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Was nicht genormt ist, wird behandelt

Von: Gudrun Klinkhammer
Letzte Aktualisierung:
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„Träumelinchen“ oder „Zappelphilipp“? AD(H)S-Kinder benötigen besondere Aufmerksamkeit. Foto: dpa

Kreis Düren. Noch relativ neu ist die Selbsthilfegruppe (SHG) „AD(H)S“ in Düren. Erst im Herbst fanden die derzeit zehn Teilnehmer zusammen, deren Sprecherin Anita Braun ist. Impulsgeberin war Kirstin Fuß-Wölbert, Mitarbeiterin beim Paritätischen Wohlfahrtsverband.

Die Abkürzung „AD(H)S“ steht für Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Einhergehen kann dieses Syndrom mit einer Hyperaktivität, daher ist das „H“ in der Abkürzung eingeklammert. Hyperaktive Kinder, also „ADHS“-Kinder, werden gerne mit einem Zappelphilipp verglichen. „ADS“-Kinder gelten gerne als „Träumelinchen“.

Allen kleinen Patienten ist eigen, dass sie im täglichen Leben Probleme haben, etwa in der Schule. Sie sind unkonzentriert und können dem Unterricht nicht folgen. Anita Braun war früher selbst ein „ADHS“-Kind. Das ging soweit, dass Ausgrenzung und Ablehnung auf dem Schulhof auch schon mal die Fäuste fliegen ließen und sie war mittendrin.

Inzwischen 48 Jahre alt, hat die gebürtige Schweizerin, die in Düren lebt, nun drei eigene und drei Pflegekinder im Alter zwischen fünf und 16 Jahren. Auch zwei der Kinder sind betroffen, eins ist ein „Träumelinchen“ und eines ein „Zappelphilipp.“ Anita Braun: „Ich habe wirklich den ganzen Leidensweg durch und habe mit der Machtlosigkeit gekämpft, mit der man konfrontiert wird.“ Sie weiß, dass man die Kinder ja nicht in der Schule an die Hand nehmen kann, sondern abgeben muss. Braun: „Das beinhaltet viele Stressfaktoren und viele Schwierigkeiten.“

Unterschiedliche Ursachen

In der Selbsthilfegruppe tauschen sich Mütter und Väter aus und erzählen, was ihren Kindern und damit auch ihnen geholfen hat.

Die Ursachen für „AD(H)S“ können ganz unterschiedlich sein. Braun: „Tatsache ist, dass die Wahrnehmung nicht so funktioniert, wie das vorgeschrieben und in der hiesigen Gesellschaft erwartet wird. Die Kinder entsprechen nicht dem, was unseren Vorstellungen von zivilisiert entspricht.“

Die Leistungsgesellschaft und der große Druck, dem die Kinder ausgesetzt werden, würden ganz unterschiedlich verarbeitet, die Reaktionen seien nicht alle gleich, sagt die erfahrene Fachfrau. Und was nicht in die Norm passe, werde behandelt. Braun: „Allerdings gibt es tatsächlich auch pathologische Gründe.“ Eine große Hilfe seien verständnisvolle Lehrer, die mit viel Liebe die betroffenen Schüler und Eltern unterstützen.

Schwierig wird es, wenn die Betroffenen es mit Lehrern zu tun haben, bei denen die Erziehung nach Strafe und Belohnung abläuft und Gespräche eher nicht gewollt sind. Ihr eigenes „Träumelinchen“ beschreibt Anita Braun folgendermaßen: „Träumelinchen stören nicht, aber nach zwei Stunden Schule, Lautstärke und Eindrücken haben sie bereits den Kopf unter dem Arm.“ Hausaufgaben am Nachmittag, offene Ganztagsschule – ein derartiges Kind könne sich nicht konzentrieren und drifte ab. Ganzheitliche Therapiemethoden wie Motopädie, Ergotherapie sowie Kinesiologie brachten im Fall Braun Besserung, nach einiger Zeit hatte das Kind wesentlich mehr Power.

Ritalin

In der Diskussion steht das Mittel „Ritalin“ für die Kids Marke „Zappelphilipp“. Anita Braun gab ihrem Kind das Mittel nicht, stattdessen wurden die ganzheitlichen Therapiemethoden mit Erfolg angewandt. Komplett ablehnen möchte es die erfahrene Mutter allerdings auch nicht: „Das Medikament kann ein Krückstock sein, vor allem für den ersten Moment, sollte aber so schnell wie möglich wieder weggelegt werden.“ Fakt sei auch, dass Medikamente wie Ritalin mit der Zeit an Wirkung verlieren und dann zu anderen Wirkstoffen gegriffen werden müsste.

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