Was bleibt von den Preußen?

Von: bugi
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Die Auferstehungskirche in Düren war bis zur Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg eines der bedeutendsten Bauwerke der wilhelminischen Zeit. Welche Spuren die Preußen in Düren hinterlassen haben, zeigt eine Ausstellung im Stadtmuseum. Foto: Stadt- und Kreisarchiv Düren/Burkhard Giesen
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Anne Krings Foto: der Preußen gerade zu rücken und zu hinterfragen, wie viel Preußentum im Rheinländer überdauerte. (bugi)

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Bernd Hahne Foto: der Preußen gerade zu rücken und zu hinterfragen, wie viel Preußentum im Rheinländer überdauerte. (bugi)

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xx Foto: der Preußen gerade zu rücken und zu hinterfragen, wie viel Preußentum im Rheinländer überdauerte. (bugi)

Düren. Wenn ein Tiroler wie Konrad Beikircher dem Rheinländer erklärt, wie er denn so tickt, Sprache und Wesen der hiesigen Menschen genüsslich seziert, könnte man fast den Eindruck haben, man habe es mit einem eigenen Volksstamm zu tun.

Aber ist der Rheinländer nur Rheinländer? Oder anders gefragt: Welche Spuren haben die Preußen beim Rheinländer hinterlassen? Genau dieser Frage gehen das Stadtmuseum und der Kulturbetrieb mit Blick auf die Entwicklung in der Stadt Düren in einer gemeinsamen Veranstaltungsreihe noch bis zum Mai 2016 nach. „200 Jahre Preußen im Rheinland und in Düren“ ist die Reihe überschrieben.

1815 wurde das Rheinland den Preußen zugesprochen. Zuvor war der Dürener eigentlich Jülicher, weil er zum Herzogtum Jülich gehörte, war dann unter Napoleon Franzose – bis 1815 die Preußen das Sagen hatten. „Der Rheinländer war wohl nicht ungern Franzose und hat in der Zeit von der Öffnung nach Westen profitiert“, meint Bernd Hahne vom Stadtmuseum. Diese Verbindungen wurden 1815 gekappt, was laut Hahne anfangs „einen immensen wirtschaftlichen Einbruch“ nach sich zog.

Hinzu kam aber noch etwas anderes: Katholische Lebemänner trafen auf disziplinierte Protestanten – „das hat nicht wirklich gut zusammengepasst“, erklärt Anne Krings vom Stadtmuseum. Zumal die Preußen eine neue Gesetzgebung mitbrachten: von Zollgesetzen bis zur Schulpflicht.

Das sollte zudem „von protestantischen Landräten umgesetzt werden, die mit dem Rheinland nichts zu tun hatten“, sagt Hahne und hat Beispiele dafür parat, dass das in Düren nicht so gut geklappt hat: „Der Dürener Landrat hat fast schon verzweifelt diverse Aufforderungen veröffentlicht, die Steuerfristen einzuhalten.“

Oder: Es findet sich ein Bericht über einen Vater, der zwei Tage inhaftiert wurde, weil er nicht dafür gesorgt hatte, dass sein Sohn zur Schule ging. Spannend ist das komplizierte Verhältnis zwischen katholischen Rheinländern und protestantischen Preußen auch deshalb, weil gerade Düren schon damals über eine große protestantische Gemeinde verfügte.

„Das waren aber eher Protestanten aus dem Westen, calvinistisch geprägt“, erklärt Anne Krings, warum selbst die Dürener Protestanten so ihre Probleme mit den straff organisierten Preußen hatten. Die Suche nach den Spuren der Preußen in Düren wird ab dem 27. September in einer Ausstellung im Stadtmuseum münden.

Viele bauliche Spuren haben überdauert: der Dürener Bahnhof ist in der wilhelminischen Zeit entstanden, die bürgerlichen Häuser an der Holzstraße, Arbeiterwohnungen in Birkesdorf, aber auch viele Industrieanlagen wie zum Beispiel die Dürener Metallwerke. Gezeigt wird auch ein neues Modell der evangelischen Auferstehungskirche, die beim Angriff auf Düren am 16. November 1944 zerstört wurde und eines der bekanntesten Wahrzeichen der wilhelminischen Baukunst in Düren war.

Das Modell aus Holz wurde von Dennis Wollenweber erstellt, ist etwa 35 x 55 Zentimeter groß und soll einen möglichst originalgetreuen Blick auf die ehemalige Kirche vermitteln. Es wird aber auch um bedeutende Persönlichkeiten dieser Zeit gehen, zum Beispiel um Leopold Schoeller, der genau im Jahr 1815 eine Tuchfabrik in Düren gründete, aus der das Teppichkontor (heute Anker) hervorging.

„Schoeller hat politisch, sozial, kulturell und vor allem wirtschaftlich viel in der Stadt angestoßen. Es ist ein großes Versäumnis, dass es noch immer keine Biografie über ihn gibt“, betont Bernd Hahne. Schoeller steht für den späteren wirtschaftlichen Aufbruch, nicht nur durch eigene Unternehmen (zum Beispiel auch durch die Zuckerfabrik), sondern auch mit Blick auf die Infrastruktur – er hat die Entscheidung über den Bau der Eisenbahnlinie Köln – Aachen über Düren wesentlich geprägt und den Bau der Straße von Düren nach Köln mitfinanziert.

„Unser Bild von Preußen ist von Pickelhaube, Uniformen und Militarismus geprägt“, erklärt Anne Krings. „Den kulturellen Einfluss der Preußen hat man dabei lange unterschätzt“, ergänzt Hahne. Auch dafür ist Schoeller ein gutes Beispiel.

Er stiftete den Bauplatz für eine Bürgerschule (das heutigen Wirteltor-Gymnasium) und richtete für seine Arbeiter schon früh eine Krankenkasse ein. Soziale Errungenschaften, die im Rest des Reiches unter Bismarck erst später folgten. Genau darum soll es bei dem Veranstaltungsreigen auch gehen: Das Bild der Preußen gerade zu rücken und zu hinterfragen, wie viel Preußentum im Rheinländer überdauerte.

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