ich ein bisschen gehen, ein bisschen stehen, aber nicht über Kopf arbeiten darf“, sagt Güldenring, die bald eine Therapie wegen der Scheidung beginnen will, um noch Dinge zu verarbeiten. Vielleicht ist dann wieder eine Beziehung möglich.

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